Design-Highlights: So schön kann das stille Örtchen sein

Bernhard Praschl

von Bernhard Praschl

Nasszellen mutieren zu Wohlfühloasen. Diesen Trend merkt man auch an spektakulären WCs in Kaffeehäusern und Restaurants in und um Wien.

Im Normalfall wird nicht viel Wind um Design und Ästhetik des stillen Orts gemacht. Hauptsache praktisch, so die Devise. So blieb sich diese Errungenschaft der Zivilisation seit der Installation des ersten Wasserklosetts der Neuzeit anno 1596 - durch Sir John Harington, einem Patensohn von König Elisabeth I. übrigens - im Wesentlichen auch treu.

Bis, ja, bis der Keramik-Gigant Villeroy & Boch 1975 Luigi Colani bat, der Badekultur mehr Pepp zu verleihen. Der für seine weiche Formensprache bekannte italienische Design-Guru erarbeitete eine Keramiklinie mit neuem Farbkonzept. In einem Interview, das der 2019 im Alter von 91 Jahren verstorbene Gestalter gab, erklärte er seine Motivation als "Dienst am Menschen, der nackt, früh am Morgen und müde sich mit Dingen konfrontieren muss."

©Villeroy & Boch

Dem Menschen müsse "Fröhlichkeit entgegenkommen, und nicht super-gestyltes Design. Der braucht Weichheit, nicht Stahl, Holz, spitze Dinge, Kanten, Ecken", so Colani weiter.

Colanis Markenzeichen war der runde Schwung
©APA - Austria Presse Agentur

Fröhlichkeit! Ein gutes Stichwort, um sich der Novität im Kaffee Alt Wien kaffeealtwien.at in der Bäckerstraße zu nähern. Trinkt man dort ein zwei Gläser Wasser zur Melange, kann es gut sein, dass frau die Toilette aufsuchen will. Und siehe da, auf den zweiten Blick und nach Knopfdruck ist dort alles anders, als auch Mann das von seinem stillen Örtchen gewohnt ist. 

Dort geht nämlich die Post ab. Untermalt von bunten Lichtspots und der Bee Gees-Hymne "Stayin  Alive" mutiert der intime Rückzugsort zur Discoklause. "Wir wollen unsere Gäste überraschen", sagt Martin Jandrisovits, der für die PR für das bald hundert Jahre alte Kaffeehaus zuständig ist.

©Kaffee Alt Wien / JM Kommunikationsberatung

Experiment gelungen. Im Kaffee Alt Wien läuft diese Erneuerung unter dem Stichwort "Alt Wien reloaded", dazu zählen auch ein extra Saal als Restaurant samt Speisekarten mit Fine Art Fotos. Aber zurück zu dem Ort, der im Leben so häufig aufgesucht, über den aber so selten gesprochen wird. Ganz im Trend liegen derzeit schwarze Fliesen oder ein Mix aus Schwarz und Weiß, denkt man, wenn man die Toiletten im neuen Grill Hotspot Trixie Kiddo's trixiekiddos.at am Urban-Loritz-Platz 1 in Wien-Neubau oder in der Vinothek Lux in Wolkersdorf im Weinviertel aufsucht vinothek-lux.at.

©Sebastian Lux

Beide Örtlichkeiten verströmen einen kosmpolitischen Hauch New Yorker Urbanität. Checken Sie es aus! 

Vielleicht bis zum 19. November. An diesem Tag wird nämlich seit 2001 der Internationale Toilettentag begangen: mit dem Ziel, die weltweite Sanitärversorgung zu verbessern.

Das Bedürfnis, sich über das WC oder 00, die Lokalität mit der Doppelnull, auszutauschen, ist offenbar groß, sehr groß. Die zwei Millionen Beiträge auf der Instagram-Seite #toilet können ja nicht von ungefähr kommen.

Hier ist alles zu finden, was zum Thema gehört: Frank Zappas legendäres Klo-Poster, das in den Seventies in keiner WG fehlen durfte, ebenso wie Aufnahmen von stylischen Outdoor-Toiletten, Katzen- ebenso wie Designerklos.

Ein Klo ist zwar kein kurzlebiger Konsumartikel, aber Trends sind hier genauso abzulesen. Bei Villeroy & Boch hat man eben die Badetrends 2022 definiert. "Leise, geerdete Farbtöne" werden dabei genannt, auch eine matte Farbe wie Coal Black. Und, ganz wichtig: Mit einer neuen Spültechnologie wie TwistFlush lasse sich der Wasserverbrauch einer vierköpfigen Familie um knapp 20.000 Liter pro Jahr senken. 

Sir John Harington hätte ganz schön geschaut, dass seine Erfindung nach wie vor für Innovationen gut ist.

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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