Das Geheimnis der „Lucky Girls“ auf Tiktok

Nach dem Megatrend Manifestieren schwören Influencerinnen auf das „Lucky-Girl-Syndrome“ – nicht ohne Kritik.

In der populären Social-Media-App Tiktok steht Jammern derzeit nicht sehr hoch im Kurs. „Ich halte mich für einen der glücklichsten Menschen, die ich kenne“, säuselt etwa die Influencerin Laura Galebe in ihre Handykamera. Sie gilt als Vorreiterin einer Bewegung, die sich seit Jahresbeginn viral im Netz verbreitet: das „Lucky-Girl-Syndrome“ beschreibt eine neue Manifestationstechnik, die das ganze Leben zum Positiven verändern soll.

So jedenfalls behaupten es Galebe und zahlreiche andere „Lucky Girls“ in ihren Videos. 130 Millionen Mal wurde der Hashtag #luckygirlsyndrome innerhalb weniger Wochen aufgerufen. Die Idee dahinter? Wenn man sich lange genug einredet, das glücklichste Mädchen der Welt zu sein, zieht man das Glück automatisch an. Grüne Ampeln, einen liebevollen Partner, Erfolg im Job.

Das Syndrom basiert auf dem Gesetz der Annahme, das bereits Mitte des 20. Jahrhunderts von Neville Goddard formuliert wurde: Es besagt, dass sich Ziele und Wünsche dann erfüllen, wenn man sich so verhält, als wäre dies bereits eingetreten. So rät ein „Lucky Girl“ auf Tiktok, bereits Anfang des Jahres eine Bilanz zu schreiben, mit den Zielen, die man Ende 2023 erreicht haben wird.

Positive Affirmationen können für die mentale Gesundheit und den Selbstwert tatsächlich förderlich sein, erklärt die Psychotherapeutin Judith Kantor. „Die bewusste Gestaltung der Gedanken hat die Veränderung der Wahrnehmung und des eigenen Verhaltens zur Folge. Voraussetzung ist, dass ich davon überzeugt bin und mir nicht bloß stumpf Sätze vorsage.“

Positiver Teufelskreis

Die Expertin nennt ein Beispiel: „Wenn ich mit der Affirmation ‚Heute ist so ein schöner Tag’ außer Haus gehe, werde ich eher ein Lächeln aufsetzen, andere zu freundlicheren Verhaltensweisen bewegen und meinen Tag wiederum als schön erleben. Denn unser Gehirn sucht stets nach Informationen und Beweisen, die uns in unseren vorhandenen Annahmen bestätigen.“ Dasselbe gelte in der Liebe: „Wenn ich manifestiere, wie mein Partner bzw. meine Partnerschaft sein soll, zeichne ich innerlich ein konkretes Bild davon und werde auch im Außen gezielter danach Ausschau halten.“

Wie bei jedem Trend wurde auch bei diesem Kritik laut. Der Lucky-Girl-Hype würde Privilegien, günstige „Startbedingungen“, außer Acht lassen, heißt es. So sei es kein Zufall, dass alle „Lucky Girls“ weiß und gesund sind und dem konventionellen Schönheitsstandard entsprechen. Zudem steht der Vorwurf der toxischen Positivität im Raum – negative Gefühle würden in den Hintergrund gedrängt oder negiert. „Doch Ärger, Trauer oder Wut gehören genauso zum Leben wie Glück, Freude und Erfolg“, betont Kantor.

Dass die positive Haltung auch Glück im Spiel bringt – wie zwei Tiktokerinnen nach einem Sieg im Casino behaupteten –, bezweifelt die Therapeutin. „Natürlich stoßen positive Affirmationen an ihre Grenzen.“ So ließen sich weder Schicksalsschläge abwenden noch die Gewinnchancen im Lotto erhöhen. „Man darf auch nicht vergessen, dass neben dem Glauben an sich und einer Portion Glück oft harte Arbeit und Ausdauer hinter Erfolgsgeschichten stehen. Und das bleibt in den sozialen Medien oft unerwähnt.“

Julia Pfligl

Über Julia Pfligl

Seit 2014 beim KURIER, Ressort Lebensart

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