Weekender: Showtime-Wochenende in Hamburg

Nach New York und London ist Hamburg die drittgrößte Musicalhochburg weltweit. Gleich fünf große Produktionen begeistern hier jährlich über zwei Millionen Zuschauer. 2022 feiert der „König der Löwen“ sein 20. Bühnenjubiläum.

Überblick

Anreise

Ganz bequem in 13 Stunden mit dem ÖBB Nightjet von Wien nach Hamburg nightjet.com. Oder in 1,5 Stunden per Flugzeug (z. B. austrian.com/de)

Info

Hamburg Infos: hamburg-tourism.de

Von Brigitte Jurczyk

Wenn die Sonne langsam über der Savanne aufgeht, Rafikis Stimme machtvoll ertönt, den Raum bis in die hinterste Ecke füllt und die Tierfiguren die Bühnen einnehmen, hält jeder im Saal die Luft an. Nichts ist mehr zu hören, kein Hüsteln oder Flüstern. Die Serengeti erwacht und mit ihr ein Feuerwerk der Farben und Emotionen, das auch nach 7.500 Aufführungen nichts von seinem Zauber verloren hat. Über 70 Auszeichnungen hat das Musical „König der Löwen“ bislang eingeheimst, 14 Millionen Zuschauer haben es in Hamburg gesehen. In diesem Jahr feiert es sein 20. Bühnenjubiläum und die Metropole im Norden Deutschlands feiert gleich mit.

Hier Landungsbrücken, dort der Hafen und dazwischen die Elbe und eine Fähre, die das Publikum zum Musicaltheater bringt

©Shutterstock / canadastock/canadastock/Shutterstock

Die Hansestadt ist die Musicalhochburg Deutschlands – und das seit Jahrzehnten. Was in den 1980er-Jahren mit dem Musiktheater „Cats“ begann, ist eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen. Nach New York und London steht Hamburg heute auf Platz drei der weltweiten Musicalhauptstädte. Das hat der „Waterkant“ einen nicht abreißenden Touristenstrom beschert. Zur Zeit sind auf den Bühnen der Stadt neben Disneys „König der Löwen“ sowie „Die Eiskönigin“ zu sehen: „Tina – das Tina Turner Musical“ (noch bis einschließlich August) und das Hexenspektakel „Wicked“. Ab September wird auch wieder „Mama Mia“ seinen Auftritt haben und im Oktober kommt dann endlich das Erfolgsepos „Hamilton“ an die Elbe mit einem Stoff, aus dem der American Dream gemacht ist: Dem Einwanderer Alexander Hamilton gelingt mit Mut und Wortgewandtheit der soziale Aufstieg. Er kämpft für Unabhängigkeit und Demokratie – das Ganze unterlegt mit einem Mix aus Hip-Hop und Pop. Eine erstaunlich modere Performance in historischen Kostümen und mit aktuellem gesellschaftlichen Bezug – am Broadway bereits ein Riesenhit. Und sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung urteilt: „Das temporeichste Stück in der Geschichte des Musiktheaters“.

Musicalstadt, Speicherstadt

Die Zentrale, in der alle Fäden der Musicalszene zusammenlaufen, hat ihren Sitz in der Hamburger Speicherstadt. Dort residiert „Stage Entertainment“ in einem dieser historischen Speicher, in denen hinter roten Backsteinfassaden früher Gewürze, Kaffee oder Teppiche gelagert wurden. Das Unternehmen bringt weltweit 70 verschiedene Musiktheater-Produktionen auf die Bühne. 1998 wurde es von Joop van den Ende in den Niederlanden gegründet; seit der Jahrtausendwende entwickelte sich Stage Entertainment Deutschland zum Marktführer.

Die Musicalschmiede hat sich als Standort ein architektonisch und geschichtlich spektakuläres Ensemble ausgesucht: Die Hamburger Speicherstadt ist der größte historische Lagerhauskomplex weltweit. Seit 1991 steht sie unter Denkmalschutz. 2015 setzte sie die UNESCO zusammen mit dem angrenzenden Kontorhausviertel auf die Liste des Welterbes. Mit gutem Grund. Die von sechs Fleeten (Wasserläufen) durchzogene Speicherstadt im backsteingotischen Stil ist nicht nur einzigartig, sie verbindet auch den Hafen mit der Stadt. Erbaut wurden die 15 großen, auf Nadelholzpfählen stehenden Lagerhäuser zwischen 1885 und 1927 auf einer sich über einen Kilometer erstreckenden Ansammlung schmaler Inseln in der Elbe.

Nichts von seinem Zauber verloren: Seit 20 Jahren ist „Der König der Löwen“ Hamburgs Musicalmagnet. 14 Millionen Zuschauer haben das Stück schon gesehen

©Stage Entertainment/Deen van Meer

Man erfährt viel über die Seele Hamburgs bei einer Führung durch die einstige Freihandelszone, in der die hanseatischen Kaufleute ihre Waren aus aller Welt lagerten. Noch heute hat jedes der Häuser einen Zugang zum Wasser und einen zur Straße. Und noch heute spielt Kaffee hier eine große Rolle: 700.000 Tonnen Kaffeebohnen werden jedes Jahr im Hamburger Hafen umgeschlagen. Das macht die norddeutsche Metropole zum größten Umschlagplatz für Rohkaffee in ganz Europa.

Einst armes Fischerdorf, heute Bilderbuch-Idylle am Rande der Hansestadt: In Blankenese haben viele Häuser Bestblick auf die Elbe 

©Getty Images/iStockphoto/tupungato/iStockphoto

Schon 1677 eröffnete das erste Kaffeehaus in der Hansestadt. 1887 bekam dann Hamburg sogar eine eigene Kaffeebörse – und wurde nach London und Le Havre zum drittwichtigsten Handelsplatz. Unzählige Kaffeeröstereien haben hier ihren Sitz. Eine der besten – die Speicherstadt Kaffeerösterei – röstet ebenfalls in einem Lagerhaus hinter rotem Backstein: Ein Erlebnis, denn hier kann man beim Rösten zuschauen und die Kaffeespezialitäten auch gleich in typischer Lagerhausatmosphäre verkosten.

Genussreich: Speicherstadt-Kaffeerösterei

©mauritius images / imageBROKER/imageBROKER/mauritius images

Alles in Miniatur

Das Kaffeehaus liegt in direkter Nachbarschaft zu einem weiteren Besuchermagneten: Das Miniatur Wunderland. Seit 2001 ist in fast einer Million (Hand-)Arbeitsstunden auf über 1.500 Quadratmetern die größte Modelleisenbahn der Welt entstanden. Die Weltreise im Miniaturformat gehört zu Deutschlands beliebtester Touristenattraktion und wächst immer noch weiter. Eine verrückte Idee zweier Brüder, die zusammen mit einem Geschäftspartner eine Diskothek in Hamburg betrieben und nach Jahren aus dem Nachleben aussteigen wollten. Gelandet sind sie damit im Guinnessbuch der Rekorde und freuen sich immer noch diebisch über ihren Coup, den viele am Anfang für eine Spinnerei hielten. Über 21 Millionen begeisterte Besucher des Miniatur-Wunderlands in 21 Jahren sehen das anders und freuen sich über die 1.100 Züge mit über 10.000 Waggons, die über 16 Kilometer Gleise durch einen faszinierenden Kosmos en miniature fahren. Heute ist die historische Speicherstadt Teil eines neuen Stadtteils – der Hafencity Hamburg: Durch den seit Mitte der 1960er- Jahre wachsenden Containerumschlag und die immer größer werdenden Schiffe verlagerte sich der aktive Hafen immer weiter elbabwärts. Die Fläche, auf der sich jetzt das neue Viertel erstreckt, wurde immer mehr zur Industriebrache; die alten Schuppen sind längst abgerissen und durch schicke Wohnblöcke ersetzt. So nah an der City und so nah am Wasser – das lassen sich die Menschen in diesem hier etwas kosten. Die Mietpreise gehören zu den höchsten in Deutschland.

Beliebte Strandbar „Strandperle“

©Strandperle

Gekrönt wird die Hafencity durch ein Bauwerk, das längst Kultstatus erreicht hat, auch wenn es sehr lange dauerte, es zu errichten. Und auch wenn es mit rund 866 Millionen Euro das 11-fache dessen verschlungen hat, was ursprünglich veranschlagt war: die Elbphilharmonie. Sie feiert in diesem Jahr ihren 5. Geburtstag. Der markante gläserne, geschwungene Aufbau, der auf einem ehemaligen Kakao-, Tee- und Tabakspeicher von 1963 auf der Kehrwiederspitze weithin sichtbar über der Elbe thront, hat längst den „Michel“ – die St. Michaeliskirche – als Wahrzeichen der Stadt abgelöst. Und er zieht übrigens auch all jene an, die mit klassischer Musik nichts am Hut haben. Denn die beiden Konzertsäle füllen auch Popbands mühelos mit ihren Fans.

Der beste Ort, um Hamburg-Luft zu schnuppern, ist der Außenrundgang der Plaza – ein öffentlicher Raum zwischen dem alten Backsteinsockel und dem neuen Glasaufbau des von allen liebevoll „Elphi“ genannten Bauwerks. In 37 Meter Höhe legt sich die Elbe in einem spektakulären Blick den Schauenden zu Füßen. Von hier oben entdeckt man auch die beiden Musicalspielstätten, die auf dem Gelände der ehemaligen Stülcken-Werft im Hamburger Stadtteil Steinwerder errichtet wurden – das Stage Theater an der Elbe und das Theater im Hafen Hamburg: Fähren bringen die Besucher von einem Ufer zum anderen, wo sie Abend für Abend in die magische Welt des „Königs der Löwen“ eintauchen.

Kommentare