Balearen aus der Sicht eines Tennisballs: Rafael Nadals Mallorca

Mallorca ohne Ballermann, wie schaut das aus? Ein Besuch der eher unbekannten Plätze und Strände der beliebten Baleareninsel.

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Mit Austrian nonstop von Wien nach Palma de Mallorca in 2 Stunden 30 Minuten

Raus aus dem Flieger, rein ins Taxi und ab die Post! Mallorca abseits der Touristenpfade ist das Thema. Und da wollen wir gleich auch den Leihwagen in der Garage lassen und vertrauen uns beim Trip ins Hinterland einem einheimischen Fahrer an.

Seltsame Idee? Ganz und gar nicht. Denn gerade zu später Stunde ist die Fahrt auf mallorquinischen Straßen ein heißer Tipp. Vorzugsweise im Linienbus 401. Achterbahnfahrt nichts dagegen, wie wir ein paar Tage später spüren. Besonders auf den kurvigen und hügeligen Passagen von Manacor nach Porto Cristo.

Nein, der Busfahrer hieß nicht Fernando mit Vor- und Alonso mit Nachnamen. Seine Ambitionen aber waren fast ebenso sportlich wie die des Formel-1-Routiniers. Jedenfalls ist die Anreise schon eine gute Einstimmung auf den Besuch des Stolzes von Manacor: das Rafael-Nadal-Museum „Xperience“.

Xperience: Rafa Nadals Sportmuseum

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Richtig, der „Sandplatzkönig“ und 21-fache Grand-Slam-Gewinner Rafael Nadal hat sich hier sein eigenes Museum erbaut. Eine Tennisakademie mit vielen Plätzen, riesigem Hotel samt Restaurant gleich dazu. Manacor, nach der Metropole Palma die geschäftigste Stadt Mallorcas, will so ihr Image als balearisches Aschenputtel ablegen.

An Orten wie Deià, Sóller oder Valldemossa führt nichts vorbei, wenn man sich nur ein wenig für das Hinterland interessiert. „Aber wer kennt schon Manacor?“, hieß es vor kurzem in einer großen deutschen Zeitung.

Am Strand von Porto Cristo: Hier verbrachte Rafael Nadal seine Kindheit

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Stimmt schon. Als Tourist wirkt man in diesem Teil Mallorcas fast ein wenig wie ein Exot. Feriengäste bleiben üblicherweise in Palma oder auf ihrer Finca picken und machen höchstens einen Ausflug nach Valldemossa, wo der polnisch-französische Pianist Frédéric Chopin vor 180 Jahren seine Tuberkulose auskurieren wollte. Oder sie gondeln für einen halben Tag mit der historischen Schmalspurbahn durch die Zitronenwäldchen nach Sóller, um dort was zu tun? Wieder auf das Meer und seine Wellen zu starren. Manacor aber wird gern links liegen gelassen.

Natürlich nicht vom prominentesten Sohn der mit etwa 44.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Mallorcas. Während internationale Spitzensportler sich sonst gerne steuerschonend in Monaco ansiedeln, nutzt der heimatverbundene Rafael Nadal seine Prominenz, um eine gesamte Region zu pushen. Seit der Tennisstar seiner Heimatstadt eine technisch alle Stückerl spielende Weihestätte baute – das Museum „Xperience“ – ist die lokale Sehenswürdigkeit Nr. 1, nicht mehr die Pfarrkirche Nostra Senyora dels Dolors mit dem 80 Meter hohen Glockenturm.

Alles außer Angeben

Sei’s drum, die Bewohner der angenehm verschlafenen Stadt erwecken den Eindruck, dass sie nicht ungern aus dem Dornröschenschlaf erwachen. In der schmalen Gasse Carrer d'En Joan Lliteras ist soeben eine ehemalige Bäckerei zum Kulturzentrum Can Lliro mit vorzeigbarem Veranstaltungssaal mutiert. In der Patisseria Ca'n Roca unweit der Pfarrkirche ist man froh, die regionalen Spezialitäten Mandelkuchen und Blätterteigschnecken mit Vanillefüllung auch einmal Ortsfremden anpreisen zu können. Und wer sich nach einem Stadtrundgang doch wieder nach dem Meer sehnt, der kommt im angrenzenden Porto Cristo auf seine Kosten.

Auch ein Muss für jeden Mallorcabesucher: Sóller 

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Porto Cristo ist ein Hafenstädtchen wie aus dem Bilderbuch. Die Straßen und Gassen sind gesäumt von Boutiquen, Tapas-Bars, Eissalons und Parkbänken. Und selbst wenn im Hafen inmitten der eher kleinen Motorboote und Segeljachten der futuristische schwarze Katamaran von Rafael Nadal hervorsticht, hat man nie den Eindruck, Angeben zähle hier zum guten Ton.

„Mallorca ist kein Ort, der allzu viel Helden hervorbringt“, heißt es in dem regionalen Bestseller Dear Mallorcans, „und diejenigen, die die Insel hervorbringt, werden nicht im Geringsten gefeiert“. Schlecht für jene, die ohne große Leistung nach zumindest fünfzehn Minuten Ruhm streben. Gut für einen Weltstar wie Nadal, der in Wimbledon von Autogrammjägern verfolgt wird, in seiner Heimat aber ohne viel Tamtam um seine Person einkaufen oder auf einen Drink gehen kann.

„Die Lebensweise in Palma ist einfach; überflüssiger Luxus wird vermieden“, notierte schon Ludwig Salvator Erzherzog von Österreich-Toskana, der im Sommer 1867 mit seiner Dampfsegeljacht „Nixe“ an der Küste gelandet war und das Eiland jahrzehntelang erforschte.

Hier entstand die Kunst von Joan Miró  

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„Die wilde Schönheit der Hauptinsel Mallorca und die Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner beeindruckten ihn“, so Wolfgang Löhnert, der als Präsident der Ludwig Salvator-Gesellschaft in Wien die andere Seite der Party-Insel Mallorca in den Vordergrund stellen möchte. Und sich dabei in guter Gesellschaft befindet. Auch Michael Douglas, so Löhnert, sei ein „großer Fan des ,Archiduque’“. Der Hollywood-Star, der mit seiner Frau Catherine Zeta-Jones bei Valldemossa seit Jahren in dem einst von Ludwig Salvator geplanten Landhaus S'Estaca urlaubt, hat dort ein Infozentrum rund um Leben und Wirken des unkonventionellen Habsburgers und Naturschützers initiiert.

Der wahre Schatz

Mallorcas Ziel sei unter anderem, den vielen Besuchern der Chopin-Pilgerstätte in der Kartause von Valldemossa vor Augen zu führen, woraus der wahre Schatz Mallorcas bestehe: aus seiner prachtvollen Flora und Fauna. Man braucht nur auf der 1912 errichteten Bahnstrecke zwischen Palma und dem Küstenort Sóller einzuchecken, schon fühlt man sich in jene Zeit zurückversetzt, in der sich der Erzherzog in Mallorca verschaute.

„Unbestreitbar ist Sóller die schönste Ortschaft der Insel, ja, man kann ruhig sagen, eine der schönsten der Welt, denn alles findet sich hier in schönster Vereinigung“, hielt der Habsburger fest: „landschaftliche Schönheit der Umgebung, Fruchtbarkeit des Bodens, großer Wasserreichtum, balsamische Luft mit dem sonnigen Himmel, und mildes, gesundes Klima“.

Man kann ruhig annehmen, dass Rafael Nadal jenen Ort, in dem er vor 35 Jahren geboren wurde, ebenfalls für den schönsten der Welt hält. Seit über drei Generationen lebt seine Familie in Manacor und Porto Cristo. Ebendort hat sein Vater Sebastián als 16-Jähriger seine ersten Schritte in die Selbstständigkeit gemacht: als Barkeeper.

Gutes Stichwort. Wir schauen uns um und stolpern in ein Lokal mit dem sinnigen Namen Vintasty. So originell wie die im Vintage Look gehaltene Einrichtung erweist sich auch die Präsentation der Speisen. Spieße hängen von oben herab, die Desserts gleichen Kunstwerken und der Wein, ja, der spielt in Mallorca sowieso in einer eigenen, einer ausgesprochen sonnigen Liga.

©Privat

Aber halt, zu viele Gläser dürfen wir nicht kosten. Denn wir haben noch einiges vor, und der Zeitplan ist dicht gedrängt. Für zwei Tage reservieren wir einen Leihwagen, werden in dem mittelalterlichen Städchen Artà zufällig Zeuge, wie dort ein Tangokurs mitten auf dem Dorfplatz über die Bühne geht. Und hanteln uns dann auf der Suche nach einem echten Geheimplatz von Bucht zu Bucht. Verraten wird nichts, aber die Cala Romantica bei Porto Cristo ist keine schlechte Wahl.

Von Manacor nach Palma führt auch ein Zug. Wir lassen uns wieder von unserem Taxifahrer chauffieren. Ist weniger stressig und zugleich eine gute Gelegenheit, die Spanischkenntnisse etwas aufzupolieren. Keine gute Idee, Schulspanisch stößt bei den eher Katalanisch parlierenden Mallorquinern auf taube Ohren. Macht nichts, wir wissen noch einen perfekten Zwischenstopp: das Miró-Museum.

Ah, das Meer! Rund um Porto Cristo bezaubern entlang der Küste viele kleine Ortschaften,  etwa hier Cala Anguila  

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Joan Miró, der spanisch-katalanische Maler, Grafiker, Bildhauer und Keramiker mit dem Faible für surrealistische Symbole wirkte nach Jahren in Paris ab 1956 auf Mallorca. Sein ehemaliges Atelier ist heute Schaufenster seines Genies und zugleich eine gute Einleitung für den Abschied von der Insel. „Woher kommt ihr?“, fragt der Museumsführer. Aus Wien.

„Sehr gut, Miró mochte Wien“, gibt es als Antwort. Und seine Hand weist auf einen verstaubten Schaukelstuhl, auf dem der Meister nach getaner Arbeit ausruhte. „Von Thonet“, sagt er und versichert uns: „Schwingt noch immer, und zwar fast so kräftig wie die Vorhand von Rafa Nadal.“

Na, bitte, hasta la vista. Wir kommen wieder, mit Tennisracket.

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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