Hellebarde in der Finsternis: Nachts in Coburg

Wenn im oberfränkischen Coburg nachts ein Scheppern durch die gepflasterten Gassen schallt, ist Nachtwächter Roland unterwegs

Blechern setzt die Hellebarde von Nachwächter Roland Schäfer auf dem Kopfsteinpflaster des Coburger Marktplatzes auf, als er sich im Gehen umdreht, seine Schützlinge für die Nacht anschaut und sich räuspert. Wenn die Sonne untergegangen ist und die Fassaden des Städtchens beleuchtet werden, nimmt Roland Neugierige mit auf Patrouille. Er führt sie durch schummrige Gassen, um ihnen von Coburg und seinen Menschen zu erzählen – unter ihnen Royals und Nachtwächter.

„Um 1670, da sprach man in Coburg von einem Wächter, der mit einer Stangenwaffe unterwegs war“, erzählt Roland. Die Aufgabe war, in der Nacht für Ordnung in den Straßen zu sorgen und wichtigen Personen den Weg zu leuchten. Tunichtgute, die von der Dunkelheit profitierten, waren nicht erfreut über die Wächter mit ihren Lichtern.

Verstecktes Fachwerk

Roland stützt sich beim Erzählen an seiner Hellebarde ab, um seine flackernde Laterne auf die Stufe der Statue auf dem Marktplatz zu platzieren. Er stellt den Drei-Meter-Mann aus Bronze vor: „Das ist Prinz Albert, Gemahl von Queen Victoria, die bis 1901 das Weltreich England regierte. Albert und Victoria hatten neun Kinder.“ Nach seinem frühen Tod ließ Victoria weltweit Statuen von ihm bauen. Die Liebe der beiden steht außer Frage, aber Alberts Präsenz ausgerechnet auf dem Coburger Marktplatz muss Roland erklären: Albert war der „Coburger Prinz“, er stammte aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Das Königspaar war öfters in Coburg – auch auf Schloss Ehrenburg, wo die Queen 1860 eines der ersten Wasserklosetts in Europa installieren ließ.

©Sophie Neu

Der schwarze Wollmantel des Nachtwächters schwingt, während er durch die Gassen patrouilliert, Häuser mit spitzen Giebelwänden reihen sich aneinander. Alles Fachwerkhäuser, sagt Roland. Das Fachwerk erkennt man bei den wenigsten – als vor zweihundert Jahren eine Steuer auf Fachwerkhäuser eingeführt wurde, verputzten die Coburger kurzerhand ihre Fassaden. Immerhin die Fachwerkfassade des Münzmeisterhauses blieb erhalten, so wie der finstere Durchgang darunter, der Richtung Coburger Veste führt.

Die Altstadt liegt hinter Roland, als er mit seiner kleinen Laterne bei einer Säule hält, vor ihm liegt Finsternis, weit dahinter leuchtet die Veste Coburg. Ihr Licht blitzt in der Spitze seiner Hellebarde. Oben, in der Rüstungskammer der Veste, lagern eine enorme Waffensammlung, von Harnischen bis zu Hellebarden, sowie die Kutschen der Coburger Adligen. Unter der Veste verliefen früher der Stadtgraben und die Stadtmauer.

Durch den Graben, so erzählt der Nachtwächter, lief das Abwasser. Heute patrouilliert er statt über die Stadtmauer durch den im Graben angelegte Park bis zum Albertsplatz, in den das Schmutzwasser früher mündete. Es dürfte Queen Viktoria nicht recht gewesen sein, dass der Platz nach ihrem Mann benannt wurde. Ursprünglich sollte zwar dort seine Statue errichtet werden, aber sie bestand darauf, sie auf den Marktplatz zu verlegen. Nachtwächter Roland setzt ein letztes Mal geräuschvoll seine Hellebarde auf den Boden. Er hat seinen Schützlingen den Weg heimgeleuchtet.

©Grafik

Infos und Tipps zu Coburg

Klimafreundliche Anreise 
Mit dem ICE 92 ab Wien direkt nach Coburg. Buchbar bei den ÖBB

Unterkunft
Villa Victoria: Detailverliebt restaurierte Jugendstilvilla mit großzügigem Frühstücksbuffet im lichtdurchfluteten Salon. Gute Lage an der Altstadt. 
Einzelzimmer ab 95 €  , Doppelzimmer ab 140 € pro Nacht, inklusive Frühstück 

Ausflüge
Veste Coburg: Die sehenswerte Festungsanlage beherbergt mehrere Ausstellungen und liegt einen mäßig anstrengenden Spaziergang von der Altstadt entfernt. Alternativ fährt die Gecko-Bahn regelmäßig 
Führung mit dem Nachtwächter. Die Touren mit Roland Schäfer dauern rund anderthalb Stunden, finden regelmäßig statt und können gebucht werden um 9 € p. P.

Über Sophie Neu

Sophie Neu ist seit 2022 beim Kurier und schreibt für das Ressort Reise.

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