Erfahrungsbericht: "Mein erster Dreier – und was ich daraus lernte"

Sex zu dritt gilt als einer der häufigsten Fantasien. Und wenn’s wirklich passiert? Eine Frau - und ihre anonyme Erzählung.

Lang ist’s her, aber wie soll man's sagen? Ich war Mitte dreißig, neugierig, offen, abenteuerlustig und von der Idee beseelt, das Leben auskosten zu müssen. Eine konkrete Vorstellung dessen, was das bedeutete, hatte ich nicht – stattdessen lebte ich ergebnisoffen. Im Sinne eines: Mal sehen, was kommt – oder eben nicht. Ich war überzeugt, dass sich die richtigen Dinge zum richtigen Zeitpunkt ergeben würden. Auch sexueller Natur.

Das machte Spaß, selbst ohne fiebrige Promiskuität. Zur radikalen One-Night-Stand-Praxis taugte ich nicht, paar Mal probiert, meist ein etwas fahler, fader Nachgeschmack. Mich nervte und verletzte das männliche „Verhalten danach“, obwohl schon zu Beginn der Story klar war, dass da nix "danach" kommen würde.

So war’s ausgemacht und trotzdem hasste ich es, nicht postkoital vergöttert und mit Blumensträußen beworfen zu werden. Keine Wertung: Die, die es schaffen, sich emotional entsprechend zu positionieren, um sich auf das rein sexuelle Vergnügen zu fokussieren – gegönnt!

Zu dieser Zeit war vieles leichter – das Leben, die Art und Weise des Ausgehens, Datens (in Echtzeit!) und Kennenlernens. Die analoge Langsamkeit, die nicht zwingend Fadesse bedeutete, im Gegenteil. Das Kennenlernen war spannend, die Anbahnung, das Atmosphärische, die Zeit, die man investierte. Und so feierte ich in diesem Sinne manche Nacht durch, wie auch an jenem Freitag im Spätwinter, erst in einem Restaurant, später in einer Bar und zu vorgerückter Stunde landeten ein paar FreundInnen und ich in meiner Wohnung.

Erst zu sechst, irgendwann blieben genau drei Menschen übrig. Ein Mann, eine Frau und ich - nicht mehr ganz nüchtern, aber auch nicht stockbesoffen. Von da an begann die Nacht ihre spezielle Geschichte zu schreiben, zwischen Rotwein, Zigaretten und ein paar Songs von Grover Washington.

Wie soll man es ausdrücken? Eine seltsam laszive Müdigkeit überkam uns, wir waren mit allem durch, zugleich sehr angeregt. Durch Gespräche, durch den Wein, durch die Impressionen einer langen Nacht im dunklen Winter. Noch dazu mochte ich die beiden irgendwie.

Seltsam, anders, prickelnd

Wir lungerten im großen Sofa herum, auf einmal begann sie, meine Haare zu kraulen, von einem Moment zum anderen bekam die Konversation und Atmosphäre einen erotischen Touch. Wir sprachen darüber, was uns sexuell anturnt, lachten, blödelten herum, meinten es lustig, meinten es ernst. Er hatte damit begonnen, seine Freundin folgte, nun redeten wir auf einmal von Dingen, die ich normalerweise nur mit meiner besten Freundin besprach oder mit einem Partner. Es war seltsam, es war anders, es war prickelnd, mit Fremden so viel Intimes zu teilen. Und es fühlte sich gut an. Leben eben, ergebnisoffen und abenteuerlustig.

Es dauerte nicht lange, da wurde mir klar, worauf die Situation hinauslaufen würde – eine Ménage-à-trois. Glasklar, unmissverständlich lag‘s in der Luft. Kaum gedacht und gefühlt, hatte es der gute Mann (attraktiv, aber nicht mein Typ) auch schon ausgesprochen: „Könntet Ihr Euch das vorstellen, wie wär’s, wollte ich immer schon mal probieren, blabla….“ Seine Freundin so: „Au ja. Wow.“ Beide machten sie mir Komplimente – ich sei die, mit der das klappen würde. Hier und jetzt. Ich gefiel ihm, ich gefiel ihr.

Ein Fressen für Fräulein Narziss, das damals in mir steckte – und schon hatte ich angebissen, gefiel mir in der Rolle der doppelt Begehrten. Wie ich selbst dazu stand, überlegte ich mir in diesen Minuten gar nicht mehr, ich hatte einfach nur das Gefühl, etwas tun zu müssen, was andere von mir wollten, weil es cool wirkte. Weil es mir gefiel, anderen zu gefallen. Die Idee war doch…. lässig. Und es geschah. Wenige Momente später fand ich mich in einem Gemenge aus Küssen, Berührungen und Nacktheit wieder, ich sah zu, wurde gesehen, tat, ohne zu denken.

Fremder Mann, fremder Geruch, eine Frau atmen, mit der ich normalerweise nur eine Runde shoppen gehen würde oder ins Kino. In all dem merkte ich erst einmal gar nicht, dass ich gar nichts fühlte, sondern nur funktionierte. Kurze Momente von Scham waren da, aber ich schob sie zur Seite, weil: uncool. Ich wollte keine Spielverderberin sein. Plötzlich war ich eine Maschine, die man mit dem „Dreier-Chip“ gefüttert hatte und die nun ihr Programm automatisch runterspulte.

Wie Szenen eines Films

Ja, richtig: Ich empfand nichts, stattdessen betrachtete ich mich von oben, als würde ich Szenen eines Films abdrehen und performen müssen. Tat, wie man eben tun müsse, in so einer Situation. Die Beiden hingegen waren recht ekstatisch, irgendwann beschäftigten sie sich nur mehr miteinander und ich saß daneben, erstaunt, im leisen Wundern über die Situation, in die ich da geraten war. Dazu immer noch Grover Washington. Ich verließ den Raum, um mich zu duschen.

Inzwischen war es sechs Uhr früh geworden, es dämmerte und die Stadt wachte langsam auf. Nüchtern war ich nicht, aber ernüchtert. Mir wurde klar, dass ich auf mich selbst hereingefallen war, auf mein Bedürfnis, gefallen zu wollen. Was ich dabei vergessen hatte: mich selbst zu spüren. Meine Scham ernst zu nehmen. Scham ist nichts Schlechtes, im Gegenteil: Sie darf sein, weil sie uns und unseren intimen Raum schützt.

Im besten Fall fungiert sie als Warnsignal und Zeichen, innezuhalten. Das hatte ich vergessen - innezuhalten, nachzudenken, ob das, was geschah, tatsächlich meinen Bedürfnissen und Vorstellungen entsprach. Ob ICH das bin, wirklich und authentisch.

Ich schaute auf das Sofa, da lagen sie, die beiden, ineinander verschlungen, schlafend, ein friedliches, träumendes und durchaus sympathisches Paar, das in meiner Wohnung eine lustige Nacht verbracht hatte und mit dem ich nun eine intime Erfahrung teilte. Ich mochte die beiden, kein Vorwurf – weder an sie, noch an ihn. Ich deckte sie zu. Die Verantwortung für das, was geschehen war (ja stimmt, nix Schlimmes) lag auch bei mir.

Im Grunde wäre gar nichts gegen diese erotische Begegnung zu dritt einzuwenden gewesen, wäre da tief in mir ein bedingungslos lustvolles JA gewesen. Das hatte gefehlt, ich habe es nicht hören oder wahrnehmen können, weil ich gar nicht richtig „da“, im Sinne von emotional präsent, gewesen war, sondern neben mir. Dort, wo keiner sein sollte, wenn es um die gute, die richtige, die Herzens-Entscheidung geht. Hatte es Spaß gemacht? Nein, nicht wirklich.  

Stunden später, ich lag längst in meinem Schlafzimmer und eigenen Bett, hörte ich, wie die Eingangstür ins Schloss fiel und die beiden die Wohnung verließen. Dann schlief ich ein. Gegen frühen Nachmittag, als ich erwachte, fand ich einen kleinen Zettel auf dem Esstisch: „Hey, schön war es mit dir, was für ein Abenteuer. Gerne mal wieder, hier unsere Telefonnummer.“ Dazu ein Herz und ein Smiley. Ich lächelte.

Erst zerknüllte ich den Zettel, dann strich ich ihn wieder glatt und legte ihn in mein Tagebuch. Wo er mich ab nun daran erinnern sollte, in allen Belangen des Lebens - so gut es geht - immer nur das zu tun, was ich auch wirklich möchte und wozu mein Herz mich ruft. Seitdem bestimmt der Satz „Bleib bei dir!“ meine Entscheidungen – nicht nur sexuelle Erfahrungen betreffend, sondern das ganze Leben.

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