Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl

Handy-Los: Szenen einer Redaktionsehe

Von Paaren, die ins Smartphone schauen, statt einander in die Augen. Und was das mit gnä Kuhn und dem Herrn Hufnagl zu tun hat – oder auch nicht. von Gabriele Kuhn & Michael Hufnagl

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Menschen, die ins Handy starren: Das kennt man. So kam es, dass ich vor einiger Zeit auf dem Flughafen mit einem Herrn und seinem Handgepäck zusammenprallte, weil er mich aufgrund seines Smartphone-Starrens nicht wahrnahm. "Autsch!", rief ich, er hingegen wandte den Blick lediglich eine Zehntelsekunde von der Bildschirmoberfläche, schwieg und lief Richtung Gate. Das erinnert mich an den Urlaub mit dem Mann gegenüber.

Eines Abends beobachteten wir eine Frau und ihren Partner, wie sie zwei Stunden lang in ein Handyspiel vertieft waren. Jeder für sich, beide mit (potenziellem) Blick auf den Sonnenuntergang. Dem Paar ging es aber nur darum, mit dem Finger irgendwelche Kasteln von da nach dort zu verschieben. Deppert, meinte Göttergatte, ich stimmte zu und legte mein Telefon dezent zur Seite, in dem ich gerade den Begriff "Smartphonesucht" suchen wollte.

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Irgendwie lässig

Während die Wellen rauschten, sprach er: Wie wär’s, würden wir die Handys in diesem Urlaub ignorieren? Hervorragend, rief ich – und ging aufs Klo, um zu googeln, wie lange mein Gehirn brauchen würde, sich vom Smartphone zu entwöhnen. Dann schaute ich – eh nur kurz – auf Instagram vorbei. Als ich zurückkam, tat der Mann so, als hätte er gerade nicht nach Fußballergebnissen gesurft. Ich lächelte und sagte: „Irgendwie lässig, so ganz ohne, oder?“ Er nickte, danach studierten wir die Cocktailkarte.

 

Was genau ist ein Old Fashioned?, fragte er mich. "Keine Ahnung. Hm, warte kurz." Schon griff ich reflexartig nach dem Mobilgerät, um uns weiterzubilden. Er hingegen fand, das ginge auch anders und fragte nun den Kellner: Sorry, please, but what is an Old Fashioned? Jetzt wurden wir in die Welt von Angostura und Bourbon entführt, von einem echten Menschen, vor dem echten Meer. Und mit einem stolzen Mann, der vorm Einschlafen leise grummelte: Manchmal habe ich auch gute Ideen, stimmt’s?

– Ja, natürlich.

Er:

Ich gebe zu, dass ich die Idee eines weitreichenden Handy-Stopps hatte, als ich meine Frau auf dem Weg ins Restaurant beobachtete. Die Sonne gab gerade ihr alltägliches Untergangsszenario zum Besten, und prompt warf sich die Urlauberin in Pose. Sie stand mit dem Rücken zum Meer, justierte das Haar und hielt sich das Handy vors Gesicht. Dann machte sie gefühlt 31 Grimassen und ebenso viele Fotos, Motiv: Ich und die Wellen im Abendlicht.

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Ich war zu diesem Zeitpunkt längst ziemlich hungrig und daher zappelig. Zumal sich dieses Procedere mehrfach am Tag ereignet – ich und das Glas Rosé, ich und der lustige Kellner, ich und die (fremde) Luxusyacht, ... Also sagte ich zur Selfie-Königin: "Den Wahnsinn mit den Speicherkapazitäten machen die nur wegen dir." Das irritierte sie nicht im Geringsten, und sie erwiderte seelenruhig: Ich warte noch auf eine Möwe. Schon etwas gereizter stellte ich eine Frage: "Schatzi, wer um Himmels Willen soll sich diese ganzen Bilder anschauen?" Ihre Antwort: Ich. Lass’ mich!

Menü-Sehnen

Die Wahrheit ist, dass es sich bei den Shootings um ein gnadenloses Auswahlverfahren handelt. Das beste Bild schafft es zur Instagram-Impression, #spontanerSchnappschuss. Wer aber – wie ich und mein Freund, der Magen – schon das mediterrane Menü ersehnt, entwickelt in der Emotion einen Gedanken: "Was hältst du von einer gemeinsamen Smartphone-Diät?" Überraschenderweise willigte gnä Kuhn ein. Erst auf dem Weg wurden mir die fatalen Konsequenzen meines Vorschlags bewusst. Kein Handy bedeutet keine Fußballanalysen, kein Golf-Livescoring, kein Twitter-Empörium. Ich formulierte im Geiste schon das Kleingedruckte unseres Verzicht-Vertrags und sondierte Optionen zum allfälligen Geheimsurfen. Da sprach sie: Ein bisserl schauen darf man aber, oder? Und ich antwortete innerlich erleichtert und äußerlich gönnerhaft: "Na freilich." Der Urlaub wurde dennoch zu einer Zeit der Reduktion. Und ohne Möwe in der Galerie.

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