Liebesgeflüster: Ben ist schwul, aber seine Familie weiß von nichts

Homosexuell zu sein, ist längst kein Tabu mehr. Dennoch will sich nicht jeder outen. Warum ist das so?

Ob schwul, bisexuell, lesbisch, trans  - jeder soll so leben, lieben und fühlen, wie es ihm oder ihr entspricht. Der gesellschaftspolitische Konsens ist hier längst gesetzt: Immer mehr Menschen outen sich. In der Selbstwahrnehmung ist heute jeder tolerant.

Doch wie schaut es in den Köpfen aus, wie fühlt es sich an, wenn die eigene Tochter, Enkelin eine Frau liebt, der eigene Enkel, der Sohn einen Mann? Das passt nicht immer ins eigene Familienbild, entspricht nicht dem, was man sich für sein Kind vorgestellt hatte. Auch im Jahr 2021 nicht. Traditionen, religiöser Glaube oder einfach nur das gewohnte heterosexuelle Weltbild verstellen oft die eigene Sicht. Zwei schwule Männer berichten, warum sie sich nicht (überall) outen.

Die freizeit sprach mit Ben, der vor vielen Jahren vom Dorf in die Großstadt gezogen ist, um zu studieren. Weit weg von zuhause. Das ist schon knapp zehn Jahre her“, erzählt der 33-Jährige. "Ob im Freundeskreis oder in der Arbeit - ich lebe meine Homosexualität offen, aber meine Familie weiß nichts davon.“

Seine Schwester, die ihn manchmal besucht, wisse zwar Bescheid, aber "darüber reden tun wir auch nicht“. 

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Warum hält Ben seine sexuelle Orientierung vor der Familie geheim? "Ich glaube, um meine Eltern zu schützen. Und auch um mich zu schützen. Ich will nicht, dass es zu einem großen Streit kommt und wir dann gar nichts mehr miteinander zu tun haben wollen.“ 

 

"Es ist das Leben, das schon die Großeltern geführt haben“

Natürlich habe er Angst vor Ablehnung, vor Verletzung und auch vor der eigenen Reaktion auf diese. "Es ist jetzt schon schwierig für meinen Vater, weil ich nicht mehr zurückkommen will.“

Bens Leben war eigentlich vorgegeben, er hätte den Hof übernehmen, natürlich auch heiraten, seine eigene Familie gründen sollen. 

"Es ist das Leben, das schon die Großeltern geführt haben. Meine Oma kämpft sogar noch mehr damit als mein Vater, dass ich nicht mehr zurückkommen werde, auch dass ich noch keine Familie habe.“ Er ist überzeugt, das hat mit ihrem katholischen Glauben zu tun. "Meine Familie ist sehr, sehr konservativ.

Kann er sich vorstellen, dass er vielleicht doch eines Tages in die Situation kommt, es ihnen zu sagen? Verspürt er nicht den Wunsch dazu? "Doch, ich habe mir schon oft vorgestellt, wie es ist, ihnen einfach zu sagen, was ist. Ihnen einfach den Mann vorzustellen, den ich liebe.“ 

Und ja, er hat den Wunsch, dass seine Familie ihn so akzeptiert, wie er ist, wie er lebt und liebt, denn es gehört zu seinem Leben dazu.

Aber jetzt, sagt Ben, sei einfach noch nicht die Zeit gekommen, um sie damit zu konfrontieren.

"Manchmal werden die Mütter und Väter auch unterschätzt“

Christians Eltern wissen schon seit mehr als zwanzig Jahren, dass er schwul ist. Aber der 49-Jährige macht immer wieder die Erfahrung, wie schwierig es für viele Homosexuelle über Jahre hinweg mit ihren Familien bleibt. "Es gibt Schwule in meinem Bekanntenkreis, die sich nicht outen, weil sie die Erwartungshaltungen nicht enttäuschen wollen.“ Oder was sie glauben, das von ihnen erwartet wird.

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In der Großstadt und in neuer Umgebung braucht man sich oft nicht extra zu outen.

©Getty Images/iStockphoto / MarijaRadovic/iStockphoto

"Manchmal werden die Mütter und Väter auch unterschätzt, sie reagieren dann viel lockerer als man glaubt. Ich habe mich auch erst geoutet, als ich von der Kleinstadt in die Großstadt gezogen bin. Das ist der Klassiker: Viele verlassen ihre Heimatstadt, um zu arbeiten oder zu studieren und erfahren dann, wie viel einfacher es ist, sich in einer neuen Umgebung zu outen.“ Man baue sich ein neues soziales Umfeld auf, dass einen so kennenlernt, wie man sich zeigt, wie man ist. Da spiele die Vergangenheit kaum mehr eine Rolle. 

 

"Ich hatte und habe nicht das Bedürfnis mich immer und überall zu outen“

Die Überlegung, ob man sich outet, spielt im Leben von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transidenten Menschen immer wieder eine Rolle. Nicht nur in der Familie, sondern auch in der Arbeit, im Freundeskreis, an der Universität, in der Schule, wenn man neue Menschen kennenlernt, die einen interessieren.

"Ich kann verstehen, wenn man sich nicht outen will“, sagt Christian. "Ich zum Beispiel hatte und habe nicht das Bedürfnis mich immer und überall zu outen.“ Selbst Menschen, die offen sind, gehen stets von der "normalen, heterosexuellen“ Weltbild aus. Kommt man ins Gespräch, dann wird auch mal vom Urlaub gesprochen. War man allein unterwegs, mit der Freundin, der Ehefrau, der Familie? Nein, mit „meinem Freund“, "meinem Partner“, "meinem Ehemann“. Was privat ist, kann schnell öffentlich sein. "Mich stört das nicht“, sagt Christian, "aber ich bin einfach nicht der Typ, der sein Leben nach außen trägt.“

Wer hat schon Lust, sich immer wieder neu zu erklären. "Für mich ist es okay, wenn andere erfahren, dass ich schwul bin, wenn es sich einfach so ergibt. So war es auch in meiner Familie. Irgendwann war da der Tag, als es meine Geschwister und meine Eltern nach und nach erfuhren. Wie genau, weiß ich gar nicht mehr."

Für Christians Vater war es nicht so leicht wie für seine Mutter. "Er ging erst mal auf Distanz. Das hat mich aber nicht so sehr belastet, da mir klar war, dass sein Verhalten natürlich mit anfänglicher Verunsicherung zu tun hatte. Inzwischen begegnet er mir und meinem Freund längst mit Herzlichkeit.“

"Mein Outing in der Familie war für mein Seelenheil nicht relevant"

Und wie ging es Christian danach? "Mein Outing in der Familie war für mein Seelenheil nicht relevant. Aber ich kenne viele, die das anders empfinden. Man muss sich auch bewusst sein, dass es in einigen Kulturen ein absolutes Tabu ist, schwul zu sein. Wer aus einem Land kommt, in dem es zumindest die gesellschaftliche Akzeptanz und Offenheit gibt, hat es sicher leichter."

Letztendlich wird das jeder anders empfinden, meint Christian. "Je nachdem, ob er sich in seinem Leben eine eigene ,Familie' aufbauen konnte, wie er seine Persönlichkeit und seinen Selbstwert entwickelt hat und ob er Menschen um sich hat, die ihm das Gefühl geben, dass er gut ist, so wie er ist.“ 

Annemarie Josef

Über Annemarie Josef

Stv. freizeit-Chefredakteurin und Chefin vom Dienst des KURIER Magazins. Lebt, liebt und arbeitet seit 1996 in Wien. Gewinnerin des Hauptpreises/Print bei "Top Journalist Award Zlatna Penkala (Goldene Feder)" in Kroatien. Studium der Neueren Deutschen Literatur in München. Mein Motto: Das Leben bietet jede Woche neue Überraschungen.

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