Die besten Vanillekipferl der Welt

Warum es in der Weihnachtszeit wunderbar ist, vom Familiengeheimnis ausgeschlossen zu sein

In der Nachkriegszeit reisten regelmäßig Stadtbewohner zum Waldviertler Bauernhof meiner Urgroßeltern, um Kleidung oder Schulsachen gegen Lebensmittel zu tauschen. Meine Urgroßmutter war eine sehr fromme und freigiebige Frau. Sie fragte weniger danach, was sie bekam, als danach, was sie geben konnte. Als die Hungerjahre vorbei waren und es den Menschen besser ging, kamen manche zurück, um diesmal selbst etwas zu bringen, ohne dafür etwas zu nehmen.

Eine Wiener Dame, der meine Urgroßmutter besonders viel geholfen hatte, gab ihr ein Familienerbstück, den größten Schatz, den sie besaß: und zwar das Rezept für die besten Vanillekipferl der Welt. Angeblich stammte es von einer böhmischen Großmutter, die am Kaiserhofe die ehrenvolle Aufgabe hatte, Samen und Mark der damals sagenhaft teuren Vanilleschoten auszukratzen. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Doch so köstlich, wie diese Vanillekipferl schmecken – weich auf der Zunge zergehend und den Gaumen sanft kitzelnd –, könnte diese Geschichte durchaus wahr sein.

Meine Urgroßmutter gab das Rezept meiner Oma und diese meiner Mutter, die es seither im Kopf hütet, denn wirklich wertvolles Wissen darf man nie verschriftlichen. Nicht einmal mit ihrer engsten Freundin teilt sie es, obwohl diese Vanillekipferl liebt. Die Freundin darf lediglich vorbeikommen, um sich aus dem fertigen Teig ihre Kipferl selbst zu wuzeln.

Ich habe das Rezept auch nicht: Wo ich herkomme, verrät man Leuten, die für die Zeitung schreiben, nichts Wichtiges. Dass ich einst im Radio Tante Hannis Punschkrapfenrezept nachbuk, zerstörte meinen Leumund dann ganz. Mittlerweile bin ich froh drum. Um die besten Vanillekipferl der Welt zu genießen, kann ich nichts anderes machen, als warten, dass es Weihnachten wird. Voller Ungeduld und Vorfreude, wie die Kinder. Und sich so fühlen zu dürfen, ist ein großes Geschenk.

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser, das 25-jährige Ausnahmetalent aus Niederösterreich, ist seit ihrem umjubelten Buch-Erstling „Blasmusikpop“ von 2012 („großer Literaturspaß!“, „schwindelerregendes Debüt“) unumstrittene Lichtgestalt der jungen heimischen Literatur. Sie schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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