Ur-volle Jungbrunnen

Wenn Männer im Lebensherbst spätpubertär werden.

Er sagte den Satz jetzt tatsächlich, der wirklich jedes Klischee von brüllender Midlife-Krise bediente: „Sie ist mir ein solcher Jungbrunnen.“ Dazu trug er eine etwas zu eng geratene weiße Bomberjacke und fuhr sich mit den Fingern mehrfach durch seinen Kopfflaum, als ob er so dessen Schütterkeit zur Raison zwingen könne. Ich fasste es nicht: K, 50sehrplus, war an sich ein Mann von logischem Denkvermögen und Geschmackssicherheit, aber jetzt schien er sich von all diesen Kategorien vorsätzlich abgemeldet zu haben.

Die Quelle seines verzweifelten Bemühens, jünger zu wirken (was ihn tatsächlich älter machte) war eine Blondine, Mitte 20, die dauernd die Worte „voll“ und „ur“ in ihren Redefluss einbaute. Sie war von einer Schönheit, die in  den in Frisiersalons aufliegenden Trendgazetten neuerdings gerne mit dem Begriff „effortless“ umschrieben wurde. Mein Freund K wurde von ihr häufig mit dem Satz „Na, wie geht’s meinem alten, weißen Männchen?“ darauf aufmerksam gemacht, dass Liebe oft auf dem Prinzip einer Handelspartnerschaft basiert. Ihr Subtext: Ich knalle dir meine Jugend auf den Tisch und du kriegst damit die Illusion, dass deine fortgaloppierende Lebenszeit auf Stopptaste gedrückt ist. Dafür möchte ich Anbetung, satt von jenem Lifestyle, den ich mir nicht leisten kann, und ein paar spannende Connections.

Er denkt: Ist ein Deal. Ich tue alles, um noch einmal das kribbelnde Gefühl zu kriegen, dass ich in meinem Leben noch ein flottes Spielbein habe und nicht Stillstand auf dem Speiseplan steht. Bei Einvernehmlichkeit, was diesen Pragmatismus betrifft, ist gegen solche Konzepte an sich nichts einzuwenden. Aber bitte, an alle Männer, die am Jungbrunnen-Tropf hängen, erspart uns solche Sätze wie „Ich bin jetzt endlich wieder lebendig“, „Ich habe so noch nie gefühlt“, „Wo war diese Frau mein ganzes Leben?“ Noch nicht auf der Welt, könnte man auf letzteres antworten.

Polly Adler

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