Seilers Gehen: Vom Wandeln auf spirituellen Pfaden

Christian Seiler

von Christian Seiler

Vom Stadtpark , über die Reisnerstrasse und die Jaurèsgasse bis hin zur Salesianergasse: 1.800 Schritte.

Ich gehe vom Stadtpark aus durch das Botschaftsviertel in der Nähe des Belvedere, es ist immer für eine Überraschung gut. 
Zuletzt hatte ich an einem Sonntag lange Schlangen von Menschen vor der russischen Botschaft gesehen, und es dauerte ein bisschen, bis ich begriff, dass es sich um Wähler handelte – in Russland fanden Parlamentswahlen statt. 450 Sitze zur 8. Versammlung der Staatsduma wurden vergeben. Zugelassen waren 14 Parteien, die Staatspartei „Einiges Russland“ ging mit 49,8 Prozent der Stimmen als klare Siegerin aus dem Wahlgang hervor. Würde mich interessieren, was die Stimmenauszählung in der Wiener Botschaft für ein Ergebnis gebracht hat.

Ich betrachte, während ich durch die Reisnerstraße flaniere, die Fahnen, die aus mehr oder weniger prächtigen Gebäuden hängen und diplomatische Vertretungen markieren. Die schwarz-weiß-rote Flagge mit dem grünen Dreieck gehört der Republik Sudan, die blockgroße Baugrube der Bundesrepublik Deutschland und die goldenen Zwiebeltürme der russisch-orthodoxen Kathedrale markieren die Nähe der Russischen Botschaft. 

©Alexandra Klobouk

Als ich in die Jaurèsgasse einbiege, benannt nach einem Philosophieprofessor, der wegen seiner Opposition gegen den Ersten Weltkrieg ermordet wurde, sehe ich nicht nur die sicherheitstechnischen Befestigungen vor der English Embassy auf der rechten Straßenseite, sondern auch ein kleines, neogotisches Ziegelgebäude gegenüber, das eine ernste, anachronistische Ausstrahlung hat und sich dadurch markant vom dahinterliegenden Palais Rothschild abhebt.

Die Hinweise an der Gebäudeflanke klären mich auf: Ich stehe vor der Christ Church, der Anglikanischen Kirche Wiens. Ihre Verlautbarungen im Schaukasten heißen mich freundlich mit „Grüß Gott“ willkommen. Das Gebäude, das Ende des 19. Jahrhunderts als Botschaftskirche gebaut wurde, ist das Zentrum der Seelsorge für die versprengten, in Wien lebenden Anglikaner, auch wenn die Kirche selbst staatlich nicht anerkannt ist. Im Kirchenschiff soll ein Relief an Königin Victoria erinnern, aber das kann ich nicht verifizieren, weil die Tür verschlossen ist. 

Interessant jedoch, dass die Christ Church Vienna auch eine weltliche Niederlassung besitzt, nämlich gleich um die Ecke, im Blickfeld des hier postierten Wachsoldaten, in der Salesianergasse. Dort betreibt die Kirche einen Second Hand Shop für den guten Zweck, wo es Kleider, Hüte und Bilder zu kaufen gibt, von 1 Euro für Kinderpullover aufwärts bis zu ein paar Euro mehr für tadellose Tweedmäntel, wenn sie nicht schon ausverkauft sind. Auch für die Verfeinerung der eigenen Englischkenntnisse könnte sich ein Besuch eignen, der Staff rekrutiert sich aus Freiwilligen der Gemeinde. 

Ich gehe reicher an spiritueller Erfahrung die Salesianergasse zurück Richtung Stadtpark, werfe einen Blick in die Lobmeyr-Manufaktur auf Nummer 9 und träume von der Sputnik-Lampe, die hier ausgestellt ist. So spaziere ich in den Stadtpark, um noch ein bisschen zuzuschauen, wie der Herbstwind mit den bunten Blättern spielt.

Die Route

Stadtpark – Reisnerstrasse – Jaurèsgasse – Salesianergasse – Stadtpark: 1.800 Schritte

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