ÜberLeben": Soziale Verantwortung, Prost!

Ich brauche Langeweile.

Ich erzähle Ihnen heute eine sehr langweilige Geschichte.

Es war der 31. Dezember. Zuerst war ich laufen. Nur drei Kilometer, sehr langsam und gemütlich. Ich hatte keine Lust, mich am letzten Tag des Jahres in den Zustand des sportlichen Ehrgeizes zu begeben. Danach haben wir ein wenig ferngesehen, Suppe gekocht und Fleisch geschnitten. Meine Freundin hat ihre berüchtigte Knoblauchsauce angerührt und den berühmten Kartoffelsalat ihrer Großmutter zubereitet – mit extra viel Mayonnaise. Anschließend haben wir gegessen, Suppenfondue, und ja, danke der Nachfrage, es war köstlich. Meine Freundin trank süßen Sekt, bei dessen Anblick ich schon Kopfweh bekam. Ich trank nur Leichtbier, denn ich wollte noch Autofahren. Nach dem Essen haben wir Trivial Pursuit gespielt, und ich habe, wie immer, ganz knapp gewonnen. Danach haben wir das Auto gesattelt, sind zum Kursalon gefahren und von dort auf die „Johannesruhe“ gestiegen, eine Aussichtsplattform oberhalb von Mödling, mit Blick Richtung Wien. Der Wind blies, es zogen düstere Regenwolken auf, man konnte aber dennoch weit sehen.

Um Mitternacht öffneten wir eine Babyflasche Champagner, hörten den Donauwalzer im Radio und zuckten dazu mit den Füßen. Jemand machte ein Feuerwerk, und es war wunderschön – ja, ich finde Feuerwerke schön, einmal im Jahr. Wir prosteten den anderen Menschen, die dort waren, zu, und ein leicht betrunkener Mann rief immer wieder „Soziale Verantwortung, Prost!“.

Danach fuhren wir heim, sahen im Fernsehen ein Konzert von Depeche Mode, ich goss mit Zinn eine obszöne Figur, aß den Rest des Fondues auf, und wir gingen schlafen.

Das war der vielleicht langweiligste Silvester meines Lebens, aber die Langeweile tat mir gut. Langeweile ist genau das, was ich derzeit brauche.

Ich hoffe aber sehr, es kommt wieder die Zeit, da ich mir das Gegenteil von Langweile wünsche und auch bekomme.

Guido Tartarotti

Über Guido Tartarotti

Guido Tartarotti wurde, ohne vorher um Erlaubnis gefragt worden zu sein, am 23. Mai 1968 zur Mödlinger Welt gebracht. Seine Eltern sind Lehrer, und das prägte ihn: Im anerzogenen Wunsch, stets korrekt und dialektfrei zu sprechen, glaubte er bis in die Pubertät, Vösendorf heiße eigentlich Felsendorf. Das Gymnasium Perchtoldsdorf, wo es damals u. a. eine strenge Einbahnregelung für die Stiegenhäuser gab, verzichtete nach einigen Verhaltensoriginalitäten seinerseits nach der fünften Klasse auf seine weitere Mitarbeit. Also maturierte er in der AHS Mödling-Keimgasse. 1990 begann er in der KURIER-Chronikredaktion. 1994 wurde er Leiter der Medienredaktion, ein Jahr darauf auch der Kulturredaktion. Beide Positionen legte er 2004 zurück, um wieder mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

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