"ÜberLeben": Mathematura mit Felgeumschwung ohne Sauerstoff

Wie viel Mai hält ein Mensch aus?

Der Mai ist für mich eine ... Herausforderung.

Das Wort „Herausforderung“, das wir früher für den Felgeumschwung im Turnunterricht oder für die Mathematura mit nur einem Schummelzettel in Verwendung hatten,  haben sich die sozialen Medien angeeignet, um etwas auszudrücken, das man nicht mehr „Überforderung“ nennen darf, weil man sich das selbst nie zuschreiben würde, und auch nicht „Zumutung“ nennen darf, weil man das den anderen nie umhängen würde. Also sagt man: „Herausforderung“, meint aber: „Lieber noch einmal die Mathematura mit Felgeumschwung ohne Sauerstoff bezwingen, als einen ganzen Mai überstehen.“

Mein Maikalender ist ein Puzzle aus Tagen, an denen Menschen, die mir wichtig sind, mich oder mit mir feiern wollen, im schlimmsten Fall sogar beides: Mit mir mich feiern wollen. Für jemanden, der es als sozial ... herausfordernd empfindet, wenn mehr als eineinhalb Menschen in einem Raum versammelt sind, von denen einer er selbst ist, bedeutet das Stress. Am 1. Mai findet unser traditioneller Familienwandertag mit Picknick statt. Ich trage schwer an dem Rucksack, in dem die Logistikbeauftragte, meine Ex-Frau, nicht die Plastikgläser, sondern die Weinflaschen verstaut hat. Der Tag verläuft heiter, trotz traditionellen Regens, und dennoch trage ich beim Abstieg noch schwerer an meinem leeren Rucksack.

Keiner versteht, dass mich auch das Schöne, das gemeinsame Lachen und Singen, belastet. Also beschließe ich, den Muttertag heuer auszulassen, wodurch er sich von keinem Muttertag seit der Kindergarten-Bastelzeit unterscheidet. Dann aber werde ich genau zum Muttertag krank. Meine Mutter läutet  unangekündigt Sturm und versorgt mich. Wobei nicht ganz klar ist, ob das für sie eher Geschenk oder Last ist. Für mich ist es ein Muttertagsgeschenk. Nun steht mein Geburtstag vor der Tür, er läutet Sturm. Wie viel Mai hält ein Mensch aus? Und wo ist der Juni, wenn man ihn braucht?

Guido Tartarotti

Über Guido Tartarotti

Guido Tartarotti wurde, ohne vorher um Erlaubnis gefragt worden zu sein, am 23. Mai 1968 zur Mödlinger Welt gebracht. Seine Eltern sind Lehrer, und das prägte ihn: Im anerzogenen Wunsch, stets korrekt und dialektfrei zu sprechen, glaubte er bis in die Pubertät, Vösendorf heiße eigentlich Felsendorf. Das Gymnasium Perchtoldsdorf, wo es damals u. a. eine strenge Einbahnregelung für die Stiegenhäuser gab, verzichtete nach einigen Verhaltensoriginalitäten seinerseits nach der fünften Klasse auf seine weitere Mitarbeit. Also maturierte er in der AHS Mödling-Keimgasse. 1990 begann er in der KURIER-Chronikredaktion. 1994 wurde er Leiter der Medienredaktion, ein Jahr darauf auch der Kulturredaktion. Beide Positionen legte er 2004 zurück, um wieder mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

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