Guido Tartarotti

"ÜberLeben": Das richtige Fasten

Der große Verzicht kann beginnen.

T. fragt mich, welches Fasten ich  für heuer plane. "Frag ich mich auch“, antworte ich. Fasten zur Zeit der Propheten war ein einsames Erleuchtungsritual. Fasten zur Zeit der Influencer ist ein sozialmedienwirksames  Selbstdarstellungsritual. Das macht es für mich unattraktiv. Ich bin kein Herdentier, mag weder Sitzkreise noch Gruppenbusreisen, war nie Pfadfinder und hab mich im Kindergarten vor jedem "Alle spielen mit“-Zeitvertreib  versteckt. Gruppendynamische Großereignisse wie der Heringsschmaus lösen bei mir Fluchtreflexe aus. „Heringsschmaus“ ist ein Gelage, bei dem große Societyhaie kleine Fische social-medial ausschlachten und in  so großer Zahl verdrücken,  dass sie kein Fleisch mehr runterbringen. Sie nennen es Fasttag, weil sie  einen Tag dem Fleisch entsagen. Damit ist die Fastenzeit eröffnet.

Trends wie Autofasten oder  Handyfasten werden durchs Dorf getrieben, und zwischen Palmsonntag und Ostermontag haben sich dann langsam alle wieder beruhigt.

"Ich erwäge heuer das Autofasten“, sage ich zu T. "Du hast kein Auto“, erwidert T. "Daher lässt es sich bequem einrichten“, erkläre ich. "Das gilt nicht“, sagt T. „Ich kann Handyfasten ausprobieren“, grüble ich. "Du meinst, dass du das Handy nie ansteckst und den Akku verhungern lässt?“, fragt T. "Nein, dass ich in der Fastenzeit nicht aufs Handy schaue und mir so alle Liveübertragungen von Heringsschmäusen erspare.“

"Die gibt es heuer sowieso nicht“, sagt T. "Sind die Meere leergefischt?“, frage ich. "Nein, aber der heißeste Influencertrend ist Social-Media-Fasten.“ Ich staune: "Wie geht das?“ T. erklärt es so: "Influencer posten, dass sie in der Fastenzeit nichts posten werden, haben daraufhin doppelt so viele Follower, die sich alle auf Social Media darüber austauschen, wie wichtig es ist, die sozialen Medien ruhend zu stellen, es gibt sogar Trainings für Social-Media-Verzicht.“

"Auf Social Media, nehme ich an“, knurre ich. Es steht fest, ich werde Handyfasten.

Guido Tartarotti

Über Guido Tartarotti

Guido Tartarotti wurde, ohne vorher um Erlaubnis gefragt worden zu sein, am 23. Mai 1968 zur Mödlinger Welt gebracht. Seine Eltern sind Lehrer, und das prägte ihn: Im anerzogenen Wunsch, stets korrekt und dialektfrei zu sprechen, glaubte er bis in die Pubertät, Vösendorf heiße eigentlich Felsendorf. Das Gymnasium Perchtoldsdorf, wo es damals u. a. eine strenge Einbahnregelung für die Stiegenhäuser gab, verzichtete nach einigen Verhaltensoriginalitäten seinerseits nach der fünften Klasse auf seine weitere Mitarbeit. Also maturierte er in der AHS Mödling-Keimgasse. 1990 begann er in der KURIER-Chronikredaktion. 1994 wurde er Leiter der Medienredaktion, ein Jahr darauf auch der Kulturredaktion. Beide Positionen legte er 2004 zurück, um wieder mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

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