Erlebnishungrig: Ungewöhnliche Restaurants in Europa

In immer mehr Restaurants wird jetzt gespeist und gestaunt. Man könnte schon fast aufs Essen vergessen, wenn man an diesen Wow-Genussorten einen Tisch reserviert. Von Nicola Afchar-Negad

"Es tut uns leid, unsere August-Termine waren nach wenigen Minuten ausverkauft", heißt es in einem Instagram-Posting des Kopenhagener Restaurants "Der Alchemist“. Ein Follower mutmaßt in seinem Kommentar: "Das waren wohl eher Sekunden!" So geht es einem, wenn man versucht, in einem der besten Restaurants der Welt einen Platz zu buchen, beziehungsweise für zwei, vier oder sechs Personen zu reservieren – weniger sind nicht möglich.

Rund 660 Euro kostet ein 50-Gänge-Menü (ohne Getränke), wofür man sich sieben Stunden Zeit nehmen sollte. Küchenchef Rasmus Munk bietet aber nicht nur ein unglaubliches Genusstheater mit Musik und Videoinstallationen im Kuppelsaal einer Lagerhalle, sondern animiert die Gäste mit seinem originellen Ess-Spektakel zum Nachdenken. Feinspitze kommen aus der ganzen Welt, um dabei zu sein.

Beim "Destination Dining" – das bedeutet, das Restaurant ist eine Art Sehenswürdigkeit, für die man extra anreist – muss man ein bisschen flexibel sein, um zum Zug zu kommen. Dafür erwartet einen ein Dinner in mehreren Akten, ein holistisches Erlebnis, bei dem alle Sinne angesprochen werden sollen. Nicht nur das Essen ist vorzüglich, sondern auch die wechselnde Atmosphäre, erzeugt durch digitale Bilder und andere Effekte. Eines dieser immersiven Erlebnisse, wie sie in den letzten Jahren so beliebt geworden sind.

Essen voller Magie und Illusion

Eines der ersten Fine-Dining-Restaurants, die sich mit einer Kombination aus Genuss und Spektakel einen Namen machten, war 2014 das "Sublimotion" auf Ibiza, so etwas wie die gastrosensorische Avantgarde. In seinem 2022 wiedereröffneten Infinity-Raum kann so ziemlich alles aufgefahren werden, bis hin zum Essen im Metaverse.

Das "Iris" in Norwegen: Das Restaurant mitten in einem Fjord wäre auch eine gute James-Bond-Kulisse. Neben Abenteuer kommt hier auch Fine Dining nicht zu kurz

©instagram.com/iristherestaurant

Paco Roncero, Starkoch mit zwei Michelin-Sternen sowie Chef und Gründer des "Sublimotion", will hier nicht nur exklusiven Genuss bieten, sondern eine Show der Superlative, für die Gäste ordentlich ins Börsel greifen müssen: Für 1.500 Euro ist man dabei. Dafür hat Roncero Künstler und Köche engagiert, die etwas von Spannung und Atmosphäre verstehen. Zum Team gehören auch ein Komponist, ein DJ, Modedesigner und Illusionist.

Dass immersive Restaurants gerade zeitgeistig sind, steht außer Frage. So gibt es etwa das "Eatrenalin". Letzteres befindet sich im Europa-Park Rust in Deutschland. Das Besondere hier: Man schwebt mit zwei Kilometer pro Stunde auf "Floating Chairs" von Themen-Raum zu Themen-Raum. Jeweils 25 Minuten lang diniert man unter der Meeresoberfläche, in Japan oder auf dem Mond. Auch hier: Die Tickets sind – trotz Ab-Preis von 255 Euro – immer ratzfatz weg. Wie lange der Boom des Immersiven noch anhält, wird spannend sein zu beobachten.

Preisgekrönt! Der "Alchemist" in Kopenhagen ist ein holistisches Kunstwerk

©instagram.com/restaurantalchemist

Abenteuer und Meeresfrüchte

Aber auch der Gegentrend zum digital gepowerten Erlebnis ist im Angebot. Fine Dining in der Natur. Im Fall des "Iris" in Norwegen bedeutet das "Expedition Dining". Das Konzept bietet Abenteuerfeeling. Das Menü selbst findet in einer Art schwimmenden Skulptur statt. In einem Fjord umgeben von massiven Bergen – inmitten der ungezähmten Landschaft. Die Gäste werden mit Schnellbooten aufs offene Meer geleitet und der Hinweis, dass sich lange Abendkleider und Rettungswesten eventuell nicht vertragen könnten, darf auf gar keinen Fall fehlen. Beim Menü setzt die gebürtige Dänin Anika Madsen wenig überraschend auf Meeresfrüchte – sowie "wilde und aufregende Zutaten aus den Bergen".

Der Norden ist prädestiniert für abenteuerliche Once-in-a-Lifetime-Geschichten. Auch das "Under" befindet sich in Norwegen – genauer gesagt 5,5 Meter unter der Meeresoberfläche. Das Restaurant sieht von der Seite betrachtet aus wie ein Hochhaus, das unglücklicherweise ins Meer gestürzt ist. Der Fokus der Restaurantmacher liegt auf Kulinarik, Architektur und Meeresforschung.

La Table du Jardin im Mandarin Oriental

Käfighaltung, ein Genuss? Ja, im "La Table du Jardin" im Mandarin Oriental, Paris

©Mandarin Oriental

Auch der Wald hat es Erlebnishungrigen angetan. Zum Beispiel in Österreich. Diesen Sommer im August fand im Wienerwald etwa das zweite "WienerWaldDinner" statt, bei dem die Gäste unter anderem ein Kiefernadel-Pesto auf den Tellern hatten. Streng genommen ist dieses Get-together unter Baumkronen und Lichterketten aber natürlich kein Restaurant, sondern viel mehr ein Event – und von denen gibt es nicht wenige. So kann man etwa in einer Londoner U-Bahn essen ("Supperclub Tube") oder in Gondeln – sowohl im Schweizer Grindelwald als auch in Tirol.

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Kulinarisch in die Luft geht, wer sich im höchstgelegenen Restaurant Norwegens, im CuliAir, einbucht. Hier heißt es abheben mit dem Heißluftballon. Adrenalin und tolle Aussicht sind inklusive. Weniger spektakulär ist es im "Vogelkäfig", La Table du Jardin, im Innenhof des Mandarin Oriental, Paris. Hier geht es eher ums Schöner-Speisen in teurem, hochromantischem Ambiente.

Das Sublimotion auf Ibiza hat schon fast zehn Jahre Erfahrung damit, Essen zu einem großen Spektakel zu machen

©Sublimotion Ibzza

Wie in einer anderen Welt! Beim "Eatrenalin" im Europa-Park Rust reist man auf schwebenden Sesseln Raum zu Raum
 

©Hans-Joerg Haas

Wer mehr Zeit und Budget hat: Die Brand "Accor" bringt den originalen Orient-Express 2024 (Italien) und 2025 (Paris – Istanbul) auf die Schienen zurück. Und mit ihm "The Dining Car". Hier passt dann auch die große Abendkleidung ohne Wenn und Aber. Und wer zwar von den Schienen angetan ist, aber in Wien und Umgebung bleiben muss, das Restaurant Výtopna beim Naschmarkt ist, mit oder ohne Kinder eine gute Idee. Speisen und Getränke kommen huckepack auf Zügen daher. Ähnliches Konzept auch im Prater: Beim "Rollercoaster Restaurant" gibt’s die Bestellungen mit ordentlich Tamtam – in Form von Sound- und Lichteffekten – via Hochschaubahn. Nur der Kaffee, der wird zur Sicherheit dann doch von Menschen serviert.

Nicht nur etwas für fliegende Holländer: "Sky Dining" im CuliAir, dem  höchstgelegenen Restaurant der Niederlande.  Hier wird mit der Heißluft des Ballons gekocht

©instagram.com/culiair

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