Interpolation Good boring Music Elton John Dua Lipa

Warum gerade so viele alte Pop-Songs recycelt werden

Das kennen wir doch! Welche drei Lieder-Zitate in "Cold Heart" von Elton John und Dua Lipa vorkommen.

Moment, das war doch schon einmal da! Wer derzeit das Radio aufdreht, hört bei gefühlt jedem zweiten neuen Song bekannte Melodien heraus. Musikalisches Recycling ist derzeit gerade hoch im Kurs. 

Ein ganz aktuelles Beispiel gefällig? Wie wäre es mit einem Lied, das von vielen Menschen gemacht wurde, einen langen Titel und viele unterschiedliche Elemente hat? Topic, Robin Schulz, Nico Santos, Paul van Dyk mit "In Your Arms (For An Angel)". Wir hören einen smoothen Song, gespickt mit sanften Beats, sanfter Stimme und sanfter, aber sehr dominanter Piano-Melodie. Hört sich an wie viele Lieder seit einigen Jahren, sehr eingängig, sehr weichgespült. Zeitgeist pur, könnte man meinen.

Sicher, sehr zeitgeistig. Aber die Gnade der früheren Geburt lässt den geneigten Musikkonsumenten diese dominanten Piano-Klänge erkennen. Die gab es schon einmal Ende der Neunziger. Und zwar beim deutschen Trance-Produzenten Paul van Dyk, der auch als Künstler bei der langen Namensreihe des aktuellen Songs genannt wird. Er hat in der Vergangenheit diese Harmonie schon in einer 2009-Version von "For an Angel" verwurstet. Und auch sein Track "We Are Alive" klingt relativ ähnlich. Wobei: auch Modern Talking waren ja mit ein und demselben Stück mehrmals erfolgreich, wie böse Zungen behaupten.

Aber da geht noch mehr Recycling. Und zwar bei "Cold Heart", das gerade zu den am häufigsten im Pop-Radio gespielten zählt und Gesang von Elton John und Dua Lipa enthält. Die Produzenten von PNAU haben die Musik dazu geliefert. Zumindest teilweise. Hier noch einmal zur Auffrischung, falls dir das zufälligerweise zwei Stunden lang nicht untergekommen ist: 

Der geneigte, nicht mehr ganz junge Musikkonsument wird hier zu Beginn vor allem Elton Johns "Sacrifice" erkennen. Das war das Lied, wo sich der schöne Mann und die schöne Frau im Video unter viel Filter-Einsatz geliebt, gestritten und versöhnt haben. 

Aber wie die PNAU-Mitglieder Arte Tracks im Interview erzählt haben, gab es noch zwei andere berühmte Elton-John-Lieder, die Eingang in das Lied gefunden haben. Hören wir die neue Version weiter, kommt der Refrain, der sich sehr nach "Rocket Man" anhört:

Die ersten beiden Zitate sind nicht so schwer zu erkennen. Aber jetzt wird es interessant. Wer kennt eigentlich "Kiss the Bride"?

Interpolation heißt das in der Fachsprache, wenn Teile eines Musikstücks in einem anderen zitiert werden. Es ist eine Mischung aus Cover und Sample. In vielen Fällen passiert das auch auf Wunsch der Künstler. Elton John selbst war es, der PNAU entdeckt und ihnen seine Lieder zur weiteren Bearbeitung zur Verfügung gestellt hat. Er wollte bei den Jungen erfolgreich sein und wieder vermehrt im Radio gespielt werden. Dafür musste der Star nicht einmal mehr ins Tonstudio zum Einsingen.

Und auch die Musikindustrie befeuert das Wiederverwerten. Denn was einmal erfolgreich war, hat hohe Chancen wieder erfolgreich zu werden. Entweder weil das die Hörgemeinschaft nostalgisch stimmt, oder eingängige Melodien neue Generationen harmonisch stimmen. Auf jeden Fall wollen die Majors Verkaufserfolge, immerhin haben sie auch in den vergangenen Jahrzehnten einiges an Geschäft eingebüßt.

Finanzinvestoren kaufen Hits

"Songklassiker sind finanziell so attraktiv, dass sich ein Investment-Sektor darum gebildet hat", berichtete Arte Tracks . "Kauf und Verwertung alter Hits ist ein großes Geschäft geworden." Finanzmarkt-Player haben sich schon einige Werkkataloge um viel Geld gesichert. Aber auch die großen Musikverlage waren nicht untätig. Warner Chappell hat 250 Millionen Dollar für die Werke von David Bowie hingeblättert, Universal 300 Millionen für Sting. Und Sony war Bruce Springsteens Oeuvre satte 500 Millionen Dollar wert. Da sieht man, wer der Boss ist.

Aber das sei notwendig, um sich auch neue Künstlerinnen und Künstler zu leisten, heißt es: "Der Back-up-Katalog finanziert die neuen Signings, sagte Natascha Augustin von Warner Chappell der Sendung. Mittlerweile gebe es schon Workshops zur perfekten Interpolation.

Manchmal ist es nicht immer einfach, die Grenze zum Plagiat zu ziehen. Dass sich musikalische Schlingel unerlaubt bei anderen bedient haben, ist in der Musikgeschichte vielfach vorgekommen. Auch hier waren die Nachfolge-Werke oft erfolgreich, ja sogar erfolgreicher.  Alle paar Jahre kommt es zu einem Musikskandal. Einer der letzten großen war, als Marvin Gayes Erben Robin Thicke und Pharrell Williams erfolgreich auf einige Millionen Dollar verklagt haben, weil "Blurred Lines" doch sehr an "Got to give it up" erinnert hat.

Und dann gibt es welche, die recyceln selbst ihr eigenes Werk. Taylor Swift ist so eine. Sie nahm im Vorjahr ihr Erfolgsalbum "Red" aus dem Jahr 2012 noch einmal neu auf. Damals weinte sie einer gescheiterten Beziehung mit Jake Gyllenhaal hinterher, 2021 sorgte sie dann für einen anderen Heuler. Die alte Platte wurde mit neuen Texten und mit aufwendigen Videos aufgehübscht.  Die Strategie ging auf, die "neue Version der alten Platte war bei Spotify & Co deutlich erfolgreicher als das Original", schrieb der Tagespiegel.

Swift holte sich den Spotify-Rekord für das an einem Tag am meisten gestreamte Album einer Frau.122,9 Millionen Mal wurde es binnen 24 Stunden gespielt. 

Der Grund, warum sie ihre alten Lieder neu aufnahm, waren übrigens auch Schwierigkeiten in einer Beziehung. Allerdings hatte sie die mit ihrer alten Plattenfirma und nicht mehr mit dem prominenten Freund.

 

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich den schönen Dingen im Leben widmen. Zuvor war er fast zehn Jahre in der KURIER-Chronik. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in Linz, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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