Warum Menschen in Korea dafür bezahlen, aus dem Fenster zu schauen

Acht Euro Eintritt für absolute Ruhe: Das Konzept "Hitting Mung" erobert gerade die südkoreanische Hauptstadt Seoul.

Manchmal reicht eine scheinbar banale Idee aus, um einen Hype auszulösen, dem Tausende folgen: Die Rede ist von "Hitting Mung". In Seol boomen Orte, die das simple Konzept anbieten. Gegen einen Eintrittspreis dürfen Gäste aus dem Fenster schauen - stundenlang. Ohne dabei von kläffenden Hunden, schreienden Kindern oder anstrengender Hintergrundmusik gestört zu werden. 

"Erholung im Nichts"

Das Konzept boomt vor allem in Cafés und Bars, aber auch Kinos bieten "Hitting Mung" mittlerweile an. Im Schnitt zahlen Kunden für den Eintritt acht Euro, bevor sie zu einer Liege geleitet werden. Dort können sie für mehrere Stunden schweigend und ohne Ablenkung die Aussicht aufs Grüne genießen. Schuhe sind verboten, genauso wie Kinder und Hunde. Einzig Bücher und Snacks können auf Anfrage bestellt werden. Das Grundprinzip: Zur Ruhe kommen, während man absolut nichts tut. Übersetzt bedeutet "Hitting Mung" so viel wie "Erholung im Nichts".

Hotel ohne Wifi

Aber nicht nur die Gastroszene erlebt durch "Hitting Mung" einen Boom: Auf der Ganghwa-Insel, vor der Westküste Südkoreas, befindet sich ein Hotel, in dem es kein Wifi gibt. Dafür genießen Gäste den Blick auf die Natur. 

Stille als wertvolles Gut

Absolute Stille scheint in Zeiten wie diesen zum kostbaren Gut zu werden. Besonders in der hektischen Metropole Seoul hätten aber noch viele große Probleme beim "Abschalten", berichtet der Besitzer des "Green Lab Cafés" der "Washington Post". Speziell kurz vor der Pandemie sei es oft ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, sein Café mit Gästen zu füllen. Denn: In Südkorea gilt Nichtstun als "Sünde", als vergeudete Zeit. Mittlerweile sehe er aber eine Trendwende, so der Cafébesitzer: "Meistens sind jetzt die drei täglichen Zeit-Slots ausgebucht. Wir müssen Leute ohne Reservierung sogar an der Tür abweisen."

Was steckt hinter "Hitting Mung"?

Dass unser Gehirn empfindlich auf Geräusche reagiert, ist kein Geheimnis. Sogar im Schlaf schaltet es nicht ab. Aber was passiert dabei eigentlich genau? Das Wissensmagazin "Spektrum" widmete eine Ausgabe der Frage, warum das Gehirn Ruhe braucht. "Ungewohnter oder potenziell belastender Lärm aktiviert die Amygdala – ein Kerngebiet tief im Schläfenlappen, das bei Angst und anderen negativen Emotionen 'anspringt'", heißt es im Artikel. Daraufhin wird das Stresssystem im Körper aktiviert, das große Mengen Kortisol ins Blut transportiert. Das Hormon signalisiert unserem Körper also, dass Gefahr droht! 

Hirnforscher untersuchten, wieso das Gehirn ab und zu absolute Stille braucht.

©Getty Images

Eine moderne Plage

Sogar die WHO bezeichnet die wachsende Lärmverschmutzung als "moderne Plage" - auch wenn wir für kurze Zeit sogar leistungsfähiger werden. Unser Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller und unsere Muskeln spannen sich an. Langfristig gesehen kann dieser Stresszustand unseren Körper aber stark schädigen. 

Der Gedanke, dass sich das Konzept "Hitting Mung" deshalb vielleicht in westliche Gefilde ausstrecken könnte, scheint deshalb gar nicht so abwegig. Wer dafür aber kein Geld ausgeben möchte, dem empfehlen wir 30 Minuten pro Tag absolute Stille zuhause. Schließ alle Fenster, schalte die Musik und dein Handy ab, setze dich ans Fenster und entspanne dich.

Stephanie Angerer

Über Stephanie Angerer

Social Media-Redakteurin bei der freizeit. Stephanie Angerer ist 23 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Tirol. Nach einer Zwischenstation in der Lokalredaktion bei der Kronenzeitung Salzburg übersiedelte sie nach Wien zur freizeit-Redaktion. Dort ist sie nun seit August für die Social Media Kanäle zuständig und schreibt Texte für freizeit.at.

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