Darum geht die große Party auf Ibiza zu Ende

Im heißen Sommer gibt es einen Rekordansturm auf die spanische Insel. Den Discos bläst aber eisiger Wind entgegen.

Der gekühlte Rauch schießt aus den riesigen Anlagen auf das aufgeheizte Publikum. Knapp bekleidete Tänzerinnen bewegen sich auf Podesten zur Musik, während sich unten tausende Besucher drängen. Dazu gibt es einen kristallklaren Sound und eine imposante Lichtshow. Das kostet: Die DJ-Gagen sind astronomisch wie auch die Eintrittspreise. Der Preis einer kleinen Flasche mit Wasser liegt bei 10 Euro oder mehr. Es ist, als ob es die Corona-Pandemie nie gegeben hätte.

Auf Ibiza scheint es in der Sommersaison wieder richtig hoch herzugehen. Zwei Jahre lang waren die Mega-Clubs geschlossen, heuer strömen wieder Party-Touristen aus aller Welt auf die Insel.

Im Pacha in Eivissa drängen sich wieder die Menschen.

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"Alles deutet darauf hin, dass die Besucherzahlen noch höher sein werden als 2019", sagt eine Sprecherin der Disco "Pacha" der Nachrichtenagentur AFP. Und dieses Jahr markierte den Höhepunkt einer jahrelang beständig ansteigenden Gästeschar. Das gefällt nicht allen. Seit Jahren gibt es Berichte über zu viel Müll und zu wenig Wasser. Die Insel will ruhiger, nachhaltiger werden. Die Gäste sollen nicht nur in Massen im Sommer, sondern beständig und moderat das ganze Jahr kommen. Nicht die - mittlerweile  nicht mehr ganz so - wilden Nächte sollen sie anlocken, sondern die schöne Natur.

Der Widerstand gegen den Party-Tourismus wird immer größer.  Schon vor einigen Jahren schob man tagelangen Veranstaltungen einen gesetzlichen Riegel vor. Jetzt sperren Institutionen des Nachtlebens  zu oder bekommen empfindliche Strafen aufgebrummt.

Bye, bye "Bora Bora"

Der Beach Club "Bora Bora" der Partymeile in Ibiza-Stadt macht nach Ende der Saison nach 40 Jahren dicht. Hier - in der Umgebung von Apartments und Pool - trifft man sich schon am Nachmittag zum Feiern unterm freien Himmel. "Die Besitzer möchten an den Wandel der Platja d’en Bossa anschließen, der bereits vor circa zehn Jahren begann. 2023 soll der Komplex nach umfassenden Umbauarbeiten unter neuem Namen wieder eröffnet werden. Die Transformation ziele darauf ab, das Gebiet aufzuwerten und Qualitätstourismus anzuziehen", schrieb das Portal Ibiza Heute

Die Nachrichten kommen nur ein paar Monate, nachdem die politische  Bewegung Podemos die Regierung dazu aufgerufen hat, Beach Clubs und "Hotel Discos" zu verbieten. Die würden zu viel Lärm machen. Die Behörden sollten außerdem dafür sorgen, diese zumindest in ihrer Lautstärke zu limitieren. 

Das ist zuletzt einem anderen Fixpunkt der Insel passiert. Der Club "DC 10" nahe des Flughafens hat, nachdem er zuvor schon wegen zu hoher Lautstärke im Freien verwarnt worden war, Besuch von den Behörden bekommen. Diese forderten die Betreiber auf, im berühmten Open-Air-Garten die Lautstärke auf 75 Dezibel - den Geräuschpegel eines Großraumbüros - runterzudrehen. Der Club selbst schrieb, dies sei inakzeptabel und stellte den Freiluft-Betrieb  ein. Kurz darauf sagte das "DC 10" auch eine Veranstaltung mit Techno-Star Carl Cox  ab.

Laut DJ Mag hat die lokale Polizei in diesem Jahr bis jetzt 22-mal Anlagen wegen Lärms abgedreht. Die Strafen reichen zwischen 600 und 300.000 Euro. "Wir kontrollieren, so weit es geht, das Zusammenleben zwischen Nachbarn, Tourismus und deren unterschiedlichen Aktivitäten", erklärte die stellvertretende Bürgermeisterin des Ortes Sant Josep laut dem Medium.

Tänzerinnen auf Podesten sind typisch für das Nachtleben auf Ibiza.

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Empfindlich sind auch die Strafen, die die Balearen-Regierung für illegale Partys beschlossen hat. Laut Mallorca Zeitung müssen Menschen, die an einer nicht genehmigten Feier teilnehmen, für die Eintrittsgeld erhoben werden, 300 bis 3.000 Euro zahlen. "Für die Organisation, Vermarktung oder Werbung sowie für die Teilnahme an Partys in Naturgebieten werden noch wesentlich höhere Strafen verhängt. Das Bußgeld wird zwischen 3.000 und 30.000 Euro liegen und kann sogar 300.000 Euro erreichen."

Größte Disco der Welt

Legale, riesige Feten stiegen früher im "Privilege". Es war mit Platz für 11.000 Menschen einst die größte Disco der Welt. In diesem Sommer machte sie nicht mehr auf. Die Gründe sind vielfältig. Der ehemalige Betreiber führte zumindest die vielen neueren Hotels mit angeschlossenen Beach Clubs wie das Ushuaïa ins Treffen, wo sich die EDM-Vertreter wie Calvin Harris, David Guetta oder Martin Garrix die Klinke in die Hand geben. Der Ex-Chef malte ein düsteres Bild für die anderen eingesessenen Groß-Diskotheken. "Das 'Amnesia' oder das 'Pacha' werden auch schließen müssen, weil an jeder Ecke ein Nachtclub stehen wird." 

Das Ushuaïa hat Platz für rund 7.000 Menschen. Hier gibt es einen Beach Club, eine große Bühne und ein Hotel.

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Es ist noch nicht so lange her, da war für viele Clubber ein Besuch auf der Insel Pflicht. Während der Sommersaison wurden Hits gemacht, Trends gesetzt. Heute sehen viele die Entwicklungen der vergangenen Jahren kritisch. DJs, die regelmäßig dort spielen, sind für kleinere Clubs nicht mehr leistbar. Handys haben beim Feiern überhand genommen. Es scheint, als zähle nicht der Moment, sondern das perfekte Bild für Instagram. Es kann schon passieren, dass sich jemand nur für ein Foto das Shirt auszieht.

In Lokalitäten wie dem "Amnesia" wird gerne das kalte Wasser in den Hähnen der Toiletten abgedreht, damit die Gäste an der Bar die teuren Getränke konsumieren. Dabei wäre viel trinken wichtig, immerhin sind Partydrogen leicht verfügbar. Wiederholt gab es seit einer verschärften Anti-Drogen-Strategie seit 2007 im Umfeld der Clubs Razzien, unter anderem wegen Duldung von Dealern. 

Handys werden auf Ibiza gerne gezückt.

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Selbst der deutsche Techno-DJ Sven Väth, der sich mit 16 in Ibiza verliebte und dort 20 Jahre lang seine Cocoon-Reihe betrieb, meint mittlerweile, dass hier ein Monster erschaffen wurde. "Ich wollte eigentlich meine Leute mitbringen, ich wollte meine Musik teilen, und daraus ist dann auch eine Erfolgsgeschichte entstanden. Uns wurde jeden Sommer die Bude eingerannt. Aber es hat sich viel verändert auf der Insel. Ibiza ist so eine Drehscheibe für die DJs geworden. Man hat da einen Abend, fliegt rein und raus. Das ist alles so normal geworden, nichts Besonderes mehr", sagte er dem Spiegel. Irgendwann werde es gruselig.

Während der Pandemie habe er die Insel wieder ganz anders erlebt. "Schön ruhig. Das Wasser war sauberer. Ich bin viel wandern ge­gangen. Die Insel hat sich von der schmutzigen Energie erholt."

 

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle - also den schönen Dingen im Leben - befassen. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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