Hattie Carnegie

Wie eine Wienerin 30 Jahre den New Yorker Modestil prägte

Die Modelle von Hattie Carnegie waren elegant und doch erschwinglich. Eine Rückschau anlässlich ihres 135. Geburtstags.

Auf der Überfahrt von Wien nach New York im Jahr 1900 soll die elfjährige Henrietta Kanengeiser einen Passagier gefragt haben, wer denn die zurzeit Zeit reichste und erfolgreichste Person Amerikas sei. Die Antwort: der Industrielle Andrew Carnegie. Zehn Jahre später adoptierte Hattie (so bestand sie, angesprochen zu werden) diesen Nachnamen als ihren eigenen. Die Modepionierin wusste wohl, dass nicht nur Kleider Leute machen. Sondern auch Namen.

Ob der neue Nachname tatsächlich Hilfe leistete oder nur als glücksbringendes Symbol fungierte: Bei ihrem Tod 1956 war Hattie Carnegie 8 Millionen Dollar schwer – umgerechnete und inflationsangepasste 83 Millionen Euro. 

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Zwölf Jahre zuvor hatte sie das Cover des Magazins Life geziert. Der sechsseitige Artikel von Russell Maloney schilderte die typische Geschichte des amerikanischen Traums: „Mit einem Look, einem kleinen Anzug und dem Wissen um alle Möglichkeiten ist Hattie Carnegie aus der Armut zur absoluten Chefin eines 6.500.000 Dollar schweren Kleidergeschäfts aufgestiegen.“

Wien, Paris, New York

Die gebürtige Wienerin prägte drei Jahrzehnte lang die Mode Nordamerikas. Sie brachte den Paris-Chic über den Atlantik, passte die Haute Couture der Konfektionsmode an und kreierte ihr Statement-Piece, den „kleinen Carnegie-Anzug“, ein Ensemble aus geradem Rock, verjüngter Taille und verzierten Knöpfen; komplimentiert nicht nur mit passendem Schmuck, sondern auch Parfum. Die Schauspielerin Joan Crawford, die Diplomatin Clare Booth Luce oder auch Wallis Simpson, die angeheiratete Tante der früheren Königin Elizabeth, trugen Hatties Entwürfe.

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Doch wie gelang der Unternehmerin aus armen Verhältnissen, die ohne Wissen übers Nähen, Schneidern oder Entwerfen in das Modegeschäft einstieg, ein derart steiler Aufstieg? Ein wenig hat das wohl mit Zufällen zu tun. Vor allem aber mit Gespür und ganz viel Arbeit.

Nachdem ein Feuer das Wiener Zuhause zerstört hatte, beschloss Hatties Vater Isaac, der von Beruf Schneider war, mit seiner Frau und seinen sieben Kindern an die damals verarmte Lower East Side in Manhattan auszuwandern. Als Isaac Kanengeiser zwei Jahre später starb, fand die 13-jährige Hattie einen Job als Botin im schillernden Kaufhaus Macys. Mit 15 Jahren lernte sie bei einem Hutmacher. Mit 20 kam mit dem Namenswechsel ihr erstes Business – gemeinsam mit der Schneiderin Rose Roth.

Vom Anziehen und Anpacken

Hattie Carnegie begriff wohl bald, dass man nicht alles selbst fertigen muss, wenn man Talent erkennen und Möglichkeiten ergreifen kann. Als Rose Roth aus dem Modelabel wieder ausschied, hatte Hattie genug Geld, um sich Inspiration und Schnitte aus Paris zu holen. Als Amerika die große Depression traf, begann sie elegante Modelle von der Stange zu verkaufen, die sich die Amerikanerinnen leisten konnten. Als sie das Talent des noch unbekannten Models Lucille Ball entdeckte, lehrte sie ihr das Laufen für Modeschauen – aus Dank blieb Lucille ihr auch später als erfolgreiche Schauspielerin treu.

Hattie Carnegie wusste sich zu verkaufen und dabei vornehm in den Hintergrund zu treten. 

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„Es gibt keinen Carnegie-Look“, sagte sie einmal, „nur deinen Look. Meine Kleidung soll die Frau, die sie trägt, zur Geltung bringen. Ich mag es, wenn sie (die Modelle, Anm.) einfach, kompliziert aber schlicht, sind. Wenn sie gut fallen und sich bewegen, wenn sie mit der Zeit gehen und ihr ein wenig voraus sind. Das Kleid selbst sollte nie die Oberhand gewinnen. Im Gegenteil, eine Frau sollte sich in ihren Kleidern so wohl fühlen, dass sie sie ganz vergessen kann.“ Unsichtbar und dennoch nicht zu übersehen.

Auch wenn Carnegies Label 20 Jahre nach ihrem Tod geschlossen wurde, ihre Designs kann man dennoch jederzeit finden: im Metropolitan Museum of Art in New York, im Museum of Lifestyle and Fashion History in Florida oder im Museum of Fine Arts in Houston. Dort kann man Schnitte bewundern, die Kleidungspuppen scheinbar zum Leben erwecken. Weil Kleider eben doch Leute machen.

Anna-Maria Bauer

Über Anna-Maria Bauer

Wienerin und Weltenbummlerin. Leseratte und leidenschaftliche Kinogeherin. Nach Zwischenstopps in London und als Lehrerin in der Wien-Chronik angekommen. Interessiert an Menschen, die bewegen, begeistern oder entsetzen; an ungewöhnlichen Ideen und interessanten Unmöglichkeiten. "Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit." Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter.

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