Warum wir bei der Partnersuche wählerischer sein sollten

Der erfahrene Paartherapeut Christian Thiel über die vermeintlich bindungsgestörten Millennials und hohe Ansprüche beim Dating.

Christian Thiel ist überzeugt: Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Beziehung. Der 60-Jährige studierte Philosophie und zählt zu den bekanntesten Single- und Partnerschaftsberatern Deutschlands. In seinem neuen Buch beschreibt er, warum Treue und Verbindlichkeit bei den Jungen einen höheren Stellenwert bekommen. Warum der Rat „Du bist zu wählerisch“ ein schlechter ist, erklärt Thiel im Interview.

Millennials werden gerne als Generation beziehungsunfähig tituliert. Alles nur ein Missverständnis?

Christian Thiel: Es stimmt, in den Zwanzigerjahren ihres Lebens binden sich Menschen nicht so verbindlich wie früher. Das hat mit beziehungsunfähig allerdings nichts zu tun, es ist ein Ergebnis der langen Ausbildungswege. Menschen gründen Familien, wenn sie beruflich Fuß gefasst haben. Und das ist heute oft erst spät der Fall. Davor suchen sie Bindungen, allerdings oft unverbindliche. Als Berater bekomme ich es vor allem mit Menschen ab 30 zu tun. Und die wollen sich genauso auf eine verbindliche Beziehung einlassen wie die Generationen zuvor.

Inwiefern unterscheidet sich unser Liebesleben heute von dem unserer Eltern- und Großelterngeneration?

Wir haben heute höhere Ansprüche – und das ist in meinen Augen auch gut so. Früher war eine Partnerschaft eher eine Zweckgemeinschaft. Das finden wir heute nur noch selten und wenn, dann eher auf dem Land. Partnerschaften geben uns heute im hohen Maße Halt. Wir wollen gute Gespräche, schöne Erlebnisse und tollen Sex. Das ist gut und richtig – allerdings müssen wir auch genau hinschauen, ob wir das bei dem ins Auge gefassten Partner oder der Partnerin bekommen. Wir müssen wählerischer wählen. Und viele durchwinken.

Sind die Ansprüche nicht eher zu hoch?

Ich habe in all den Jahren keine Frau vor mir sitzen gehabt, die überzogene Ansprüche hatte. Aber Tausende, die es mit niedrigen Ansprüchen versucht haben – und damit gescheitert sind. Die meisten tun sich schwer damit, wählerischer zu werden. Ihr ganzes Umfeld sagt ihnen, dass sie die Ansprüche reduzieren sollten. Das ist ein schlechter Rat, weil er nicht funktioniert. Höhere Ansprüche an sich sind gar nicht das Problem. Aber wir müssen dann schon dafür sorgen, dass wir auch ziemlich viele Singles passenden Alters und passender Bildung kennenlernen – sonst klappt das nicht.

Viele nutzen zu diesem Zweck exzessiv Dating-Apps, bleiben aber trotzdem alleine. Woran scheitert es?

Die meisten sind eben nicht wählerisch. Sie haben kaum Ansprüche, sondern finden, wenn er gut aussieht und es schafft, sie im Verlauf eines Dates zum Lachen zu bringen, dann müsse man es mal miteinander versuchen. Zudem wird oft auch der schnelle Weg in Richtung Sex gegangen. Auch das ist wenig hilfreich. Eine stabile Partnerschaft setzt voraus, dass wir uns unser Gegenüber sehr genau anschauen. Aber mit 30 geht heutzutage die ernsthafte Partnersuche erst wirklich los. Die meisten sind dann mit 40 glücklich gebunden.

Sie schreiben, dass die monogame Paarbeziehung wieder wichtiger wird. War sie denn je unwichtig? Instagram ist voll mit Fotos von Traumhochzeiten und Treueschwüren.

Es gibt immer wieder Wellen der Medienberichterstattung, dass Partnerschaften unverbindlicher werden. In der Realität sehen wir im Grunde seit den 70er-Jahren eine zunehmende Bereitschaft von jungen Menschen, die Ehe als Lebensziel anzusehen. Leider wird das mit dem Heiraten heute ausufernd zelebriert, mit teuren Hochzeiten, für die sich ein Paar auch mal verschuldet. Das ist nicht hilfreich und folgt den Klischees von Hollywood. Ehen sind nicht stabiler, nur weil ich eine irre teure Location in den Schweizer Alpen gemietet habe. Wir sehen in der Praxis eher das Gegenteil.

Reden wir von den Jungen, der Generation Z. Sie denken nicht mehr in klassischen Geschlechterrollen, legen wert auf Offenheit, Diversität. Wie verändert das Beziehungen?

Die Zahl der nicht-klassischen Beziehungsformen nimmt leicht zu, das stimmt. Allerdings berichten die Medien ungefähr zehnmal so viel darüber, wie wir es in der Praxis zu Gesicht bekommen. Eine offene Gesellschaft sollte das sehr gelassen aushalten. Zudem finden sich viele dieser Experimente mit der Liebe vor allem in der Jugend und verlängerten Jugend. Was danach kommt, ist eine ganz andere Frage.

Studien zeigen, dass junge Erwachsene durch die Pandemie weniger Sexualkontakte haben, der Pornokonsum aber stark steigt. Verlernt da eine Generation, echte Bindungen aufzubauen?

Der hohe Pornokonsum führt dazu, dass junge Menschen eine abseitige Vorstellung von der menschlichen Sexualität bekommen. Junge Männer erwarten, dass eine Frau beim Orgasmus so laut schreit, wie sie es aus Pornos kennen – und wenn sie das nicht tut, sind sie enttäuscht. Zudem führt häufiger Pornokonsum dazu, dass es Menschen generell schwerfällt, realen Sex zu genießen. Weil der ganz anders ist als Porno-Sex. Aber ich bin grundsätzlich zuversichtlich: Die meisten von ihnen werden es mit Beziehungen versuchen.

Julia Pfligl

Über Julia Pfligl

Seit 2014 beim KURIER, Ressort Lebensart

Kommentare