Warum Liebe keine Frage von Zentimetern ist

Muss ein "Traummann“ größer sein als die Frau? Die Vorstellung hält sich auch im Zeitalter der Emanzipation hartnäckig.

Sie sind das neue Traumpaar auf Hollywoods roten Teppichen und stechen aus einem Grund besonders ins Auge: Die Schauspielerin Zendaya (25) überragt ihren Freund, "Spider Man“-Star Tom Holland (25), auch ohne Stilettos um sechs Zentimeter – ein Anblick, der nicht nur in der Glamourbranche selten ist.

Die ersten Fotos des Paares stießen eine Debatte über das Beuteschema in heteronormativen Liebesbeziehungen an. Denn trotz Body-Positivity-Bewegung und dem allgegenwärtigen Instagram-Schlagwort #femaleempowerment hält sich das Ideal des größeren Mannes hartnäckig.

Dies zeigte sich auch in einer Studie, die der Psychologe Guido Gebauer vor Kurzem für das Datingportal Gleichklang.de durchgeführt hat. 70 Prozent der Frauen gaben an, dass ihr Partner größer sein soll. Männern ist der Unterschied weniger wichtig: 39 Prozent wünschen sich eine kleinere Frau an ihrer Seite.

Schuld sind alte Rollenbilder, die sich nur schwer ausmerzen lassen, erklärt der Psychologe. "Der am häufigsten genannte Grund bei Frauen war ein Gefühl von Geborgenheit. 32 Prozent fanden einen großen Mann maskuliner und 21 Prozent gaben an, zu ihrem Mann aufschauen zu wollen.“ Keine einzige der 500 von ihm befragten Single-Frauen suchte dezidiert nach einem kleineren Mann.

Schwierigkeiten auf Dating-Apps 

Dementsprechend schwierig gestaltet sich für viele kleinere Männer die Partnersuche via Dating-Apps. "Eine der ersten Fragen im Chat ist fast immer die nach der Körpergröße“, berichtet ein Single-Mann, der knapp die 1,70-Meter-Marke schrammt. "Für viele Frauen kommt ein Partner unter 1,80 grundsätzlich nicht in Frage.“

Zur Erinnerung: Der durchschnittliche Österreicher ist 1,78 Meter, die durchschnittliche Österreicherin 1,66 Meter groß.

Die meisten Männer hätten im Grunde gar kein Problem damit, von ihrer Partnerin überragt zu werden, sagt Gebauer. Auch das habe seine Studie ergeben. "Bei den Männern dominierte die Angst vor Ablehnung, gefolgt von der Aussage, eine kleinere Frau sei femininer.“

Moderne Promi-Paare wie Holland und Zendaya könnten mit ihrem selbstbewussten Auftreten dazu beitragen, diese Stereotype zu brechen.

Zendaya überragt "Spider Man" Tom Holland um sechs Zentimeter

©APA/AFP/GETTY IMAGES/Amy Sussman

Beschützer

Dem Wunsch nach einem größeren Mann liegt auch eine evolutionsbiologische Komponente zugrunde. "Männer wachsen in der Pubertät länger und werden somit größer. Für Frauen ist Körperlänge also ein Marker für Reife“, weiß Stefan Verra, Experte für Körpersprache. "Darüber hinaus steht Größe für Kraft, und die war bis auf die letzten Jahrzehnte ein Faktor für Sicherheit. Deswegen suchen viele Frauen eine 'Schulter zum Anlehnen‘.“

Verra warnt vor küchenpsychologischen Diagnosen bei Paaren mit umgekehrtem Zentimeter-Verhältnis. "Es gibt keine eindeutige Verbindung zwischen Größe und der Qualität einer Beziehung. Es sagt aber etwas über die Beobachter aus: Es fällt aus der Norm und zieht deswegen die Aufmerksamkeit auf sich. Dominanzverhältnisse werden dann gerne zugeschrieben. Ähnlich wie bei Paaren, bei denen die Frau älter als der Mann ist.“

Nicolas Sarkozy misst 1,66 Meter – fast zehn Zentimeter weniger als seine Model-Gattin Carla Bruni 

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Sex

Aus wissenschaftlicher Sicht könnte der ungewohnte Größenunterschied sogar eher für die Beziehungsqualität sprechen. "Je mehr wert auf moralische Wertvorstellungen gelegt wird, desto unwichtiger wird die Körpergröße“, berichtet Gebauer.

Auf dem offiziellen Hochzeitsfoto ging Katie Holmes (1,75 Meter) in die Knie, um ihren Mann Tom Cruise (1,70 Meter) nicht zu überragen

©APA/AFP/GABRIEL BOUYS

Bewertende Blicke und gesellschaftliche Erwartungen könnten zwar belastend wirken. "Nicht zu erwarten ist dieser Effekt aber bei Partnern, die sich von solchen Geschlechterrollen-Stereotypen freimachen und selbstbewusst gegenüber ihrem sozialen Umfeld auftreten.“

Dies tat schließlich auch Tom Holland, nachdem zahlreiche Social-Media-Nutzer den Größenunterschied in seiner Beziehung kommentiert hatten. Es sei eine "blöde Annahme“, dass Männer größer sein müssen als ihre Partnerinnen, sagte der Teenie-Schwarm in einem Interview.

Als endgültigen Beweis für sein Liebesglück deuteten Fans ein vielsagendes Like, das der 25-Jährige unter einem Instagram-Beitrag hinterließ. Kleine Männer seien laut einer Studie sexuell aktiver als größere, hieß es darin.

Julia Pfligl

Über Julia Pfligl

Seit 2014 beim KURIER, Ressort Lebensart

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