Filmstarts

Filmkritik zu "Pleasure": Zwischen Zwang und Zustimmung

Eine Schwedin will im Sex-Business zum Pornostar aufsteigen, In "Scream“ wird zitiert und geschlitzt und Lady Diana feiert Weihnachten

Es gibt viele Gründe, warum Frauen ins Pornogeschäft einsteigen. Manche handeln unter Zwang, andere völlig freiwillig. Befragt, warum sie gerne eine Darstellerin in Pornofilmen werden möchte, antwortet eine blonde junge Frau aus Schweden mit dem Decknamen Bella Cherry: „I want to fuck.“

So einfach ist das. Oder so einfach stellt sich das Bella Cherry vor. Sie will Sex haben, dabei gefilmt werden und eine große Karriere in der Pornoindustrie machen.

Wo ist das Problem?

Bella Cherry erweist sich als Naturtalent und geborene Exhibitionistin. Mit Schlafzimmerblick unter den schweren Wimpern keucht sie überzeugend in die Kamera, schmiert sich lustvoll das Sperma über die halb geöffneten Lippen und leckt sich die Fingerspitzen. Ein Traum für jeden Pornoproduzenten.

Trotz Bella Cherrys großer Bereitwilligkeit erweist sich der Arbeitsalltag als aufreibender als erwartet. Die junge Frau teilt sich ein abgewohntes Zimmer mit anderen Girls, die ebenfalls im Geschäft sind. Die Mädchen-WG geht zusammen aus, hängt kichernd auf Partys herum und versucht, Geschäftskontakte zu knüpfen. Doch das männlich dominierte Pornobusiness entpuppt sich für die Sexarbeiterinnen als fragiler Grenzgang zwischen Zustimmung und Zwang, Konsens und Kontrollverlust.

Newcomerin Sofia Kappel als Bella Cherry in "Pleasure"

©Filmladen

Wer, wie Bella Cherry, ein Pornostar mit großer Fangemeinde und Followern (auf Instagram) werden will, muss schon mehr als die anderen bieten. Auch ausgefinkelte BDSM-Nummern mit komplizierten Verschnürungspraktiken sind gefragt – übrigens der einzige Pornodreh in „Pleasure“, der unter der umsichtigen Hand einer Regisseurin entsteht.

Bella Cherry möchte Teil einer Elite-Truppe an Pornodarstellerinnen werden – den sogenannten Spiegler-Girls –, die für besonders harten Sex berühmt sind.

Brutaler Dreh

Um ihr Erfahrungsportfolio aufzubessern und den Pornstar-Agenten Mark Spiegler mit gewagten Sexnummern zu beeindrucken, begibt sie sich in Gewaltszenarien, deren Ausmaß sie nicht abschätzen kann. Trotz mehrfacher Rückfragen seitens der brutalen, männlichen Akteure, ob es „eh okay“ sei, was gerade passiere, unterscheidet sich einer dieser Drehs kaum noch von einer mehrstündigen Vergewaltigung. Stichwort: „Hate-fucking“, offenbar eine begehrte Variante bei den Konsumenten.

Die "Spiegler-Girls“ sind bekannt für harten Sex: "Pleasure"

©Filmladen

„Pleasure“ ist das Spielfilmdebüt der jungen Schwedin Ninja Thyberg und lebt vom vibrierenden Realismus seiner kühl stilisierten, expliziten Bilder. Ein Jahr lang hat die Regisseurin in der Porno-Szene recherchiert und ihren Film mit Ereignissen angereichert, die sie selbst beobachtete. Zentrale Schlüsselfiguren aus der Pornoszene wie Mark Spiegler spielen sich selbst; Newcomerin Sofia Kappel als Bella Cherry ist angeblich die Einzige in der Besetzung, die vor dem Filmdreh nichts mit der US-amerikanischen Pornoindustrie zu tun hatte.

Konsequent nimmt Ninja Thyberg die Perspektive ihrer Protagonistin ein, deren Karriere umso steiler nach oben geht, je mehr sie ihre Grenzen nach unten verschiebt. Irgendwann muss sie sich entscheiden, ob sie den Höchstpreis für ihren Körper erzielen kann, ohne dabei ihren Selbstwert zu verlieren.

INFO: SWE/NL/F 2021. 109 Min. Von Ninja Thyberg. Mit Sofia Kappel, Revika Anne Reustle, Evelyn Claire.

Zwischen Zustimmung und Zwang: Pornodreh in "Pleasure“

©Filmladen

Filmkritik zu "Scream": Niemals allein in den Keller

Wenn ein junges Mädchen alleine in der Küche steht und das Telefon am Festnetz klingelt, ist das meist kein gutes Zeichen. Schon gar nicht, wenn dann eine männliche Stimme im Hörer fragt, was denn ihr Lieblingshorrorfilm sei.

Wer sich mit der Slasher-Serie auskennt, weiß, dass nur wenige Minuten später die junge Frau geschnetzelt am Boden liegt oder triefend am Fleischerhaken hängt.

Willkommen in „Scream“, der fünften Auflage der Teenie-Schocker-Reihe, die Horror-Veteran Wes Craven Zeit seines Lebens – er verstarb 2015 – zur „Schrei“-Serie verkultete.   „Ghostface“, ein Serienkiller mit  Edvard-Munch-Maske, trat erstmals 1996 in Erscheinung und schlitzte sich durch eine Gruppe von kreischenden Highschool-Schülern. Neve Campbell, Courteney Cox und David Arquette zählten zur Stammbesetzung  der fiktionalen   Kleinstadt Woodsboro und  konnten von dem Regieduo Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett für die fünfte Folge von „Scream“ zurückgewonnen werden.

Der neue „Scream“ ist weder Sequel noch Prequel, sondern „Requel“ – eine Mischung aus Neuaufguss und Originalverliebtheit.

 Der Serienkiller Ghostface ist zurück: „Scream“

©Constantin

Schon Schrei eins hatte mit schlauen Referenzen auf das Horrorgenre um sich geworfen und die Überlebensregeln  für potenzielle Schlitzeropfer (Kein Sex! Keine Drogen!) genussvoll zitiert.

Zitatenschlacht

Auch der fünfte Teil ist (über)vollgestopft mit halblustigen Horrorfilm-Zitaten, unternimmt Autofahrten durch die Elm Street und fixiert sich auf den  Duschkopf aus „Psycho“.  Ein junges Mädchen wird nachts von Ghostface attackiert und versetzt dadurch seinen gesamten Freundeskreis in Aufruhr. Die Schwester des Opfers und ihr Freund kommen nach  Woodsboro zurück und wenden sich an Ex-Sheriff Dewey Riley (Arquette) und bitten  um Hilfe. Auch Chefreporterin Gale Weathers (Cox) und Überlebensgirl Sidney Prescott (Campbell)   nehmen die Verfolgung auf. Ein paar gute Schreckmomente sind jedenfalls drin – und eine lange Liste an Horrorfilmen, die einen nie vergessen lässt, dass man gerade in einem Horrorfilm sitzt.

INFO: USA 2022. 154 Min. Von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett. Mit Melissa Barrera, Jenna Ortega.

Originalbesetzung Neve Campbell und Courteney Cox in "Scream"

©Constantin

Filmkritik zu "Spencer": Spießrutenlauf im Königspalast

Bereits mit seinem Witwenporträt „Jackie“ hat der chilenische Regisseur Pablo Larraín ein Händchen dafür bewiesen, populären Mythen wie Jackie Kennedy seinen eigenwilligen Stempel aufzudrücken. Auch  seine Entscheidung, Kristen Stewart als Lady Diana zu besetzen,  erwies sich  als treffsicher.  In bleichen Farben erzählt  Larraín, wie Diana zu einer dreitägigen Weihnachtsfeier nach Sandringham zur königlichen Familie und ihren Kindern aufbricht und danach beschließt, ihr Leben zu ändern.

Mit leicht geneigtem Kopf und hochgezogener Schulter, sieht Stewart ihrem Vorbild zum Verwechseln ähnlich und bietet den strikten Reglements der königlichen Etiketten eigensinnig die Stirn, wenngleich mit zunehmender Verzweiflung. Jeder Anlass – Frühstück, Kirchgang, Tee, Dinner – verlangt seine eigene Garderobe, die   von der Kammerzofe vor Diana ausgebreitet wird. Diese verwechselt absichtlich die Kleider oder zögert ihr Zusammentreffen mit der königlichen Familie durch ausgedehnte Klogänge und Flucht in den Garten immer wieder möglichst lang hinaus. Der oft wiederholte Satz der Dienerschaft „Alle warten auf dich“ bekommt dabei fast Thrillerspannung.

Und wenn die Kammerzofe die Vorhänge von Dianas Schlafzimmer zunäht, damit sie kein Fotograf beim Umziehen beobachten kann, dann wird die Metapher vom goldenen Käfig mehr als augenfällig.

INFO: GB/D/USA/CHL 2021. 117 Min. Von Pablo Larraín. Mit Kristen Stewart, Sally Hawkins, Timothy Spall. 

Kristen Stewart als Lady Diana und Sally Hawkins als ihre Lieblingskammerzofe: „Spencer“ von Pablo Larraín 

©Polyfilm
Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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