Der Wert des Ruhms: Warum Auktionshäuser vermehrt auf Stars setzen

Das Geschäft wandelt sich radikal. Mit Kunst allein sind kaum neue Kunden zu gewinnen, echte Highlights werden rar

Freddie Mercury liebte Auktionen, erzählt seine langjährige Vertraute Mary Austin. Der Queen-Frontman wusste gewiss um die natürliche Nähe der Versteigerungen zum Showbusiness: Nicht nur werden spektakuläre, rare und kostbare Dinge zur Schau gestellt – das Feilschen und Bieten ist selbst oft ein Spektakel. Teils stehen am Auktionspult wahre Bühnentalente, die das Geschäft theatralisch zu inszenieren vermögen.

In jüngster Zeit ist aber eine Annäherung von Auktions- und Showgeschäft zu bemerken, die über das gewöhnliche Maß hinausgeht. Die Auktion von rund 30.000 Objekten aus Mercurys Besitz, die Mary Austin mit dem Auktionshaus Sotheby’s einfädelte, ist dabei nur die sichtbarste Allianz: Denn in einem Markt, in dem Connaisseure alter Schule hinter neue, mit Popkultur sozialisierte Käuferschichten zurücktreten, ist der Ruhm eines Vorbesitzers oft mehr wert als der Name eines Künstlers oder einer Luxus-Manufaktur. Wer mitbietet, kauft sich auch ein Stück des Geschmacks und Stils eines Stars – oder hofft zumindest darauf.

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Auch das Ausstellungswesen wird von diesen Bewegungen erfasst: Alle Schauräume im Londoner Hauptquartier von Sotheby’s sind bis zur Auktion am 6. September mit Mercury-Memorabilien gefüllt (neben Highlights wie dessen Hermelin-Bühnen-Outfit und dem Manuskript von „Bohemian Rhapsody“ sind viele Objekte, darunter Deko-Objekte und Asiatika, auch online zu ersteigern).

Showruhm im Showroom

Die Schaustellung wird als Event zelebriert – der Eintritt ist frei, es gibt einen Souvenir-Shop. Konkurrent Christie’s tritt derweil in New York als Partner einer Ausstellung in Brooklyn auf, die Leben und Werk des HipHop-Moguls Jay-Z (Ehemann von Beyoncé und selbst Kunstsammler) würdigt. Zu sehen sind Mikros, Streetwear und vieles mehr – zu ersteigern ist dann ab (ab 16. August, online) eine limitierte Auflage von Bibliotheksausweisen, gestaltet im Stil der legendären Alben des Rap-Stars.

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Bibliophil geht es bei Christie’s im September weiter, wenn Bücher und Noten des verstorbenen Rolling-Stones-Schlagzeugers Charlie Watts ausgestellt und versteigert werden. Bereits verkauft wurden heuer Schätze aus dem Besitz von Disco-Queen Donna Summer, dem Schauspieler Peter Ustinov und dem Musiker-Ehepaar Alice und Nikolaus Harnoncourt.
 

Waren Celebrity-Auktionen lange die Domäne zweit- und drittklassiger Anbieter, so sind sie nun deutlich merkbar in die Elite-Sphäre vorgedrungen. Dass Sotheby’s jüngst ein ganzes Museumsgebäude erwarb, unterstreicht die Verschiebungen: Die vom Marcel Breuer als Whitney Museum of American Art designte Architekturikone an der New Yorker Madison Avenue soll künftig die Ausstellungsaktivitäten des Hauses bündeln. Schon jetzt ist das Programm – mit thematischen Auktionen und Sonderausstellungen zu zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern – stellenweise kaum von jenem einer Kunsthalle oder Galerie zu unterscheiden. Die strenge Ordnung von Auktionen nach Epochen haben die großen Häuser längst aufgeweicht.

Dabei war das teuerste von Sotheby’s verkaufte Objekt 2022 laut Marktreport von Art Basel und UBS gar kein Kunstwerk, sondern ein Auto: Das sogenannte Mercedes-Uhlenhaut-Coupé erzielte mit 135 Millionen Euro einen Rekord.

Holprige Zeiten

Bei Kunst sind solche Preise rarer geworden: Ein Star-Los der New Yorker Auktionen im Mai, Gustav Klimts „Insel im Attersee“, erzielte mit umgerechnet 53,2 Millionen Euro zwar einen Top-Preis – allerdings deutlich weniger als die 104,6 Millionen, die das Werk „Buchenwald“ aus der Sammlung von Microsoft-Gründer Paul Allen noch 2022 erzielt hatte.

Christie’s gab zuletzt für das erste Halbjahr 2023 einen Rückgang der Umsätze um 23 % gegenüber 2022 bekannt – die 200 Millionen Dollar, die der Verkauf der Juwelen von Milliardärin Heidi Horten eingebracht hatte, waren da schon eingerechnet.

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Im Angebot: Welche Star-Lose zu ersteigern sind

Freddie Mercury: Seit Freitag läuft  die Online-Auktion auf sothebys.com, die Highlights werden von 6.  bis 8. 9. in London versteigert.   Ein Teil des Erlöses kommt AIDS-Hilfeprojekten zugute

Madonna: Die Pop-Queen lässt 40 Einzel-Fotos, die  Steven Meisel für das Buch „Sex“ (1992) machte, am 6-10. bei Christie’s versteigern (50.000 – 250.000 US-$)

Lennon, Warhol: Ein Klavier, das John Lennon gehörte und später an Andy Warhol verborgt wurde, wird am 30. 9. bei Alex Cooper, USA, versteigert. Schätzwert:  Drei
 Millionen US-$  

Inflation, höhere Zinsen und ökonomische Unsicherheiten sind Gründe für die gebremste Kauflaune – ein anderer ist eine Knappheit im Angebot. Top-Werke von Künstlern, die lange als Rekordgaranten galten – Picasso, Warhol, Basquiat – werden nicht mehr in derselben Frequenz angeboten. In Kategorien, wo es einiger Kennerschaft bedarf, um Preziosen herauszufischen, wächst das Publikum nicht nach – etwa bei Altmeistergemälden oder Kunst des 19. Jahrhunderts.

The Show Must Go On

Ein Damenbildnis des Malers James Jacques Tissot von 1880, das in Freddie Mercurys Villa hing, wird aber wohl trotzdem auf Interesse stoßen. Mit einem Schätzwert von rund 700.000 Euro ist es auch deutlich günstiger als ein gewisses Paar Sportschuhe, in dem einst die Füße von Michael Jordan steckten: Dieses brachte im vergangenen April zwei Millionen Euro ein.

Michael Huber

Über Michael Huber

Michael Huber, 1976 in Klagenfurt geboren, ist seit 2009 Redakteur im Ressort Kultur & Medien mit den Themenschwerpunkten Bildende Kunst und Kulturpolitik. Er studierte Publizistik und Kunstgeschichte und kam 1998 als Volontär erstmals in die KURIER-Redaktion. 2001 stieg er in der Sonntags-Redaktion ein, wo er für die Beilage "kult" über Popmusik schrieb und das erste Kurier-Blog führte. Von 2006-2007 war Michael Huber Fulbright Student und Bollinger Fellow an der Columbia University Journalism School in New York City, wo er ein Programm mit Schwerpunkt Kulturjournalismus mit dem Titel „Master of Arts“ abschloss. Als freier Journalist veröffentlichte er Artikel u.a. bei ORF ON Kultur, in der Süddeutschen Zeitung, der Kunstzeitung und in den Magazinen FORMAT, the gap, TBA und BIORAMA.

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