Wild und tragisch: Clara Bow, das erste It-Girl der Geschichte

Ihr Leben steckte voller Partys, Affären und Skandale – und verlief tragisch. Das Kinospektakel „Babylon“ greift ihre Geschichte auf.

Ein wunderschönes Starlet außer Rand und Band, das mit einer Klapperschlange kämpft. Ein kolossaler Elefant, der den zugedröhnten, staunenden und mitunter nackten Gästen vorgeführt wird. Alles ist ein endlos wilder Tanz, ob unter Palmen oder am Pool. Dazu gibt’s Sex bis zum Sunset, Champagner in Strömen und Trompetenjazz.

Auf den Partys im Hollywood der Zwanzigerjahre ging es wild zu. Wüst möchte man beinahe sagen. Der Erste Weltkrieg war vorbei, jetzt wurde das Leben gefeiert, das Jazz-Zeitalter, der Sex-Appeal der „Flapper“. Während das bei uns als die „Goldenen Zwanziger“ benamst wurde, musterschülerhaft dem wirtschaftlichen Aufschwung würdigend, geriet die Epoche anderswo zum riesigen „Roooaar“: den „Roaring Twenties“, ein zum Begriff erstarrter Schrei, ein Taumel aus Vergnügen, in dem alles andere unterging.

Der Film „Babylon“, der am 19.1. im Kino startet, suhlt sich genüsslich darin. In den USA als Flop eingestuft, was aber auch mit dem Wintersturm und „Avatar 2“ zu tun haben dürfte, badet das hedonistische Spektakel in Schauwerten. Behandelt wird der Übergang von der Stummfilmzeit zum Tonfilm. Gefeierte Stars waren plötzlich keine mehr, was nachkam, drängte rücksichtslos ehrgeizig nach oben.

All das, sowie die dekadenten Ausschweifungen (vor allem die) einer im Umbau befindlichen Industrie, die sich erst zu professionalisieren hat, und in der sich noch keiner zu benehmen weiß, komponierte Regisseur Damien Chazelle („La La Land“) zu einem wilden Husarenritt und Gemälde einer Gesellschaft, kurz bevor an der Wall Street der Börsencrash passiert und in der Traumfabrik die Moralapostel dem wilden Treiben ein Ende setzen.

„Manche überlebten, andere nicht“, sagt Chazelle. Als Erzähler lässt er einen ehrgeizigen Schauspieler mexikanischer Herkunft auftreten. Brad Pitt gibt einen Filmhaudegen, angelehnt an Douglas Fairbanks und John Gilbert. Und dann ist da noch sie, das ungestüme, unbezähmbare Zentrum des Films, mit dem wilden Blick, der Löwenmähne und dem knappen, roten Kleid.

„Es steht in den Sternen: Ich bin ein Star“, sagt Nellie LaRoy mit dem Brustton der Überzeugung. Chazelle, mit der Ära des Stummfilms gut vertraut, hat ihre Persona aus den Biografien verschiedener Filmstars gebündelt. Joan Crawford etwa, die erst ein Stummfilm-Starlet war, dann 1946 den Oscar gewann und Dekaden überspannend bis in die 1970er-Jahre Filme drehte. Auch Jeanne Eagels und Alma Rubens, die beide noch bevor sie 30 waren an ihrer Drogen- und Alkoholsucht zugrunde gingen, waren Inspiration. Vor allem aber sie: Clara Bow. Als erstes It-Girl ging sie in die Geschichte ein: als Mädchen mit dem gewissen, unbeschreiblichen Etwas – „it“ eben.

Schauspielerin Clara Bow

©Corbis via Getty Images/Sunset Boulevard/Getty Images

Was ist „it“?

„Sie hat’s!“, jubelt der Romantic Lead im Stummfilm „It“ aus dem Jahr 1927, als er Clara Bows ansichtig wird: ein Mädchen mit dunklem, lockigem Haar, erfrischend keck, mit groooßen Augen. In der romantischen Komödie werden eine Warenhaus-Verkäuferin und ihr Juniorchef auf amüsant verschlungenen Wegen ein Liebespaar.

Aber was ist es, diese geheimnisvolle, verführerische, schwer zu eruierende Charisma-Zutat im Auftritt? Als „Selbstvertrauen und Gleichgültigkeit, ob Sie nun gefallen oder nicht“, wird sie im Film erklärt, und trotzdem als etwas, das nicht den Eindruck vermittelt, man sei im Inneren ein völliger Eisblock. Heiß und cool zugleich, sozusagen. „Ist sie nicht attraktiv?“, flötet eine Frau im Film. Das stand nicht nur ins Drehbuch geschrieben. Auch das Publikum war hin und weg von Bows Erscheinung.

Die Schauspielerin avancierte zum Sexsymbol und zu einem der größten Filmstars ihrer Zeit, monatlich flatterten 45.000 Fan-Briefe bei ihr ins Haus. Und Clara Bow wurde zum Sinnbild des „Flapper“, einem modischen Frauentyp der Zwanzigerjahre: schelmisch und selbstbewusst, Frauen, die sich kess über gesellschaftliche Normen hinwegsetzten, die rauchten, Drinks nahmen, sich schminkten, kurze Röcke und kurzes Haar trugen. Ein Leben, das Bow leicht zu gelingen schien. Was man nicht sah: die harte Vorgeschichte hinter Bows verträumtem Kulleraugenblick.

Harte Kindheit

In extremer Armut in Brooklyn geboren, die Mutter schizophren und Teilzeitprostituierte, der Vater gewalttätiger Alkoholiker, der sie sexuell missbrauchte: Wenn Biografien so beginnen, ahnt man – sehr viel heiterer wird das jetzt nicht mehr. Mit 14 gab sie sich als 16 aus und nahm am Schönheitswettbewerb eines Magazins teil, zuhause kam das gelinde gesagt ganz schlecht an. Ihre Mutter schlich sich daraufhin in der Nacht mit einem Fleischermesser in das Schlafzimmer der Tochter und versuchte, ihr die Kehle durchzuschneiden.

Das hinterhältige Unterfangen misslang, Clara Bow gewann den Contest sogar und ihren ersten Filmauftritt gleich mit. Nicht schlecht für ein Mädchen, das unter bösen Buben auf der Straße aufgewachsen war und sich selbst nie als schön empfand. Das Paramount-Studio baute sie darauf zu einem der populärsten Flapper auf, sie brillierte mit ihrer unverfälschten Lebensfreude in Liebeskomödien wie „The Plastic Age“. Aber auch im Kriegsfilm „Wings“, der den ersten Oscar als „Bester Film“ erhielt, zeigte sie, was sie kann. „Sie war das Mädchen des Jahres“, schrieb F. Scott Fitzgerald über Bow.

Was ihren Typ im Vergleich zu vielen Rollen für Frauen heute unterschied: Sie war keineswegs Passagierin eines willfährigen Schicksals (oder Beiwagerl eines erfolgreichen Mannes), sondern nahm sich, was sie wollte. Den Übergang zum Tonfilm meisterte sie, oft vor Aufregung dem Nervenzusammenbruch nahe und schweren Slang auf der Zunge, trotz breiter Fan-Base nicht.

Abstieg und Sittenverfall

Die nun herrschende wirtschaftliche Krise schien mit ihrem Frohsinn schwer vereinbar, zudem widmete ihr Förderer, der Produzent B. P. Schulberg, seine Bemühungen vermehrt der Aktrice Sylvia Sidney. Von da an gleicht die Aufzählung, wovon Clara Bow geplagt wird, einer maßlosen Aneinanderreihung klischeehafter Schicksalsschläge, wie aus dem Groschenroman, und dennoch um nichts weniger wahr. Spielschulden, Gewichtsprobleme, böse Klatschgeschichten über ihr Liebesleben, die ihr das Ansehen und die Karriere gleich mit ruinierten, dazu Erkrankungen, körperlich wie psychisch.

Das musste die stärkste Frau umwerfen, und das tat es: Gezeichnet zog Bow sich zurück, lebte auf einer Ranch in Nevada, verheiratet mit Rex Bell, Western-Darsteller und Politiker. Unter der Diagnose Schizophrenie leidend, überlebte sie einen Selbstmordversuch und starb 1965 mit 60 Jahren an Herzversagen. „Sie war der beispielhafteste Star der Zwanzigerjahre“, so ihre Kollegin Louise Brooks über Bow, „sie war die Zwanziger.“

Dem Sittenverfall der Roaring Twenties wurde da schon lange zuvor ein Riegel vorgeschoben. Hollywood war ein Sündenpfuhl geworden, in den Filmen herrschte Freizügigkeit und buntes Treiben, dazu sorgte eine Reihe von Skandalen (etwa der Vergewaltigungsprozess rund um den Komiker Fatty Arbuckle) für Unruhe. Die Angst vor staatlicher Zensur veranlasste die Studios 1934 zum Hays Code: gezeigt werden durfte nur noch, was als „moralisch akzeptabel“ galt. Sex war davon ausdrücklich ausgeschlossen. Und selbst Küsse durften nicht länger als drei Sekunden dauern.

Und das It-Girl heute? Die kokette Anziehungskraft von Clara Bow, die allen den Kopf verdrehte, lassen ihre Epigonen der jüngeren Vergangenheit, von Paris Hilton bis Kim Kardashian, herzlich vermissen: Ihre Star-Power beruht auf weit plumperer Ansprache und eindeutigeren Talenten.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Redakteur KURIER Freizeit. Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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