Antwerpen: Reise durch zwei Welten in einem Museum

Alte Meister, neue Architektur und die weltweit größte James-Ensor-Sammlung im wiedereröffneten Königlichen Museum der Schönen Künste Antwerpen (KMSKA)

Von Werner Rosenberger

Vergoldeter Stuck, pompejanisch rot und olivgrün gestrichene Wände, bordeauxfarbene Samtsofas auf Fischgrätparkett – die Meisterwerke von Jan van Eyck und Pieter Bruegel oder von den Vertretern des flämischen Barocks Peter Paul Rubens und Anthony van Dyck wohnen wieder standesgemäß im Historismuspalast Baujahr 1884: Das Königliche Museum der Schönen Künste Antwerpen (KMSKA) wurde – um 100 Mio. Euro generalsaniert, restauriert und umgebaut – nach elf Jahren wiedereröffnet.

25.000 Besucher waren am Festwochenende da. 300.000 werden jährlich erwartet. „Eines der renommiertesten und wichtigsten Museen Belgiens“, titelte die New York Times.

Denn das Büro KAAN Architecten aus Rotterdam hatte ein Museum ins Museum gebaut: Mit vier in die einstigen Innenhöfe gesetzten weißen Kuben wurde die Ausstellungsfläche um 40 Prozent auf 21.000 Quadratmeter erweitert.

„Das KMSKA ist das größte Museum in Flandern. Seine Sammlung entspricht denen des Rijksmuseums, des Louvre und des Prado, ist nur kleiner“, sagt der KMSKA- Vorsitzende Luk Lemmens.

Der „Maskenmaler“

Die Architektin für die Renovierung Dikkie Scipio wollte dem imposanten Gebäude mit der aufpolierten Kalksteinfassade aus dem 19. Jahrhundert, mit ihren hohen neoklassizistischen Säulen, Büsten und geflügelten Pferden „eine genauso starke, aber völlig andere Architektur hinzufügen“.

Hier ist jetzt die Moderne nach 1880 zu Hause. Hier hat neben Malerstars wie Rik Wouters und René Magritte auch einer der wichtigsten Protagonisten der 8.400 Werke der Sammlung des KMSKA sein Domizil: Dem „Maskenmaler“ James Ensor und seinen makabren, surrealen Bildfindungen ist sogar ein eigener Flügel gewidmet.

Das Museum besitzt mit fast 40 Gemälden und zahlreichen Zeichnungen, Stichen und Skizzenbüchern die weltweit meisten Arbeiten des 1949 verstorbenen Symbolisten und frühen Expressionisten.

Innovative Erweiterung im Inneren.

©Karin Borghouts

Ein scharfer Kontrast

Einerseits: das historische Flair und die Pracht der auf Hochglanz gebrachten alten Säle wie der berühmten Rubensgalerie, die in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt wurde, mit den monumentalen Kirchengemälden: „Die Anbetung der Heiligen Drei Könige“ (1624), „Die Taufe Christi“ (1605) und „Thronende Madonna mit Kind, umringt von Heiligen“ (um 1628).

Andererseits: ein ausgeklügeltes Lichtkonzept und die strahlend hellen Räume im Neubau mit weiß gegossene Harzböden und einer spek-takulären 40 Meter langen „Himmelstreppe“ für einen schwindelerregenden Aufstieg zum obersten Stockwerk.

Das Haus hat 2,4 Kilometer Korridore mit Kunst: 650 Werke aus sieben Jahrhunderten in zehn Räumen. Nicht chronologisch, sondern nach Themen wie „Gebet“ oder „Erlösung“ präsentiert.

Wobei Zeitgenössisches wie „Der diagnostische Blick IV“ (1992) von Luc Tuymans neben einer Pietà und 600 Jahre älteren Gemälden von Van Eyck oder Fouquets Ikone „Madonna mit Kind umgeben von Engeln“ von 1452 zu sehen ist. Der dem „Leiden“ gewidmete Saal kombiniert Werke alter Meister mit einem berührenden Video von Bill Viola, der Skulptur „Schmerzensmann“ von Berlinde de Bruyckere und einem Christus-Porträt von Ensor.

100 ausgewählte Top-Exponate haben die Kuratoren besonders gekennzeichnet.

Das neue Setting und neue Design soll die Aufmerksamkeit der Besucher auf die Bestände der Institution lenken, sagte Generaldirektorin Carmen Willems. Denn die Sammlung besteht zu fast 70 Prozent aus modernen Kunstwerken, während nur etwa 30 Prozent alter Meister sind.

Erreichen will man vor allem junge Menschen von heute. „Sie sind die Besucher von morgen“, sagt Carmen Willems. „Man muss sie dazu bringen, Kunst anders zu betrachten. Darauf zielt unser vielschichtiges Informationsangebot ab. Aber am Ende zählt die Emotion. Nur wer Menschen berühren kann, wird sie auch erreichen.“

So hat der Künstler und Opernregisseur Christophe Coppens – inspiriert von Bilddetails – mit Handwerkern des Opernhauses La Monnaie in Brüssel für kleine und große Kinder zehn seltsame Skulpturen kreiert, u. a. ein Dromedarkanapee, um sich ganz zu verlieren im Gemälde „Anbetung der Könige“.

Werner Rosenberger

Über Werner Rosenberger

Seit 1994 beim KURIER im Kultur-Ressort und Autor zahlreicher Reise-Reportagen für den FREIZEIT-KURIER. Davor hat der gebürtige Steirer zehn Jahre lang bei verschiedenen Medizin- und Wissenschaftsmedien gearbeitet, war Mitgründer und Chefredakteur einer Wochenzeitung für Ärzte, außerdem Werbetexter und Autor u. a. für GEO, Profil, Trend und Diner's Club Magazin.

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