Streaming-Kritik

"The Hand of God" auf Netflix: Diego Maradona als Lebensretter

Alexandra Seibel

von Alexandra Seibel

Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino erinnert sich an seine Jugend im Neapel der 80er Jahre

Die ganze Stadt zittert vor Erwartung: Wird Diego Maradona Barcelona verlassen und nach Neapel kommen?

Sicher nicht, ist Fabiettos Vater überzeugt: „In dieses Scheißloch kommt er nie.“

Fabiettos Onkel Alfredo sieht die Sache dramatischer: „Wenn er nicht kommt, bring ich mich um.“

Auch Fabietto und sein Bruder fantasieren von Diego Maradona, seinen Fußballkünsten – und den Brüsten von Tante Patrizia.

Der italienische Filmemacher Paolo Sorrentino erinnert sich in „The Hand of God“, seinem – wie er selbst sagt – „intimsten und persönlichsten“ Film, an seine Jugend im Neapel der 1980er Jahre, dem Maradona-Wahn und die lärmende Großfamilie.

Sorrentinos Alter Ego ist der 17-jährige Fabietto, ein schwarzlockiger, schüchterner Teenager ohne Zukunftspläne. Sein Leben wird von den temperamentvollen Eltern – hinreißend gespielt von Tony Servillo und Teresa Saponangelo –, dem Bruder Marchino und den streitenden Verwandten bestimmt. Abends sieht sich die Familie gemeinsam „Es war einmal in Amerika“ auf Video an, während Marchino bei einem Filmdreh von Federico Fellini vorspricht und vom großen Meister höchst persönlich abgelehnt wird, weil er ein so gewöhnliches Gesicht habe „wie ein Kellner auf Anacapri“.

Newcomer Filippo Scotti als Alter Ego von Paolo Sorrentino: "The Hand of God“

©Netflix/Gianni Fiorito

Sorrentino, Regisseur von „La Grande Bellezza – Die große Schönheit“ und der TV-Serie „The New Pope“, erzählt schnörkelloser und bescheidener als gewohnt, wenngleich seine Anklänge an Fellini und dessen Vorliebe für üppige Frauenkörper, nackte Brüste und gaffende Männer unübersehbar bleiben. Souverän inszeniert Sorrentino mit Tempo und Witz das Mobiliar an schrulligen Tanten, hinkenden Onkeln und übergewichtigen Cousinen als Familienaufstellung mit Hang zur Groteske, ohne die schmerzhaften Nebenwirkungen zu verschweigen. Ein tragisches Ereignis, bei dem Maradona eine wesentliche Rolle spielt, setzt Fabiettos verträumter Jugend schließlich ein Ende und weckt ihn ihm den Wunsch, im Kino weiter zu träumen – als Filmregisseur.

Familienaufstellung von Paolo Sorrentino: "The Hand of God"

©Netflix/Gianni Fiorito
Alexandra Seibel

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Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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