Tania leckt am 05.06.2013 in Meppen (Niedersachsen) an einem Fruchteis. Mit Temperaturen knapp über 20 Grad Celsius zeigt sich das Wetter im Westen des Landes deutlich freundlicher als in anderen Teilen Deutschlands. Foto: Friso Gentsch/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Warum stellen wir uns für ein Eis gerne an, aber im Supermarkt nicht?

Kein Mensch wartet gerne. Außer es geht um etwas, das er unbedingt haben möchte. Ein Psychologe erklärt warum.

Letztens  stellte ich mich sehr brav in die Warteschlange eines Eisgeschäfts, für eine Eissorte, die es „nur! dort!“ gibt. Dass ich dann  nach  all der Warterei nicht die „Nur!-dort!“-Sorte wählte, sondern  Erdbeer-Schoko, ist einfach passiert. Die Schlange jedenfalls ist, als ich zufrieden schleckend weitergehe, mindestens doppelt so lang wie vorher. Alle warten geduldig.  Keiner kommt auf die Idee „Zweite Kassa!!!“ zu rufen. Nicht nur, weil es keine gibt. Der einzige Weg zum großen Glück scheint sich genau hier zu befinden.  Warum ist das so?

Auf die meisten sonderbaren Verhaltensweisen des Menschen gibt es Antworten. Wir bekommen sie von Psychologen Johannes Achammer: „Das ist das ganz normale Gruppenverhalten, das uns zu eigen ist. Wenn wir sehen, dass sich Menschen in eine Schlange gesellen, macht uns das so neugierig, dass wir fast nicht anders können, als uns dazuzustellen.“  Natürlich sei das nicht nur bei Eis so, sondern auch bei heiß begehrten Produkten.   Psychologe Achammer: „Wenn viele das Gleiche wollen, entgeht einem ja womöglich etwas, wenn man einfach vorbeigeht.“ Bei Eis komme  eine weitere Komponente dazu. Gute Idee, scheint das Unterbewusstsein zu rufen und drängt einen fast, sich der Menschentraube am heiß begehrten Stand der gefrorenen Gaumenfreude anzuschließen. 

„Es sind die positiven Erfahrungen aus der Kindheit, die uns animieren“, so der Psychologe.  „Was sich schon einmal so gut angefühlt hat, wollen wir immer wieder neu erleben.“ Hier liegt auch  der Grund dafür, dass wir selbst beim Stand mit den hippsten Eissorten immer wieder mal – zumindest eine Kugel – vom Geschmack der Kindheit naschen wollen. „Spüren wir dann beim Bestellen  auch noch den Druck all der wartendenden Menschen hinter uns, gibt uns der Griff  zu Bewährtem Sicherheit.“ Doch warum kann es dann an der Supermarktkasse nie schnell genug gehen? „Das ist eine andere Art der Schlange“, erklärt der Psychologe. „Unser Verhalten: ein Relikt  der Neandertalerzeit. Die Jagd, also das Einkaufserlebnis, liegt an der Kasse ja schon hinter uns, die Beute ist erlegt.  Jetzt wollen wir nur noch  raus hier.“   

Hier schreiben Autoren und Redakteure abwechselnd über Dinge, die uns alle im Alltag beschäftigen.

Annemarie Josef

Über Annemarie Josef

stv Chefredakteurin KURIER freizeit. Lebt und arbeitet seit 1996 in Wien. Gewinnerin des Hauptpreises/Print bei "Top Journalist Award Zlatna Penkala (Goldene Feder)" in Kroatien. Studium der Neueren Deutschen Literatur in München. Mein Motto: Das Leben bietet jede Woche neue Überraschungen.

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