Silvester und Disco: Die schillernde Geschichte von Glitzer

Daniel Voglhuber

von Daniel Voglhuber

Zum Jahreswechsel kommt die glitzernde Kleidung wieder aus dem Schrank. Wer mit Glitter begann und warum es Menschen fasziniert.

Manchmal hilft nur mehr Feenstaub und jede Menge Glitzer. Manchmal trifft so ein komischer Häferlspruch wie dieser sogar mitten ins Schwarze. Und wenn uns schon keine Fee mit ihren Hilfsmitteln ein tolles Jahr 2022 zaubern kann, dann soll das Jahr 2021 zumindest kräftig heimgeleuchtet werden. Zur Not mit Glitter am Silvesterabend. Corona-bedingt beim Fest in den eigenen vier Wänden.

Viele Damen suchen sich schon jetzt ihr funkelndes Outfit zusammen, sei es ein schimmerndes Cocktailkleid, ein Party-Oberteil oder eine Glitzerhose. Und es soll auch Herren geben, die ein glitzerndes Sakko oder einen funkelnden Zylinder ihr Eigen nennen und diese Dinge nun hervorkramen.

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Es gibt wohl kaum eine Silvesterfeier, wo nicht irgendwer etwas Glitzerndes trägt. Weil erstens symbolisiert das Party und Feierlichkeit, zweitens schreiben Medien, dass man das zum Jahreswechsel einfach haben muss, und drittens dürfte diese Faszination für Funkelndes im menschlichen Urinstinkt liegen.  

Wasser glitzert

So hat die Marktforscherin Vanessa Patrick laut Zeit Probanden Papier bewerten lassen. Diese befanden einen Bogen als glänzender, wenn darauf Wasser abgebildet war. Oder sie schätzen ein Papier hochwertiger ein, wenn sie vorher Kekse gegessen hatten, statt Wasser zu trinken. Dann hatten sie Durst. Patrick schlussfolgerte, dass "die Faszination für Glanz und Glitzer auf einem Urinstinkt für die Flüssigkeitsaufnahme basiert. Er bestimmt die Wahrnehmung umso stärker, je durstiger wir sind", schrieb die Zeit.

Denselben Gedanken hatte auch schon der Psychologe Richard Cross, nachdem er herausgefunden hatte, dass glänzende Oberflächen bei Kleinkindern orale Reflexe auslösen. In der Evolution sei es von Vorteil gewesen, Glitzerndes mit Wasser zu assoziieren. Und das nicht ohne Grund: Immerhin waren die Menschen stets auf der Suche nach Wasser und Lebensmittel.

Und so wundert es nicht, dass schon die Menschen der Steinzeit mit dem schimmernden Mineral Glimmer ihre Höhlen ausmalten. Mayas schmückten ihre Tempel zu besonderen Anlässen mit Muskovit. Und die Pharaonen des alten Ägyptens ummalten ihre Augen mit einer Schminke, die aus zerstampften und glitzernden Insektenpanzern hergestellt wurde. 

Die Goldenen Zwanziger

Ab dem Mittelalter waren schimmernde Edelsteine und Metalle ein Symbol für Reichtum und Macht. Und den Anmut von Juwelen wollte man auch mit der Kleidung haben. Gold ließ sich leicht in die Kleidung einweben, was man von Byzanz bis Venedig gerne tat. Allerdings war das zunächst nur dem Adel vorbehalten. Später webte man andere Metallstreifchen ein. So richtig en vogue wurde das Funkeln dann in den Goldenen Zwanzigern. Die Oberschicht und die Boheme ließen es hier kräftig krachen. Neben allerlei Räuschen, Charleston und sonstigen Vergnügungen prägten Paillettenkleider das Bild dieser ausschweifenden Epoche. Den bestickten Glitzer gab es aber nur für reiche Damen, weil der noch teuer war.

Mia Farrow mit Glitzerkleid im Film "The Great Gatsby", der in den Zwanzigern spielt.

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Erschwinglich wurde der Glanz ab 1934, als der US-amerikanische Mechaniker Henry Ruschmann den Glitter erfand. Er stanzte winzige Partikel in Plastikfolien, die je nach Beschaffenheit und Beschichtung funkelten. Und so war auch in der eher entbehrungsreichen Zeit des Zweiten Weltkriegs  in den USA Glitzer angesagt.  „Wolle beispielsweise gab es kaum, weil sie für Uniformen verwendet wurde", sagt die Modehistorikerin Nancy Deihil einmal Vice. „Aber bei Pailletten war das anders - die gab es, sie machten Spaß und wurden als eine Art moralische Unterstützung gesehen."

Nach dem Krieg waren es Stars wie Billie Holiday oder Ella Fitzgerald, die mit ihrem Gesang die Stimmung aufhellten und das auch noch mit ihrer Kleidung unterstrichen. „Ihre maßgeschneiderte Abendgarderobe war immer mit Perlen und Pailletten besetzt, weil man darin das Licht einfangen wollte", erklärte Deihil Vice. „Sie trugen Pelze und Pailletten, weil das Publikum von ihnen erwartete, dass sie glamourös aussehen", sagte die Expertin. „Und Pailletten und Glitzer sind einfach glamourös."

Die queere Szene der 1970er in New York oder Chicago liebte es schrill, bunt und glitzernd. Das war durchaus ein Symbol der Unangepasstheit. Mit dem Siegeszug von Disco, das seine Wurzeln in der Gay-Community hat, kam Glitzer auch in die größeren Tanzschuppen. Glam-Rocker wie Elton John oder David Bowie, der als Ziggy Stardust die Geschlechtergrenzen aufhob, ließen sich auch von der Ästhetik beeinflussen.  

Elton John ließ es funkeln.

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Und auch in den 90ern tauchte Glitzer immer wieder auf. Besonders in New York - und dort wieder im berühmten Club Limelight, wo sich die Partypeople in einer aufgelassenen Kirche austobten. Die Clubkids, eine Ansammlung an schrillen und zugedröhnten Gestalten, sowie schillernde Drag-Queens prägten damals das Bild der Lokalität. Und Funkelndes stand für Exzesse.

Brandywine and Rip Taylor im Limelight Club in New York, 1995.

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Gut möglich, dass sich auch die internationale Modewelt davon inspirieren ließ. Gianni Versace etwa schickte 1995 Kate Moss mit einem glitzernden Hochzeitskleid über den Laufsteg.

Kate Moss im Glitzerkleid von Versace.

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Gut 15 Jahre später wurde Glitter wieder in den USA subversiv. Glitter bombs waren Anfang der 2010er eine Protestform gegen konservative US-Politiker, die sich gegen die Rechte gleichgeschlechtlicher Paare aussprachen. Aktivisten bewarfen Homophobe mit glänzenden Flocken. Zur selben Zeit begannen auch einige Party-Menschen etwa in Berlin, sich mit Glitzer-Make-up zu bemalen, bevor sie in bestimmte Clubs zogen. Und ein paar Jahre später gehörte das auch auf jedem Festival dazu. 

Discos oder gar Festivals gibt es dieses Silvester nicht. Aber glitzern wird es sicher. Jede Wette. Halt in den einen vier Wänden.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich den schönen Dingen im Leben widmen. Zuvor war er fast zehn Jahre in der KURIER-Chronik. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in Linz, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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