Eine Frau ist auf ihrem Handy auf Tinder aktiv.

Dating-Trend Apocalypsing: Her mit dem Glück, sofort!

Von Null auf Beziehung im Eiltempo. Woher kommt das? Warum tun Menschen das? Ein Beziehungsexperte klärt auf.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Die Zeilen von Hermann Hesse sind ein Begriff. Doch wenn es um den Beginn einer Beziehung geht, ist nicht jedem nach dem Rezitieren lieblicher Gedichte. Dann nämlich, wenn einer von beiden zu viel zu schnell will. Beim Dating-Trend Apocalypsing stürzen sich Menschen mit überbordendem Ernst in eine neue Beziehung, als wäre es ihre letzte. Kaum sind die ersten Dates absolviert, ist die Rede von Hochzeit und Kindern. Im Affentempo wird es ernst – dabei kommt man sich doch gerade erst näher.

Michael Hutter ist Klinischer Psychologe und Imago-Paartherapeut und betreibt mit seiner Frau eine paartherapeutische Praxis in Neulengbach (www.begegnungspraxis.at). Er kennt den Trend. Zugrunde liegt ihm eine düstere Vision von der Zukunft. Nämlich, dass bald alles aus sein könnte – bestärkt durch akute Szenarien wie die Corona-Krise und die Klimakatastrophe.

Dating-Apokalyptiker suchen Stabilität

Während die einen das verdrängen oder akzeptieren, beunruhigt es die anderen. „Manche Menschen reagieren auf Krisen und Stress gefühlssensibler als andere“, erklärt Hutter, was etwa auf eine unruhige Familiengeschichte hinweisen könnte. „Sie reagieren darauf, indem sie intensiv nach Sicherheit und Stabilität suchen. Ihr Motto ist: Sich inmitten eines stürmischen Meeres einen sicheren Hafen zu bauen.“ Ein Trend, den auch die Statistik belegen würde. Eheschließungen sind in den vergangenen zehn Jahren in Österreich um 25 Prozent angestiegen. Scheidungen zurückgegangen.

Michael Hutter, Klinischer Psychologe und Imago-Paartherapeut betreibt mit seiner Frau eine paartherapeutische Praxis in Neulengbach 

©Privat

Doch war die Welt nicht immer schon am Untergehen? Ob Kalter Krieg, Tschernobyl oder Regenwaldsterben – fatalistische Szenarien sind nichts Neues. Wer allerdings Masken tragen und sich impfen lassen soll, um eine Pandemie zu besiegen, oder Flut- wie Hitzekatastrophen in Europa miterlebt, der merkt: so unmittelbar wie jetzt war die persönliche Bedrohung vielleicht noch nie. Und das ändert eben auch schon mal das Dating-Verhalten.

Schuld sind Corona und Dating-Apps

Apropos: Auch das Internet – Überraschung! – ist dafür zuständig. „Weil das Kennenlernen durch Covid auf analoge Weise lange nicht möglich war, hat es sich verstärkt auf Dating-Plattformen verlagert“, so Hutter. „Die Folge: gegenseitiges Abtasten fällt weg und Beziehungen entstehen schneller und werden rascher intensiver.“ 

Eine Liebesbeziehung besteht im Grunde aus drei Phasen. In Phase eins herrscht absolute Verliebtheit, versetzt uns der daraus resultierende Hormoncocktail in den siebten Himmel. Wir sind uns sicher: Dieses Mal ist es für immer. Die zweite Phase ist jene der Ernüchterung. Erste Differenzen entstehen, Konflikte tun sich auf, eine Art Machtkampf entsteht. In dieser Phase trennen sich viele Paare. Laut Hutter übrigens ein Fehler: Sind diese neuen Konflikte doch nichts Anderes als alte Konflikte – nämlich jene, von denen mit den Bezugspersonen, mit denen wir aufgewachsen sind.

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Die dritte Phase ist schließlich die bewusste und gereifte Paarbeziehung. Man wächst zusammen, ist ein Team und einander sicher. Wer zum Apocalypsing neigt, versucht allerdings die zwei Phasen zu überspringen – und sofort mit Phase drei loszulegen. Ein Verhalten, das eher schiefgehen wird.

Was Paarpsychologe Hutter in solch einem Falle rät? „Die Beziehung sich entwickeln lassen.“ Und in der Folge nichts zu überstürzen, ganz gleich wie sicher man sich seiner Gefühle ist. Einen Schritt nach dem anderen gehen. Wahrnehmen, ob man gemeinsam wachsen kann. Zum Beispiel beim Zusammenziehen in eine gemeinsame Wohnung – immer ein guter Test. Vor allem aber eines: „Erstmal zusammen das Verliebtsein genießen.“ Damit Apocalypsing sich nicht katastrophal auf das Liebesleben auswirkt.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Redakteur KURIER Freizeit. Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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