Melange und Milchflaschi

Vea Kaiser

von Vea Kaiser

Ode an einen Ort, der sich nie verändert, und deshalb für einen da ist, obwohl man sich verändert

Neulich erzählte meine Schwägerin, dass sie sich mit ihrem Säugling nie ohne weitere Begleitung in die Stadt gewagt hatte. Vielleicht liegt es daran, dass ich Schütze bin und Schützen angeblich freiheitsliebend, aber mir wurde ganz schwindelig bei der Vorstellung, nicht mehr rauszukommen. Am nächsten Tag packte ich also das Baby und mich selbst zusammen.

Ich vermute, die Mütter und Väter unter Ihnen erinnern sich an das Herzklopfen, wenn man zum ersten Mal allein mit der Brut das schützende Heim verlässt. Waren die Autos schon immer so schnell? Die Straßen so dreckig? Die Menschheit so bedrohlich? Doch weder Öffi-Fahren, noch ein Arztbesuch, noch der Erwerb von Füllfederpatronen machten Eindruck auf meinen Frischling. Als ich an einem meiner Lieblingskaffeehäuser vorbeikam, kehrte ich mit ihm ein. Seit ich zuletzt hier war, bin vielleicht ich eine andere geworden, doch im Kaffeehaus war alles beim Alten geblieben: die Geräuschkulisse bestehend aus dem Scheppern von Häferln, dem Umblättern von Zeitungsseiten und dem Gurgeln des Milchschäumers, der pickige Boden, die gepflegte, höfliche Unfreundlichkeit der Ober. Wie immer bestellte ich einen kleinen Braunen und ein großes Soda. Fast surreal kam es mir allerdings vor, mein Kind zu hutschen. Wie viele spätabendliche Liebesbekundungen hatte ich hier schon erhalten? Wie oft frühmorgens meine Wunden geleckt? Hier hatte ich für Prüfungen gelernt, Teile meiner Romane geschrieben und etliche Kolumnen. Auf meinen ersten Verlagsvertrag angestoßen und nach der ersten gemeinsamen Nacht mit meinem heutigen Gatten gefrühstückt, mit Freundinnen lebensverändernde Nachrichten besprochen oder schlichtweg die Gedanken schweifen lassen wie in diesem Moment.

Ach, ein Geschenk ist es, einen Ort wie mein Kaffeehaus zu haben, der verlässlich für einen da ist, egal, wer man gerade ist.

 

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser, das 25-jährige Ausnahmetalent aus Niederösterreich, ist seit ihrem umjubelten Buch-Erstling „Blasmusikpop“ von 2012 („großer Literaturspaß!“, „schwindelerregendes Debüt“) unumstrittene Lichtgestalt der jungen heimischen Literatur. Sie schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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