Doris Dörrie im Interview: "Als Kind war ich süchtig nach Brot"

Die Filmemacherin und Schriftstellerin über Bodyshaming, Reisebekanntschaften und ihre kindliche Obsession mit Brot.

Aus kleinen Texten schafft sie große Filme. Das groteske Beziehungsgeflecht in „Männer“ war ursprünglich nur wenige Seiten lang, bevor es zu einer der angesagtesten Komödie der 1980er-Jahre wurde – mit Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht in den Hauptrollen. Seither veröffentlichte Doris Dörrie, die deutsche Stimme der selbstbestimmten Leichtigkeit, mehr als zwanzig weitere Spielfilme und Dokumentationen, viele Kurzgeschichten, einige Romane und auch Bücher über das Schreiben, Essen und das Reisen.

Direkt vor der Pandemie war sie unterwegs in San Francisco, in Japan und in Marokko. Was sie dabei erlebt hat, erzählt sie in ihrem Buch „Die Heldin reist“. Apropos Heldinnen: Ob oben ohne oder im Burkini, in ihrer Komödie „Freibad“ (ab 2. September im Kino) wimmelt es nur so von ihnen.

Mitte der 1980er-Jahre wurden Sie mit der Komödie „Männer“ schlagartig einem großen Publikum bekannt. Jetzt kommt Ihr Film „Freibad“ ins Kino – ein Film, in dem fast ausschließlich Frauen vorkommen. Warum?
Doris Dörrie: So verkürzt stimmt das auch wieder nicht. Ich habe immer wieder Filme mit Frauen in den Hauptrollen gedreht. Etwa über Frauen in Fukushima, weibliche Mariachi oder eine übergewichtige Friseurin. Es waren Frauen dabei, wie mexikanische Musikerinnen, die Männer in ihrem ureigenen Metier herausfordern wollen oder eben eine Frau, die einen ganz normalen Dienstleistungsjob ausübt. Wenn man genau hinschaut, kommt Besonderes ans Licht – in Biografien wie in Beziehungen.
In zwei Wochen läuft im Kino Ihre Komödie „Freibad“ an. Ein Film über Oben-ohne-Sonnenanbeterinnen, Muslima in Burkinis und einen Polizeieinsatz am Pool. Wie sind Sie denn auf diesen Stoff gestoßen?
Vor fünf Jahren hat sich ein Fall wie dieser in Freiburg zugetragen, dem damals einzigen Frauen-Freibad Deutschlands. Frauen wollten ohne männliche Blicke am Beckenrand sonnen und schwimmen. Über unerlaubtes Grillen und Frauen mit Kopftüchern kriegten sie sich so in die Haare, dass das Bad geschlossen werden musste.
©2022 Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor
Stimmt, dieser Fall schreit direkt nach einer Verfilmung. Haben Sie da sofort angefangen, ein Drehbuch zu schreiben?
Nicht sofort. Und es stammt auch nicht von mir alleine. Ich habe es mit einem Autorinnen-Duo verfasst, mit Karin Kaçi und Madeleine Fricke. Die haben natürlich ebenso ihre persönlichen Erfahrungen in diversen Sommerbädern einfließen lassen.
Mit Maria Happel und Andrea Sawatzki haben Sie zwei Frauen besetzt, mit denen Sie die Miniserie „Klimawechsel“ über Frauen in den Wechseljahren gedreht haben. Man spürt, dass sie ein gut eingespieltes Team sind.
Das freut mich, wenn das so rüberkommt.
Die beiden liegen auf dem Rasen, kommentieren wie Waldorf und Statler, die alten Grantler in der Muppets -Theaterloge, das Geschehen im Bad und bringen den Stein der konfliktreichen Story erst so richtig ins Rollen.
Es ist ein unterhaltsamer und auch kritischer Blick auf den Mikrokosmos Freibad. Wie zeigen wir uns dort? Und wem? Feministinnen oben ohne lästern über Frauen mit Übergewicht und eine Frau im Burkini oder andere mit Niqab. Hier kommt die Toleranz an ihre Grenzen. Das ergibt viele skurrile Szenen. Dahinter steckt aber ein ernstes Thema: Es geht darum, wie wir Demokratie neu verhandeln, wie wir Frauenrechte verteidigen und um die Frage: Wem gehört der weibliche Körper?

Andrea Sawatzki, Maria Happel

©2022 Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor
Stichwort „Bodyshaming“: In Ihrem im Frühjahr erschienenen Buch „Die Heldin reist“ beschreiben Sie an einer Stelle, wie Sie zur Recherche für den Film über eine Friseurin in einem „Fatsuit“ durch die Stadt gegangen sind, einem mit viel Schaumstoff gefüllten Anzug, um dicker zu wirken ...
... schon nach wenigen Stunden habe ich damals geheult vor Erniedrigung. Man hat immer mich gelacht und getuschelt, eine Frau in der Straßenbahn hat mich gefragt: „Zahlen Sie auch doppelt?“
Schlimm. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sind Sie eine Woche lang im Niqab durch München gelaufen, um am eigenen Körper zu spüren, was der aggressive Argwohn gegenüber dem Fremden bewirken kann. Ich nehme an, die Reaktionen von damals konnten Sie jetzt in Ihrer Komödie „Freibad“ ganz gut verarbeiten?
Ja, tatsächlich. Damals begegnete ich einer Mischung aus Angst und Aggression. Überraschend war hingegen, wie sicher ich mich in diesem Ganzkörperschleier fühlte. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte niemand mein Alter, meine Figur, Frisur oder die Größe meines Busens beurteilen.
Sie waren Schauspielerin, bevor Sie selber begannen, Spielfilme zu drehen?
Wie bitte? Das ist mir aber neu.
Ich bin auf einen Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia gestoßen, in dem Sie neben Mario Adorf, Rolf Zacher und Hans Brenner als Schauspielerin des Films „Der Hauptdarsteller“ geführt werden. Im Jahr 1977 soll das gewesen sein.
Ah, das war ein Film von Reinhard Hauff über einen Bauernbuben. Ich studierte noch an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, und Reinhard Hauff hat mich irgendwo gesehen und besetzt. Ich bekam zweihundert D-Mark am Tag. Das war für mich damals unvorstellbar viel Geld.
Regie zu führen hat Sie dann doch mehr gereizt denn als Schauspielerin vor der Kamera zu stehen?
Ja, ich wollte meine eigenen Geschichten erzählen, nicht die von anderen.
In die Filmbranche haben Sie im Mutterland des Entertainment hineingeschnuppert. Während Ihrer Studienaufenthalte in Kalifornien und New York ab 1973 waren Sie unter anderem Filmvorführerin. Jetzt sind Sie Professorin an der Filmhochschule in München, was für eine Karriere!
Vor 25 Jahren wurde ich gebeten, einen Lehrstuhl für das Verfassen von Drehbüchern aufzubauen. Das gab es in Deutschland damals noch nicht. An US-amerikanischen Unis wird zum Beispiel seit sehr langem „Creative Writing“ unterrichtet. Dort wurde schon früh erkannt, dass Schreiben nicht nur mit Talent zu tun hat. Man kann das auch unterrichten, lehren und lernen. Ich sage ja: Selbst das Schreiben von Einkaufslisten kann kreativ sein.
Sie erzählten einmal, dass Sie in Ihrem Unterricht am Beginn des Semesters regelmäßig eine besondere Aufgabe für Ihre neuen Studenten haben. Sie schicken sie ins Münchner Hofbräuhaus, um die Besucher in ausführliche Gespräche zu verwickeln.
Ja, wenn man schreiben will, muss man professionelle Neugier üben. Und das Gespräch kann der Anfang einer guten Geschichte sein. So erfährt man etwas über den anderen, die anderen Menschen und Lebensumstände, die sich von den eigenen unterscheiden.
Ob Filme schauen, schreiben, lesen oder essen, ich habe den Eindruck, bei Ihnen gehört alles zusammen. „Eine Geschichte schreiben, ist wie einen Tisch decken“, schreiben Sie zum Beispiel an einer Stelle in „Eine Heldin reist“.

"Die Heldin reist", 240 Seiten, € 22,70 (Diogenes Verlag)

©Diogenes
Ein gedeckter Tisch ist wie ein Versprechen, die Ankündigung einer Geschichte. Stellen Sie sich einen Tisch mit einem chinesischen Teller und einer Puppe vor, die Kopf und Arme bewegen kann. Dann legen Sie ein scharfes Messer dazu. Unweigerlich werden Sie je nach Position der einzelnen Gegenstände Schlüsse daraus ziehen.
Quasi ein Surprise-Dinner mit Suspense. Klingt sehr verheißungsvoll und spannend. Auch zum bodenständigen Essen machen Sie sich Gedanken. Brot ist das Lebensmittel, auf das Sie am wenigsten verzichten können, heißt es in Ihrem Buch „Die Welt auf dem Teller“.
Brot backen ist eine uralte Kulturtechnik, die es auch heute zu würdigen gilt. Schon als Kind war ich süchtig nach dem Duft von Brot und der Kruste von frischem „Gersterbrot“, dieser Hannoveraner Spezialität von einem Roggenmischbrot. Mit Essen verbinden wir alle Kindheitserinnerungen.
Ich merke, Essen ist etwas sehr Sinnliches für Sie. Das spürt man geradezu in ein paar Szenen in „Freibad“. Da werden für die Badegäste Würstel gegrillt, dass es nur so eine Freude ist, sowohl vom Schwein als auch vom Lamm. Aber bei allem Spaß verströmt diese Komödie mehr als pure Heiterkeit, sozusagen eine traurige Heiterkeit.
Auf die Zwischentöne kommt es an, und hier werden Themen verhandelt, die gerade wieder hart umkämpft sind, zum Beispiel das Recht auf Selbstbestimmung der Frau. In Afghanistan ebenso wie in den USA, und im Ansatz auch bei uns.

Nilam Farooq, Julia Jendroßek in "Freibad"

©2022 Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor
Sie reisen fast jährlich nach Japan und haben dort neben Ihren beiden Erfolgsproduktionen „Kirschblüten – Hanami“ und „Kirschblüten & Dämonen“ auch weitere Spielfilme und Dokumentationen gedreht. Offenbar keine einseitige Liebe. Schon mit Ihrem ersten Spielfilm, „Mitten ins Herz“, wurden Sie 1983 nach Tokio zum Internationalen Filmfestival eingeladen.
Ich bewundere - wie fast alle - die unvergleichliche japanische Ästhetik, und gleichzeitig ist Japan auch ein Plastik-Hightechkland und liebt Roboter. Mir sind die Widersprüchlichkeiten dort sehr bewusst, etwa die fast roboterhafte Höflichkeit, zugleich fühle ich mich in keinem anderen Land so aufgehoben und beschützt wie dort. Vielleicht auch, weil mich niemand wirklich einschätzen und beurteilen kann.
Mit einem Roboter haben Sie auch eine persönliche Begegnung, mit Pepper, dem humanoiden Servier- und Empfangsroboter. Er begrüßt sie, wie Sie schreiben, in einer Hotelrezeption in Shinjuku. Auf seiner iPad-Brust können Sie die Sprache wählen, in der mit Ihnen sprechen soll. „Sehr erfreut, Sie bei uns begrüßen zu dürfen“, sagt er auf Deutsch. „Ich habe ein Nichtraucherzimmer für Sie reserviert.“ Sie bedanken sich und er ...
„Bitte gerne“, antwortet Pepper. Anscheinend hat ihn jemand aus Österreich programmiert, war da mein erster Gedanke.
Sind wir Österreicher so höflich und zuvorkommend?
Ja, doch.
Pepper fragte dann weiter: „Möchten Sie Musik hören, um den Vorgang der Registrierung für Sie kurzweiliger zu gestalten?“
Um ihm eine Freude zu machen, sagte ich auf Österreichisch leicht amüsiert: „Leiwand“.
Und Pepper?
Er antwortete höflich: „Ich habe Sie nicht verstanden.“ (lacht).
Er schlägt Ihnen dann verschiedene Songs für Ihre Altersstufe vor, unter anderem Lou Reeds Ballade „Perfect Day“. Bemerkenswert ist auch, dass Sie in Kyoto in einem 24-Stunden-Supermarkt eine Japanerin kennenlernten, die, wie sich dann herausstellt, 1983 in Hannover Musik studierte und Ihren Film „Mitten ins Herz“ gesehen hat. Ein Zufall, den sich eigentlich nur eine originelle Drehbuchautorin hätte einfallen lassen können. Schreit diese ungewöhnliche Begegnung nicht auch nach einer Verfilmung?
Ich beschreibe sie sehr ausführlich in meinem letzten Buch. Ein Film darüber, ich weiß nicht, die Erzählung muss vorerst einmal genügen.
Frau Dörrie, vielen Dank für dieses Interview.
Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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