Ausstellung: Ein Sammler der Kunstprovokateure

Irritierend und zugleich bewegend: „Eine (un-)erfreuliche Reise. Stefan Edlis’ Leben nach ihm“ (bis 2. 10.) im Jüdischen Museum Wien in der Dorotheergasse.

„Him“ lässt uns erschaudern.„Him“ sei „wahrlich kein Glasperlenspiel, sondern ein Dienst am Gedächtnis der Menschen“, sagt der Philosoph Franz Schuh.„Him“ ist eine Figur, die von hinten wie ein unschuldiger Chorknabe in grauem Anzug wirkt und von vorne Adolf Hitler betend auf den Knien zeigt – ein provokanter Akzent in der Schau im Palais Eskeles zur bewegenden und gleichzeitig abenteuerlichen Lebensgeschichte von Stefan Edlis (1925 – 2019).

Der konnte 16-jährig mit seiner verwitweten Mutter und seinen Geschwistern 1941 „buchstäblich in letzter Minute noch aus Wien flüchten“, so JMW-Direktorin Danielle Spera, „und wurde in den USA zu einem international bedeutenden Sammler zeitgenössischer Kunst.“

„Him“, 2002 entstanden, erfüllt vor allem den Anspruch des Störenfrieds der zeitgenössischen Kunst Maurizio Cattelan, Jahrgang 1960, uns mit seinen satirischen Werken zu irritieren, Kontroversen auszulösen und unsicher zu machen.

Revanche

Bemerkenswert ist allerdings, dass jemand wie Stefan Edlis, der direkt von der Schoah betroffen war, „Him“ unbedingt besitzen und vor allem damit leben wollte. Dass die Skulptur dann bei ihm zu Hause kniete, war seine Revanche an der Geschichte.

Als „Him“ 2012 im Warschauer Ghetto in einer Ausstellung gezeigt werden sollte, sprach sich der Oberrabbiner explizit dafür aus: Das Böse könne sich überall verbergen. Man müsse sich dem Bösen stellen und darüber nachdenken, woher es kommt. Denn jeder Mensch sei einmal ein unschuldiges, wehrloses Kind gewesen.

Und wie war es, mit „Him“ zu leben?

Darauf Stefan Edlis in Nathaniel Kahns gefeierter Doku „The Price of Everything“ (2018), die unterhaltsam und intelligent die Rolle von Kunst in einer konsumorientierten Gesellschaft beleuchtet und in die faszinierenden wie grotesken Seiten des Kunstmarkts eintaucht:

„Diese Frage ist berechtigt, aber genauso irrelevant. Denn Kunst ist Kunst.“

Stefan Edlis im Doppel-Porträt,  um 1941 und um 2015

©Stefan Fuhrer

"J" für "Jude"

So wie sich die Zeit in Schönbrunner Straße 138 bei Edlis unauslöschlich lebenslang in die Erinnerung eingebrannt hatte, war ihm ein Exponat in der von Michaela Vocelka co-kuratierten Schau besonders wertvoll und noch am Ende seiner Tage ein wichtiges Anliegen: Dass sein Pass mit dem Stempel „J“ für Jude im Jüdischen Museum in Wien aufbewahrt und gezeigt wird.

Das neue Leben in der neuen Heimat USA beginnt für Edlis bei der US Navy. Er wird in der Schlacht um die japanische Insel Iwojima eingesetzt und beginnt nach Kriegsende in einer kleinen Werkzeugfirma zu arbeiten. In seiner Freizeit zeichnet er, beschäftigt sich mit Edelsteinen und entwickelt sich zum passionierten Volkstänzer, aber auch Rennfahrer.

Mit viel Geschick gelingt es ihm, Werkzeug aus Plastik herzustellen, gründet die Fabrik „Apollo Plastics“, die u. a. Bestandteile für elektronische Geräte produziert und ihm ein Vermögen einbringt.

Und die Möglichkeit, mit seiner Frau Gael Neeson bedeutende Werken von Nachkriegs- und Popkünstlern wie Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Cy Twombly und Andy Warhol sowie Provokateuren wie Jeff Koons und Cattelan zu sammeln. Im Jahr 2015 schenkten Edlis und Neeson dem Art Institute of Chicago 44 Werke im Wert von rund 400 Millionen Dollar.

Hochbetagt hatte Edlis in einer Rede in Eine Anspielung auf Dantes Inferno gesagt: „Das Leben kann angenehm sein, außer man braucht eine Tragbahre ...“

Ausstellung

Bis 2. 10. im Jüdischen Museum Wien, 1., Dorotheergasse 11, geöffnet von Sonntag bis Freitag 10 bis 18 Uhr

Werner Rosenberger

Über Werner Rosenberger

Seit 1994 beim KURIER im Kultur-Ressort und Autor zahlreicher Reise-Reportagen für den FREIZEIT-KURIER. Davor hat der gebürtige Steirer zehn Jahre lang bei verschiedenen Medizin- und Wissenschaftsmedien gearbeitet, war Mitgründer und Chefredakteur einer Wochenzeitung für Ärzte, außerdem Werbetexter und Autor u. a. für GEO, Profil, Trend und Diner's Club Magazin.

Kommentare