Paulus Manker im Interview: "Ich bin Alma nicht verfallen"

Der Theatertitan ist heuer in Berlin im Doppelpack in Aktion. Zur FREIZEIT spricht er über Lausbuben, Lokführer, Kulturlegenden und das große Herz von Susi Nicoletti.

Sorgen? Vielleicht morgen. Heute jedenfalls schaut es für die kommenden Monate von Paulus Manker ganz gut aus. Die Wiederholung des umjubelten Berlin-Gastspiels mit seiner Inszenierung von „Die letzten Tage der Menschheit“ ab 24. Juni in der Belgienhalle ist auf Schiene. Vor genau 100 Jahren hat Karl Kraus dieses Antikriegsstück beendet. Auch bei Mankers Großtat „Alma – A Show Biz ans Ende“ steht ein Jubiläum an.

Die Premiere dieses Polydramas fand vor 26 Jahren statt. Gefeiert wird ebenso in Berlin. Sehr zur Freude von Theater-Schlachtenbummlern, die dem oft als „Schwieriger“ verkannten Schauspieler und Regisseur stets dorthin folgen, wo er auf den Putz haut.

Herr Manker, es gibt Menschen, die meinen, wenn man einmal in einer Ihrer Inszenierungen war, tue man sich schwer, wieder ein normales Theater zu besuchen?

Paulus Manker: Danke, das ehrt mich. Gut, das Modell des simultanen Raumtheaters ist für „Die letzten Tage der Menschheit“ ein Glücksgriff. Das Stück ist ja von Karl Kraus für eine normale Bühne geschrieben worden. Aber wenn man immer nur auf die Bühne schaut, wird es bald langweilig. Bei uns hat man die Freiheit, die Perspektive zu ändern, herumzugehen und zu wählen, welche der Szenen man sehen will. Außerdem wird man den ganzen Abend verköstigt, nicht nur in der Pause beim Leichenschmaus für Kaiser Franz Joseph, der mitten im Weltkrieg 1916 verstarb.

Gibt es in Berlin dann auch passend zum Stück k.u.k-Speisen wie Ćevapčići und Würstel?

Ja, und zwar vom berühmtesten Currywurst-Hersteller Berlins, aus Spandau. Dort, im Westen Berlins, spielen wir in der sogenannten Belgienhalle. Die ist ein ähnlich gigantisches Trumm wie die Serbenhalle in Wiener Neustadt, wo wir 2018 und 2019 gastierten, 130 Meter lang, 25 Meter breit, ein Relikt aus dem Ersten Weltkrieg.

Sie sind ja vertraut mit Berlin, haben früh schon beim Berliner Ensemble gespielt und sich zwischendurch auch einen starken Auftritt bei der Berlinale geleistet. Hatten Sie im Vorjahr die Vorahnung, dass die „Letzten Tage“ nach Wiener Neustadt und Wien auch in Berlin einschlagen?

Das weiß man nie. Unser Spielort jetzt liegt ein bissl „jwd“, „janz weit draußen“, wie die Berliner sagen, etwa wie Nussdorf zur Wiener City. In Berlin sind die Tickets auch günstiger. 140 Euro hätten die Berliner nicht bezahlt, die hätten gesagt: ist der irre? Aber wenn man einmal bei einer Vorstellung war und anderen sagt, was es für den Eintrittspreis alles gibt, ändert man schnell seine Meinung. Ein Kalkül, das aufgegangen ist. Viele Besucher vom Vorjahr kommen auch heuer wieder. Und zwar mit Freunden und buchen statt zwei gleich vier oder sechs Karten.

Man hört, Sie werden sogar von Schlachtenbummlern heimgesucht ...

Der größte „Alma“-Fan war über all die Jahre insgesamt 73 Mal in dem Stück. Wir haben auch in Berlin einen Fan, der jedes zweite Wochenende da war. Für 10. September planen wir in Berlin ein Wochenende, an dem unsere Fans beides sehen können, am Freitag oder Sonntag „Alma“ und am Samstag „Die letzten Tage der Menschheit“. Für dieses Wochenende gibt es auch Arrangements mit Flug und Übernachtung.

Inszenieren Sie das mit dem Team aus Wien und Wiener Neustadt?

Das Stück spielt zum Großteil in Wien, aber es gibt auch zwanzig Szenen in Berlin. Die spielen etwa Unter den Linden, Kaiser Wilhelm II. tritt auf und so weiter. Daher kamen zum Ensemble einige deutsche Schauspieler dazu.

Darf man sich das wie ein Ländermatch Österreich : Deutschland vorstellen?

Ob im Ensemble oder im Publikum, die Berliner sind da sehr offen. Die stört das nicht, wenn wienerisch geredet wird, die haben das sogar gern. Es gibt einige Szenen, die davon handeln, dass wir zwar die gleiche Sprache sprechen, uns aber nicht verstehen.

Etwa die berühmte Szene vom Bombenobewerfer. Deutsche meinen, es geht dabei um einen Bomben-Oberwerfer, also den Rang, Österreicher hingegen verstehen „obe werfen“, also „runter werfen“.

©Kurier/Jeff Mangione
Danke für das Stichwort. Sie erzählten einmal, dass Sie als Bub gerne Matador-Bauklötze aus dem Fenster warfen.

Na, Sie haben sich aber gut vorbereitet. Das ist doch schon mindestens verjährt. Die Pointe ist aber die: Meine Mutter, eine sehr katholische Frau, war ganz gerührt, als ich mit fünf Jahren gesagt habe, ich möchte so gern schon im Himmel sein. Sie war zu Tränen gerührt und fragte: ,Ja, wieso willst du denn schon im Himmel sein?’ Da habe ich begeistert gesagt: Zum Runterschmeißen, von ganz, ganz oben.

In „Exit ... Nur keine Panik“ aus dem Jahr 1980 hauen Sie Ihrem Filmpartner Hanno Pöschl ganz schön eine runter.

Stimmt. Ich bin ein leidenschaftlicher Zerstörer, aber ein konstruktiver Zerstörer.

©Www.letztetage.com
Sie haben das Image des Schwierigen, sind aber doch sehr umgänglich und auch ein Förderer von Talenten. Die ROMY-Nominierte Johanna Wokalek lobte Sie erst vor kurzem in einem KURIER-Interview über den grünen Klee.

Sehen Sie! Auch Hilde Dalik aus den „Vorstadtweibern“ war einige Jahre bei uns. Oder Sebastian Blomberg. Der war ganz früh der Gropius in „Alma“ und hat große Karriere gemacht in Deutschland. Wir haben wenig Geld, sodass wir Entdeckungen machen müssen, weil Schauspieler, die eine hohe Gage verlangen, können wir uns nicht leisten. Aus Zwang entsteht eben doch sehr oft Kreativität. Wir haben etwa auch die wunderbare Martina Ebm entdeckt.

Für „Alma“, Joshua Sobols Stück über die berühmte Künstlermuse Alma Mahler-Werfel?

Ja. Diese Inszenierung feiert heuer das 25-jährige Jubiläum. Das 50-jährige werd’ ich nimma dazah’n, fürchte ich.

Wieso nicht? Ihre Gene, Ihre Mutter wurde doch 94 Jahre alt.

Ja, schon, aber sie war dann am Schluss nicht mehr ganz so rüstig. Da wäre ich dann fast neunzig, das geht sich nicht mehr aus ... muss auch nicht sein.

©Sebastian Kreuzberger
Sie werden „Alma“ nicht überdrüssig?

Na ja, es ist ja nicht so ... dümmliche Journalisten meinen: Der ist der Alma posthum verfallen. Erstens bin ich ihr nicht verfallen. Ich habe das Stück damals mit Joshua Sobol als Gleichzeitigkeitsdrama, als Polydrama, so konstruiert. Zweitens hätten wir, als wir damit in Purkersdorf angefangen haben, nie damit gerechnet, dass es fünf Jahre laufen wird. Nicht einmal mit einem! Dass es bis jetzt 25 Jahre geworden sind, ist schon etwas Besonderes. Zum Jubiläum im August kommt auch ein schönes, großes Buch von mir heraus, „Das große Alma Mahler Album“ mit 70 bisher unveröffentlichten Fotos und Zitaten von Alma Mahler, die ich über all die Jahre zusammengetragen habe.

Wie sind Sie überhaupt auf Alma Mahler-Werfel gekommen?

Den Anstoß gab Nikolaus Bachler, der spätere Burgtheater-Direktor. Nachdem er unser Stück über Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen, gesehen hat, meinte er: Macht’s doch nächste Jahr wieder etwas, egal was. Ich trug mich schon länger mit dem Gedanken eines Gleichzeitigkeitsstückes. Wir suchten also nach einer Person, um die herum das Stück gebaut werden konnte. Es waren immer Frauen. Lou Andreas-Salomé kam uns in den Sinn, die Kunstmäzenin Peggy Guggenheim wurde auch überlegt. Dann tauchte der Name Alma auf und fiel bei Sobol auf fruchtbarsten Boden, weil er sich schon seit Jahren mit dem Gedanken trug, ein Stück über Almas ersten Ehemann Gustav Mahler zu schreiben.

Sind Ihre Stücke nur oder zumindest besonders für Auskenner gedacht?

Nun, Wissen ist Teil des Vergnügens. Daher haben wir für die „Letzten Tage“ viele QR-Codes entwickelt, über die das Publikum noch während der Show viele Infos und Fotos abrufen kann. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Leute die gar nicht so sehr benutzen. Sie schauen lieber zu, weil es so viel zu sehen gibt.

Auch deftiges?

Freilich! Manchmal kommen alte Damen zu „Alma“ und fragen schon beim Eingang: Herr Manker, wann kommt denn Ihre berühmte Szene? Die wollen Blut sehen. Das ist nämlich eine sehr exzessive Szene, sowohl in erotischer als auch in physischer Hinsicht, weil Kokoschka, den ich verkörpere, sehr eifersüchtig und besitzergreifend war. Das habe ich damals mit Johanna Wokalek gespielt, da ist auch einmal Blut geflossen, also diese Szene hat einen gewissen Ruf. Da sage ich dann: Sie können in Ruhe alles andere anschauen, meine Szene kommt erst nach der Pause.

Sie selbst sind immer voll dabei, begleiten jede Szene und schauen, dass alles passt. Bei den „Letzten Tagen“ sitzen Sie sogar am Führerstand einer Lokomotive.

Ja, weil ich ausgebildeter Lokführer bin. Und wenn Sie Leute transportieren, muss man ja wissen, wie das geht. Außerdem bin ich schon gerne an der Theaterfront dabei.

Der KURIER titelte einmal „Lokführer des Grauens“ über Sie. Können wir das wieder gut machen?

Ach was, das war doch nur ein läppischer Prozess wegen eines kleinen Sachschadens in einer Lagerhalle. Ich bin freigesprochen worden. Was glauben Sie, wie stolz meine Mutter war, als sie diese Schlagzeile sah! In einer Größe, in der sonst steht: „Saddam Hussein greift Israel an“ war ich der „Lokführer des Grauens“.

Gab es nicht auch vor Jahren einen Vorfall in Berlin, über den groß berichtet wurde?

Wann, was, ich..?

Bei der Berlinale, eine außer Rand und Band geratene Party?

Oh, ja, ich erinnere mich! Da war ich mit Filmregisseur Niki List und unserem Film „Sternberg“ sogar auf der Titelseite der BILD. Da fragten die Kollegen dann, heast, a Batzenwerbung, wie habt’s ihr das geschafft?

Paulus Manker

Paulus Manker, 64, wuchs in Wien als Sohn der Schauspielerin Hilde Sochor und des Regisseurs und Volkstheater-Direktors Gustav Manker auf. 1979 erste Rolle an der Burg. Mit der Regiearbeit „Schmutz“ 1985 in Cannes. Ab 1986 bei Peter Zadek am Schauspielhaus  Hamburg.  1988 erste Theaterregie bei „Weiningers Nacht“. Burgtheatermitglied. 1996 „Alma“. 2018 „Die letzten Tage der Menschheit“.

Und wie?

Das ist wirklich lang her. Wir waren in der Paris Bar von Michel Würthle und der hat uns mit Marc de Champagne abgefüllt. Wir haben sieben oder acht dieser Dinger in uns hineingebechert und dann im Hotel noch unsere Minibars ausgeräumt und durch die Zimmer geschmissen. Die Beschädigungspauschale hielt sich mit damals 500 D-Mark in Grenzen. Auf meiner Rechnung stand 548 Mark, auf Nikis 573 Mark. Ich fragte, warum sie bei ihm höher sei. Es wurde geantwortet: Der Herr hatte mehr aus der Minibar. Aber wo haben Sie denn das her, das ist ja über 30 Jahre her?

Ja, aber so etwas bleibt im Gedächtnis.

In meiner Kindheit, glaub ich, war ich noch nicht in der Zeitung. Aber als Jugendlicher. Ich war mit Gabriel Barylli 1978 am Reinhardtseminar und wir sind einmal in der Mittagspause im Mini seines Vaters von der Penzinger in die Auhofstraße gefahren, um eine Kollegin zu besuchen, die sich verletzt hat. Mit von der Partie war ein dritter Mann.

Auf der Rückfahrt reitet uns der Teufel und wir sagen: Pass auf, wir spielen Entführung! Wir bleiben im Auto, du gehst auf die andere Seite, wir nähern uns mit dem Auto, springen heraus, hauen dich nieder, zah’n dich ins Auto und rasen los. Was wir nicht wussten: Es war der Tag der Entführung von Aldo Moro durch die Terrororganisation Brigate Rosse. Die Polizei war daher alarmiert und gab eine Großfahndung heraus. So landete unser Lausbubenstreich in einer KURIER-Kolumne.

Wir bekamen einen Prozess, weil der Dritte beim Verhör sagte, wir hätten nur geübt, was uns Professor Samy Molcho im Unterricht gelehrt hat. Dann hatten wir ein Verfahren wegen Schädigung des Rufes der Hochschule am Hals. Und wer hat uns herausgerissen?

Die letzten Tage der Menschheit

Karl Kraus beendete seine monumentale Textmontage zum Ersten Weltkrieg vor genau 100 Jahren.

Paulus Manker hat das überbordende Werk mit mehr als 200 Szenen in den letzten Jahren schon in Wiener Neustadt und in Wien-Meidling inszeniert. Im Vorjahr reiste er dann mit Sack und Pack nach Berlin, um das Antikriegsstück in der Belgienhalle in Spandau zu realsieren. Sack und Pack bedeudet in diesem Fall: 1 Lokomotive, viele Waggons, 19 Container mit Requistien, Kostümen, Geschirr etc. "Unser Umzug gestaltete sich fast aufwändig wie die Übersiedelung eines Flussdampfers im Amazonas in Werner Herzogs ,Fitzcarraldo'", erzählt der Regisseur.  

Mehr über das "Gesamtkunstwerk" (SPIEGEL Online), das heuer ab 24. Juni wieder in der Belgienhalle im Westen Berlins auf dem Programm steht: letztetage.com

Am Wochenende des 9./10./11. September gibt es die Möglichkeit, Paulus Mankers bahnbrechende Inszenierungen von "Alma - A Show Biz ans Ende" und "Die letzten Tage der Menschheit" im Doppelpack zu sehen. alma-mahler.at

Ihre Mutter Hilde Sochor?

Nein, Susi Nicoletti (Anm.: damals Burgtheater-Mitglied und Professorin des Wiener Max-Reinhardt-Seminars). Sie hat beim Polizeipräsidenten von Wien ein gutes Wort für uns eingelegt. Sie war überhaupt die großzügigste Frau, die ich je getroffen habe. Sie war die Alma bei der Uraufführung 1996.

Sie bestand auf einer eigenen Garderobe und wollte dafür unbedingt drei Sachen: eine Tiefkühltruhe, einen Mikrowellenherd und einen Eiskasten. Ich dachte, soll sein, hatte sie am Burgtheater vermutlich auch. Aber es war für uns! Sie ist nach den Proben um sechs Uhr abends nach Hause und meinte: Kinder, für euch ist ein Brathendl in der Mikrowelle, Schinken ist da, Brot braucht ihr nur auftauen. Jeden Tag sorgte sie für ein ganzes Ensemble von 20 Leuten.

Sie kochen auch gerne. Was gibt’s abends?

Wir kochen gerne asiatisch, thailändisch. Meine Frau Elisabeth kocht mehr österreichische Küche, ich mache eher asiatische. Das war’s auch schon mit Privatsachen ...

Herr Manker, vielen Dank für das Gespräch.
Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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