Darum reden Menschen so oft über sich selbst

Menschen stellen sich in Gesprächen gerne in den Vordergrund und gehen wenig auf ihr Gegenüber ein. Warum das so ist, wie soziale Medien das verstärken und warum das Zuhören schwerfällt

„Du, was mir neulich passiert ist ...“ „Das war ja gar nichts. Bei mir erst ...“ „Ich mag ja ...“

Wer kennt sie nicht, die Menschen, die nur über sich selbst sprechen und anderen keine Frage stellen? Wenn die Gespräche keine Gespräche mehr sind, sondern individuelle Verkaufsveranstaltungen? Wenn das Gespräch nicht mehr von Austausch, sondern von Monologen der Ego-Sirenen geprägt ist. Wenn jeder einzelne Satz ein Spiegel der Selbstverliebtheit ist. Das nervt. Hallo! Wie wäre es mit Zuhören und Interesse am Gegenüber?

➤ Hier mehr lesen: Angst vor Speisekarten? Wie die müde Jugend wirklich tickt

Aber diese Selbstdarstellung liegt unserer Spezies im Blut. „Menschen werden krank, wenn sie alleine sind. Eines der Grundbedürfnisse ist soziale Akzeptanz und Wertschätzung. Wir wissen auch aus der Bindungsforschung, dass wir Menschen von sogenannten nähernden, positiven Beziehungen abhängig sind. Von dort leitet sich das Bedürfnis ab, gesehen zu werden“, sagt Anton-Rupert Laireiter. Er ist Leiter der Fachsektion Klinische Psychologie des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen.

Schrei nach Aufmerksamkeit

Max Ackermann nennt das vorsichtig eine „anthropologische Konstante“. Der Professor für Verbale Kommunikation an der TH Nürnberg forscht seit mehr als 30 Jahren zum Hören. Zu diesem Festwert gesellen sich zivilisatorische Entwicklungen. „Einerseits leben wir in einer Massengesellschaft, andererseits in Zeiten extremer Individualisierung. Das Ergebnis: Wir schreien alle: Hier!“

Das funktioniere auch technisch: „Das Ziel von Social Media ist ja die begrenzte Ressource Aufmerksamkeit. Und Algorithmen pushen, was Aufmerksamkeit hat und noch mehr verspricht.“ Eine Studie aus dem Jahr 2009 hat ergeben, dass 80 Prozent der Twitter-User nur über sich selbst reden.

Immerhin haben Menschen, die sich in den Mittelpunkt stellen, mehr Vorteile als jene, die lieber zuhören. Heißt es.

 „Das wird zumindest behauptet“, sagt Ackermann. „Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung gelten als hohe Werte und werden in einer engen Beziehung zueinander gezeigt. Ob nun Medien, Lebensratgeber oder Business-Coaches, fast alle suggerieren, es sei immer und zu jeder Zeit sinnvoll, extrovertiert zu sein.“ Auch die Idee und Haltung, sich möglichst überall „verkaufen“ zu müssen, drücke das aus.

Zuhören ist es eine irrsinnig komplexe und mehrdimensionale Tätigkeit

Max Ackermann Professor für Verbale Kummunikation

Innezuhalten, Fragen zu stellen, zuzuhören habe dagegen nicht die beste Presse. „Das liegt auch daran, dass Zuhören immer als etwas Passives dargestellt wird. Das ist ein großer Fehler. Denn stattdessen ist es eine irrsinnig komplexe und mehrdimensionale Tätigkeit“, gibt Ackermann zu bedenken.

Und nicht zuzuhören, ist sogar ein erheblicher Nachteil, wie der Experte erklärt. Nicht umsonst spreche man in der Wirtschaft vom „hörenden Führen“. Denn wer sich wirklich gehört fühlt, ist motivierter. An sich keine Überraschung, dennoch keine Selbstverständlichkeit. Aber noch viel mehr. „Man erfährt einfach so viel mehr, wenn man anderen zuhört. Da warten Wunder, Überraschungen und neue Einsichten.“

Zeitnot im Pflegeheim

Doch Zuhören ist nicht immer leicht. Es beansprucht auf jeden Fall viel Zeit: „Denken Sie an die Betreuung älterer Menschen in Senioren- und Pflegeheimen, die immer schneller vonstattengehen soll. Dann bleibt eben keine Zeit mehr für ein Gespräch. Das aber würde die Situation so sehr verbessern, den Menschen dort mehr Würde geben und das Personal entlasten.“

Auch für Laireiter ist es eine Kunst, richtig zuzuhören. Vor allem bei selbstoffenbarenden Äußerungen. „Wenn man ein engeres, intimeres Gespräch führen will, ist Offenheit ein ganz zentraler Faktor. Die Menschen müssen auf das eingehen, was ihr Gegenüber sagt.“ Nicht alle sind dafür geeignet. Und es ist natürlich auch nicht so, dass jedes Gespräch dazu da ist, die persönlichsten Dinge auszutauschen. „Es kann ja auch ein Small Talk sein.“

➤ Hier mehr lesen:  Jamie Oliver verrät sein Geheimnis für perfekte Braterdäpfel

Beim lockeren Plaudern ist es trotzdem ratsam, den Gesprächspartner nicht nur mit den eigenen Leistungen und Besonderheiten beeindrucken zu wollen, so der Experte. Sonst lande man schnell im gesellschaftlichen Abseits. Laireiter: „Wenn man nur von sich erzählt, und wenn das wiederholt vorkommt, dann gilt das als sozial unattraktiv. Mit solchen Menschen möchte man keine Beziehung führen.“

Junge Menschen boykottieren Instagram

Zu viel Selbstdarstellung ist irgendwann zu viel. In der Glitzerwelt von Instagram, wo jeder Augenblick von strahlender Perfektion zu sein scheint, verblassen allmählich die makellosen Fassaden. Zu perfekt waren  Posen, Gesichter und Leben. 

Viele junge Menschen kehren  der Plattform den Rücken.  75 Prozent der  Jugendlichen Österreichs  nutzten laut Jugend-Internet-Monitor 2023 Instagram. Ein Jahr davor waren es 84 Prozent.  Andere  posten zumindest keine eigenen Bilder mehr.  Sie glauben, so der Business Insider, „dass die Messlatte für das, was die Leute sehen wollen, höher liegt“.  Sie tauschen sich lieber in privaten Chats aus oder nutzen Instagram einfach zur Unterhaltung.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle befassen. Also mit allem, was schön ist und Spaß macht. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

Kommentare