Liebesratschläge und harte Eier: Der zeitlose Humor des Herrn Loriot

Loriot wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Ein Buch und ein Kinofilm kündigen dieses Ereignis an. Und zeigen: Solange Menschen aneinander vorbeireden, bleibt sein Charme unwiderstehlich.

Grauer Scheitel, feiner Zwirn und die distinguierte Lässigkeit alten Adels. Blaue Augen, die einen listig blitzend anblicken. Man merkt: Dem Mann, so bieder er auf den ersten Blick auch wirken mag, sitzt der Schalk im Nacken.

Loriot, feinsinnig, klug, liebevoll, war immer der Grandseigneur des – hört, hört! – deutschen Humors. Mit nobler Beharrlichkeit ging er in seinen Zeichnungen, Sketches und Filmen den skurrilen Eigenheiten des Bürgertums auf den Grund, niemals böse, stichelnd oder plump, immer mit der weisen Nachsicht, mit der man die Marotten lieb gewonnener Mitmenschen betrachtet – und ohne sie böse zu blamieren.

Was ihr noch in diesem Artikel lesen werdet:

  • Welche Liebesratschläge Loriot gibt
  • Loriot, vom Leutnant im Krieg zum Humoristen
  • Der neue Kinofilm "Loriots große Trickfilmrevue"

„Alles, was ich als komisch empfinde, entsteht aus der zerbröselten Kommunikation, aus dem Aneinander-vorbei-Reden“, verriet er dem Spiegel einmal in einem Interview sein Wesen vom Witz. „Komik besteht aus absichtlichem und unabsichtlichem Missverstehen, aus all diesen Verknotungen und Schwierigkeiten.“ Und was würde sich für zwischenmenschliche Missverständnisse besser eignen als die Liebe?

Das neue Buch „Wahre Liebe mit Loriot“ ist dementsprechend geradezu ein Nachschlagewerk peinsamer intimer Fehleinschätzungen, schiefgegangener Annäherungsversuche und Bestandsaufnahmen des ganz normalen Ehewahnsinns geworden. In Kapiteln, die von „Der Flirt“ über „Damen bei der Gattenwahl“ und „Herren auf Brautschau“ bis „Überwindung der Ehekrise“ reichen, wird den Herzensangelegenheiten manchmal tollpatschiger, dann wieder eigensinniger Leutchen mit aufrichtigem Interesse in 150 Zeichnungen auf den Grund gegangen. Wie sonst sollte der geneigte Leser ahnen, dass der Zeitpunkt für einen Verehrer, seiner über einem Abgrund baumelnden Angebeteten zu gestehen, wie verzaubert er vom Glanz ihrer braunen Augen sei, ein denkbar schlecht gewählter sei? Erfolgreiches Flirten will eben gelernt sein.

Doch es werden einem auch praxisnähere Ratschläge mit auf den Lebensweg gegeben. So wird Damen von Welt etwa erklärt, was es zu beachten gilt, wenn sie beim Schmusen mit dem Auserwählten in dessen Haarpracht wühlen – und welche Exemplare der Gattung Mann sich frisurtechnisch dazu am besten eignen. An anderer Stelle wird erfolgsgewohnten Casanovas geraten, von einer Liebeserklärung an die Herzensdame möglichst abzusehen, wenn die Gute währenddessen eine Bett-Tuchent mit ihrem Gatten teilt. Die Liebe, ein seltsames Spiel.

Urkomisch: Auf neuen Glanz gebrachte Szene aus „Loriots große Trickfilmrevue“, aktuell im Kino

©studio loriot

Überhaupt ist Loriot gerade schwer angesagt. Dieses Jahr hätte er (im November) seinen 100. Geburtstag gefeiert. Die medialen Feierlichkeiten und prominenten Würdigungen werden, wie unschwer zu prophezeien ist, von einer gewissen flächendeckenden Omnipräsenz sein.

Knollnasen und Klassiker

Mit scheinbar leichter Hand hat Loriot, mit bürgerlichem Namen Vicco von Bülow, ein Figurenkabinett geschaffen, das sich seinen fixen Platz im Humorgedächtnis des deutschsprachigen Raums erworben hat. Die käsigen Dutzendgesichter mit ihren Knollennasen sind unverwechselbar und Kulturgut. Sicher, so mancher Cartoon kommt heute betont altväterisch daher; die Protagonisten sind Spießer, die Herren tragen Anzug und Krawatte, wenn nicht gleich Frack, die Damen Kostüm; die Rollenbilder, die sie verkörpern, spiegeln das gesellschaftliche Selbstverständnis der Fünfzigerjahre.

Legendärer Fernsehsketch von Loriot: „Berta, das Ei ist hart!“  

©studio loriot

Und dennoch hat Loriots Humor dem Zahn der Zeit überraschend gut standgehalten. „Die Ente bleibt draußen!“ Sätze wie dieser, hier aus dem berühmten Zeichentrick-Sketch, in dem zwei nackte Männer in der Badewanne wegen der Gegenwart einer Quietschente in einen hinreißenden Disput geraten, sind Klassiker. Ebenso „Früher war mehr Lametta“: eine Klage, die wohl jeder bereits einmal in den Mund genommen hat. „Berta, das Ei ist hart!“ – der Vorwurf des Gatten an die Gattin in einem anderen Sketch aufgrund des ihm vorgesetzten Frühstückseis, ist ebenfalls geflügeltes Wort geworden. Es sind Meisterstücke über die kommunikativen Karambolagen in unserem Alltag. Und mit Vorliebe exerziert anhand Mann und Frau, die, wie Loriot feststellte, eben gar nicht zusammenpassen würden – aber es trotzdem immer wieder versuchten.

Vom Leutnant zum Humoristen

Geboren wurde Loriot als Spross eines alten mecklenburgischen Adelsgeschlechts, dessen Mitglieder meist bei Militär, Kirche und Staat höhere Weihen erlangten. Auch der zukünftige Satiriker brachte es aus Familientradition zum Oberleutnant, war als Soldat im Zweiten Weltkrieg drei Jahre in Russland, wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Als Nationalsozialist, so das deutsche Bundesarchiv, dürfe er anhand der Wahrnehmung seines Verhaltens von Vorgesetzten, dennoch nicht eingestuft werden. Loriot selbst meinte, er schäme sich für den „schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte“ bis an sein Lebensende.

Loriot: „Wahre Liebe mit Loriot“. Herausgegeben von Susanne von Bülow und Peter Geyer. Hardcover, gebunden, 128 Seiten. Diogenes Verlag, Zürich. Preis: 14,40 € 

©diogenes verlag

Nach dem Krieg verdingte er sich erst als Holzfäller, danach studierte er in Hamburg Kunst. Gegen Ende wurde er für fünfzig Mark pro Zeichnung Cartoonist beim Stern. 1954 erschien sein erstes Buch „Auf den Hund gekommen“. Später wurden seine Serie „Cartoon“, der Fernsehhund Wum und die Serie „Loriot“ legendär, in der er Zeichentrickfilme und selbst gespielte Sketche präsentierte. Als kongeniale Partnerin an seiner Seite wich Evelyn Hamann dabei nicht von seiner Seite, mit der er auch in den Komödien „Ödipussi“ und „Pappa ante Portas“ 1988 und 1991 große Kinoerfolge feiern konnte. Längst war Loriot eine Institution geworden und immens populär. Den Deutschen brachte er, so wurde er oft gewürdigt, das Lachen bei – vor allem über ihre Mentalität, ihre Unzulänglichkeiten und ihren Umgang mit den Peinlichkeiten, in die sie geraten. Eine zutiefst menschliche Komik.

Diese kann aktuell auch wieder im Kino bewundert werden. Für „Loriots große Trickfilmrevue“, vorgestellt auf der heurigen Berlinale, wurden 31 Trickfilme, entstanden zwischen 1967 und 1993 und ursprünglich fürs Fernsehen gemacht, sachte neu gezeichnet, teilweise erstmalig koloriert und ins Kinoformat 4K gebracht.

Erneut entfaltet sich Loriots Charme am Absurden, nur diesmal auf der Leinwand, mit seinen einzigartigen Charakteren und komischen Dialogen. Ein herrliches Vergnügen.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Redakteur KURIER Freizeit. Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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