An der Bar mit David Bowie: Die legendärsten Künstlerlokale

Ein verliebter Peter O'Toole, Streiten mit Madonna, speisen mit Picasso. Ein Stammlokal ist wie eine Bühne. Bei großen Künstlern führt das oft zu Abenden zwischen Genie und Wahnsinn.

Mit Stammlokalen ist das so eine Sache: Man möchte unter Seinesgleichen sein, aber vielleicht doch auch neue Leute treffen. Wie ein Wohnzimmer soll es sein, aber schon mit Rambazamba. Und, natürlich: Auch der Gaumen will sich freuen, Speis und Trank müssen erste Güte sein. Haben Sie eins?

In Berlin gingen in den Siebzigerjahren alle ins „Exil“. Und zwar alle, die unter akutem Genie-Verdacht standen. In Berlin, Kreuzberg hatte der Österreicher Oswald Wiener das Restaurant quasi auf der Flucht gegründet – er war Mitglied der Wiener Gruppe, partizipierte aber vor allem an der auch polizeilich beargwöhnten „Uni-Ferkelei“ in Wien.

Selbst ein radikaler Vordenker (er schrieb „Die Verbesserung von Mitteleuropa“), zog er dieselben an. Zu später Stunde, wenn die Premieren und Galas gelaufen waren, bekam man hier noch zu essen und zu trinken.

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Star-Fotograf Helmut Newton schneite dann zur Tür herein. Regisseur Rainer Werner Fassbinder. David Bowie trank mit Iggy Pop so manche Flasche Burgunder. Jack Nicholson schwärmte: „This is the best place in the whole world.“ Ein Ort, an dem Genies unter sich sein durften, ein intellektueller Spielplatz, die Wände braun vor Nikotin. Eine wilde Bühne, immer zwischen Zeremonie und Zirrhose, aber dann wurde man auch wieder in Ruhe gelassen. An die Decke hatte Günter Brus das Bild „Der Herzinfarkt“ gemalt.

Und dann war da noch die Sache mit Peter O’Toole.

Ein Kuss mit Lawrence von Arabien

Wenn Wim Wenders und Anselm Kiefer sich beim Tafelspitz mögen lernten, war das auch ihr Verdienst: Ossis Frau Ingrid Werner stand im „Exil“ am Herd (Sarah Wiener, die bekannte TV-Köchin, seine Tochter aus erster Ehe, tut es immer noch). Als er in Berlin einen Film dreht, isst Peter O’Toole („Lawrence von Arabien“) täglich bei ihr.

Lange beobachten sie sich interessiert, bis der Schauspieler sich endlich ein Herz fasst: An einem Tisch trinken sie Weißwein aus Österreich, dann spielt es den Donauwalzer, O’Toole zieht Ingrid Wiener zum Tanz in den Vorgarten – ein langer Kuss besiegelt alles und nichts. Als er am nächsten Tag abreist, hinterlässt er ihr eine Karte („Ingrid, my love“) und bittet sie, ihn in seinem Haus in Venedig zu besuchen, wie Carolin Würfel im Buch „Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung“ berichtet. Doch daraus wird nichts – es zieht sie zurück ins „Exil“.

Paris Bar, Berlin: Ein Lokal, das man auch in New York und London kennt. Michel Würthle formte es mit Schmäh und Charisma zum legendären Künstlerlokal, in dem Baselitz, Kippenberger, Godard verkehrten. Der Wirt war ikonischer Zeremonienmeister des abendlichen Treibens und selbst Maler. 

©imago stock&people

Madonna war wütend

Der Mann, der in jener sagenumwobenen Nacht den Donauwalzer auflegte, wurde selbst eine Legende im Nachtgeschäft: Michel Würthle, schon wieder ein Zeremonienmeister aus Österreich, der den Deutschen das Genießen lehrte, Sohn eines Diplomaten und einer Adeligen. Und selbst ein großer Maler. Das „Exil“ gründete er zusammen mit den Wieners und 1979 schließlich sein eigenes Lokal: die „Paris Bar", nahe dem Bahnhofs Zoo, und bald ein fester Stern am Firmament des Berliner Nachtlebens.

Ein Künstler, mit Künstlern als Freunden: Bei ihm verkehrten wie selbstverständlich die Maler Georg Baselitz oder Martin Kippenberger, der, statt Rechnungen zu bezahlen, diese mit Werken beglich, eines davon hing auch im Restaurant. Alles in allem ein magischer Ort, von Würthle, der im März starb, leidenschaftlich befeuert. Dramatiker Heiner Müller proklamierte die Paris Bar als eine Art paradiesischer Hölle. Es kamen Billy Wilder, Jean-Luc Godard, Damien Hirst. Madonna soll geschnaubt haben, als ihr Tisch von einer schönen Italienerin belegt war: „Who the fuck is Gina Lollobrigida?“

Lebemann und Künstler: Michel Würthle, legendärer Gründer der „Paris Bar“ in Berlin

©IMAGO/Jannis Chavakis

Erkannt zu werden, aber nicht belästigt, das ist Bedingung in jedem guten Künstlerlokal. In Wien war das selbstverständlich das „Café Hawelka", das „Alt Wien", heute immer noch ist es die „Loos Bar" der Marianne Kohn. In dieser Miniaturvariante von Lokal fragt Mick Jagger oder Quentin Tarantino niemand nach Autogrammen, wenn sie in der Stadt sind.

Boxen mit Poeten

In München ist das so in der „Schumann's Bar". Ihr Begründer ist Charles Schumann, der Mann mit der Silbermähne, noch so eine Legende. Der heute 82-Jährige wollte eigentlich Priester werden, bevor ihn als Gastronom seine Gäste anbeteten. Dazwischen veredeln Jobs wie Personenschützer für Konrad Adenauer den Lebenslauf. Schumann, laut Taufschein mit h geschrieben, und kein Charles, sondern ein Karl, ist ein Connaisseur mit Charme.

Der Dichter Hans Magnus Enzensberger war Stammgast bei ihm, der Kritiker Joachim Kaiser, der Poet Wolf Wondratschek boxte mit den Gästen. Eine gute Bar ist immer wie eine riesige Bühne, auf der jeden Tag ein neues Stück mit neuen Darstellern aufgeführt wird, einer neuen Handlung, und wie es ausgeht und ob es Applaus gibt, ist immer ungewiss. Hauptsache, man hat eine gute Zeit.

Schumann’s Bar, München: Gegründet als American Bar vom legendären Barmann Charles Schumann (o.), mittlerweile am Hofgarten angesiedelt. Das Buch „Schumann’s Bar“ gilt als Standardwerk, der Chef modelte auch für Baldessarini, außerdem sind zwei Dokumentarfilme über ihn entstanden.

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Die „Kantine der Stars“

Heute haben Künstler diese gern im Borchardt, eines der jüngeren Kult-Lokale Berlins und doch schon wieder 31 Jahre alt. Im „Borchardt", zwischen Marmorsäulen, schmausen George Clooney oder Tom Cruise das berühmte riesige Schnitzel mit warmem Kartoffelsalat. Die Frau des Chefs, ein Model, brannte offenbar vorübergehend einmal mit Brad Pitt durch. Kunstsammler Christian Boros kommt oder Til Schweiger, reich, schön und berühmt machen es zu einer „Kantine der Stars“.

Grill Royal, Berlin: 1992 eröffnet gilt das Restaurant (wie das Konkurrenz im „Borchardt“) als „Kantine der Stars“. An den Wänden hängt Kunst (etwa die nackte Jane Fonda), den Gaumen erfreuen Champagner und Wagyu-Steak. Leonardo DiCaprio war genauso am Spreeufer zu Gast wie George Clooney oder Megan Fox. Künstler Jonathan Meese (ein Bild von ihm schmückt den Eingang) sagt: „,Grill Royal’ ist Liebe!“

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Das kann man auch über das „Grill Royal" sagen. Kein intellektuelles Forum, kein Epizentrum des Exzessiven. Aber auch hier rauschen die Stars nur so zur Türe rein. Tom Hanks oder Scarlett Johansson etwa, gegessen wird am liebsten das Wagyu-Steak. Als „guter Spaßdirektor“ interpretiert Stephan Landwehr, einer der Chefs, seinen Job, und das trifft es gut. Sehen und gesehen werden, gute Laune, das ja – gleichzeitig aber, so verriet er der „Welt“, lasse er kein Hendl zurückgehen, nur weil es nicht wunschgemäß angerichtet sei, ganz gleich welcher Star es bestellt hat.

Hier speiste Picasso

Ob es solche Diskussionen mit Picasso im „La Colombe d'Or" wohl auch gegeben hat? Das Restaurant an der Côte d'Azur ist wohl der Prototyp des Künstlerlokals. Mit den Stammgästen kann kein anderes Lokal es aufnehmen. Da waren Sartre, die Bardot, Orson Welles. Yves Montand feierte hier seine Hochzeit. Vor allem aber waren es Maler wie – neben Picasso – Marc Chagall, Henri Matisse oder Miró, die nach 1931 einkehrten. Gäste speisten unter der Schirmherrschaft ihrer Gemälde – bis sie eines Nachts gestohlen wurden und dann doch wieder auftauchten. Kunst und gut zu essen und zu trinken, das gehört irgendwie zusammen. Vielleicht hatten das ja auch die Räuber verstanden.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Redakteur KURIER Freizeit. Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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