Film

Filmstarts: Billie Holiday, Til Schweiger und viel New York

Alexandra Seibel

von Alexandra Seibel

Packende Doku über die Jazzsängerin Billie Holiday, Drama über das Bauernsterben in Frankreich, Tragikomödie von Til Schweiger und Doku über New Yorker Buchhändler

Als Billie Holiday im Jahr 1939 erstmals im New Yorker Nachtclub Café Society den Song „Strange Fruit“ sang, marschierten viele der weißen Gäste empört hinaus: „Wir kommen hierher, um unterhalten zu werden. Das ist keine Unterhaltung!“

Sogar das Time Magazine berichtete vom „ungewöhnlichsten Song, der je in einem Nachtclub gesungen wurde“. Wenn Billie Holiday dieses Lied anstimmte, gab es jedes Mal Randale, erinnert sich der Jazzmusiker Charles Mingus: „Sie kämpfte für Gleichberechtigung lange vor Martin Luther King“.

Billie Holiday selbst brach beim Singen unter dem grässlichen Text des Liedes fast zusammen.

Heute gehört „Strange Fruit“, der von den unfassbaren Lynchmorden an der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten der USA erzählt, zu den Klassikern unter den Protestsongs.

Billie Holiday, als Eleanora Fagan 1915 in Philadelphia geboren und in New York 1959 erst 44-jährig tragisch verstorben, zählt – sachlich formuliert – zu den bedeutendsten Jazzsängerinnen der USA. Sie spielte von Louis Armstrong über Count Basie und Artie Shaw mit den Größen ihrer Zeit und wurde ein „schwarzer Star“ – was unzählige Demütigungen bedeutete: So konnte sie bei ihren Auftritten mit gemischten Bands nicht in den gleichen Hotels wie die Weißen absteigen oder wurde im Restaurant nicht bedient.

Jazzsänger und Bandleader Billy Eckstine mit Billie Holiday

©Polyfilm

Ihr spektakuläres Leben zwischen Drogenexzessen, Sexaffären und prügelnden Ehemännern, wurde gerne auf ihre „inneren Dämonen“ reduziert. Ein Psychiater diagnostiziert sie glatt als Psychopathin. Doch „äußere Dämonen“ wie Rassismus, Prostitution und Vergewaltigung heben mindestens genauso lebensentscheidend ihre hässlichen Häupter.

Billie und Linda

Die US-Journalistin Linda Lipnack Kuehl, von Billie Holiday hochgradig fasziniert, wollte Anfang der 70er-Jahre eine Biografie über sie schreiben. Kuehl führte zahlreiche Interviews mit Weggefährten, ohne ihr Buch je zu vollenden. Sie starb 1978 unter nicht gänzlich geklärten Umständen und ließ eine große Menge an Tonbandaufnahmen zurück. Der Brit-Regisseur James Erskine verknüpfte Kuehls Aufnahmen mit aufwendig restauriertem Archivmaterial und Konzertaufzeichnungen zu einem komplexen, faszinierenden Porträt. Sein Versuch, auch Linda Kuehls tragisches Leben (und Sterben) mit zu erzählen, gelingt ihm nur ansatzweise. Das wäre dann ein eigener Film.

INFO: GB 2020. 97 Min. Von James Erskine. Mit Billie Holiday, Charles Mingus, Tony Bennett, Count Basie.

Billie Holiday, Queen of Jazz

©Polyfilm

Kritik zu "Das Land meines Vaters": Cowboy-Träume 

Der französische Bauernsohn Pierre Jarjeau hat sich den Traum vom amerikanischen Cowboy erfüllt. Auf Schnappschüssen in Polaroidfarben sieht man ihn hoch zu Ross  auf einer Rinderfarm in Wyoming, den Cowboyhut fesch in die Stirn gedrückt.  Seine Kinder quietschen  vor Vergnügen, als sie ihren  Vater so lässig sehen.
Doch das ist lange her. Pierre hat  Wyoming hinter sich gelassen, um den Bauernhof seines Vaters   zu übernehmen. Allerdings nicht als Erbe, denn der hartherzige Alte hat ihm den Hof um teures Geld verkauft.

Depression

Pierre ist voller Tatendrang, heiratet seine Jugendliebe, gründet eine Familie und beginnt mit der Modernisierung.  Investitionen sind notwendig, Kredite  werden aufgenommen – und Pierre reitet sich immer mehr in die Verschuldung hinein. Aufgerieben zwischen den Anforderungen einer globalisierten Agrarwirtschaft und  Schicksalsschlägen driftet er in die Depression ab.

Doku-Regisseur Edouard Bergeon weiß in seinem  schön fotografierten Langspielfilmdebüt, wovon er spricht. Er stammt selbst aus einer Landwirtsfamilie und konnte die Demoralisierung seines   Vaters, der  um sein Überleben  als Bauer kämpfte, am eigenen Leib miterleben. Mit dokumentarisch-genauem  Auge gibt er  Einblicke in die bäuerlichen  Alltagsroutinen und ihre harten Arbeitsprozesse. 

Als sich die finanzielle Schlinge zuzieht, verengt er die Perspektive auf das väterliche Psychodrama  und verliert dabei sein größeres Erzählgefüge  aus den Augen. Doch daran wird man    spätestens im Nachspann mit  folgender, bitterer  Info erinnert: Zur Zeit begeht in Frankreich jeden Tag ein Landwirt Selbstmord.

INFO: F/BEL 2019. 103 Min. Von Eduard Bergeon. Mit Guillaume Canet.

Guillaume Canet (re.) kauft seinem Vater den Hof ab und verschuldet sich: „Das Land meines Vaters“ 

©Filmladen

Kritik zu "The Booksellers – Aus Liebe zum Buch: Doku zum Stöbern 

In den 1950er Jahren existierten in New York 368 Buchgeschäfte, heute gibt es nur noch 79. Trotzdem erweist sich die Welt des Antiquariats als lebendiger, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Die traditionellen Vertreter der Büchersammler waren zumeist weiße Männer im Tweedanzug, die gerne Pfeife rauchten und ihre seltenen Second-Hand-Bücher, kostbaren Erstausgaben und teuren Spezialeditionen mit Eifersucht bewachten.Heute ist die New Yorker Buchszene diverser geworden und kämpft mit den Vor- und Nachteilen der  Digitalisierung.

In seiner etwas chaotischen, aber sehr charmanten  Doku interviewt Regisseur D. W. Young schrullige Menschen mit Liebe zu außergewöhnlichen Büchern. Die witzigste darunter ist die bibliophile Autorin Fran Lebowitz, die gesteht, dass Bücher für sie fast schon menschliche Wesen darstellen. Nie könnte sie ein Buch wegwerfen, auch kein schlechtes. Und wenn sie eines im Müll finde, dann sehe  es für sie aus wie ein menschlicher Kopf.

INFO: USA 2020. 99 Min. Von D. W. Young. Mit Fran Lebowitz, Caroline Schimmel.

Witzige Interviewpartnerin: Fran Lebowitz in "The Booksellers"

©Stadtkinio

Kritik zu "Die Rettung der uns bekannten Welt": Opfer radikaler Stimmungsschwankungen

Til Schweiger polarisiert: Von vielen belächelt, führen seine Filme regelmäßig die Kinocharts an. Der selbst ernannte „Tausendsassa“ und gelernte Schauspieler ist meist in Personalunion auch als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor und Cutter seiner Filme tätig. Titel wie „Keinohrhasen“ oder „Kokowäh“ wurden zu Publikumserfolgen, deren Breitenwirkung auch in Hollywood nicht unbemerkt blieb.

In „Die Rettung der uns bekannten Welt“ geht es um Paul, einen jungen Mann, der wegen einer bipolaren Störung und einem versuchten Suizid in ein Therapiezentrum eingewiesen wird. Von seinem alleinerziehenden Vater, der von Til Schweiger gespielt wird. Dort trifft Paul auf Leidensgenossen und -genossinnen. Junge Menschen, die ebenfalls radikalen Stimmungsschwankungen hilflos ausgeliefert sind. Darunter auch Toni, die von ihrem Onkel missbraucht wurde.

Die beiden verlieben sich ineinander. Nach glücklichen Stunden zu zweit fassen sie gemeinsam einen Plan, gemeinsam aus diesem „Kuckucksnest“ zu fliegen. Doch die Flucht kann ihre Probleme nicht lösen.
 Der Ruf als „Unterhaltungsfilmer“ scheint für Til Schweiger auch Berufung zu sein. Weshalb er wohl das Drehbuch zusammen mit dem Kabarettisten Lo Malinke geschrieben hat. Um dem ernsten Thema auch heitere Seiten abzutrotzen. Den K(r)ampf, den dieser Spagat verursacht, merkt man dem Film – trotz vieler berührender Momente und guter Schauspieler – leider an.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: D 2021. 136 Min. Von und mit Til Schweiger. Mit E. Sakraya.  

 

Til Schweiger als Vater eines bipolaren Sohnes

©Warner
Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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