Krimiautorin Constanze Scheib: „Ich habe jetzt richtig Blut geleckt“

Die Gnä' Frau als Ermittlerin ist eine Goldgrube. Ein Schweizer Verlag hält viel auf die Hobbydetektivin aus Hietzing und möchte mehr schrullige Fälle aus Wien.

Vor zwei Wochen ging wieder ein Traum von ihr in Erfüllung: Constanze Scheib konnte an der Wiener Kriminacht teilnehmen. Bereits zum zweiten Mal. Früher dachte die Neo-Schriftstellerin sehnsüchtig: „Einmal im Leben daran teilnehmen, das wär’s.“ Und dann war sie mit ihren Krimis über eine elegant gekleidete Ermittlerin aus dem Villenviertel gleich der Star des Abends. Schon das Debüt ihrer Frau Ehrenstein vor einem Jahr war ein Hit. Kein Wunder bei diesem Titel: „Der Würger von Hietzing“. Jetzt löst die Dame mit „Keine schöne Leich“ ihren zweiten Fall. Nicht der letzte, wie sie im Freizeit-Interview erzählt.

Frau Scheib, Sie wirken so fröhlich und positiv. Wie wurden Sie eigentlich zur Krimiautorin?

Meine Mutter hatte immer diese uralten Taschenbuchausgaben von Agatha Christie im Bücherregal stehen. Ich konnte noch gar nicht lesen, da fielen mir dieses Cover auf. Sobald ich mich dort bedienen durfte, haben mich diese „Cozy Crime“-Krimis gefesselt. Sie sind unterhaltsam, lustig und spannend. Und weisen viele interessante Figuren auf.

Dort aber mussten Sie erst hinfinden. Ihre Anfänge lasen sich noch nicht so amüsant wie die Ermittlungen Ihrer Gnä’ Frau, die sich  mit ihrem Hausmädchen Marie auf Verbrecherjagd begibt. Warum?

Stimmt, meine ersten Geschichten waren blutig und brutal, „Lauras Parfüm“ etwa. Aber ich lese Bücher aus sehr vielen unterschiedlichen Genres. Und das ist, glaube ich, auch der Grund, warum ich sehr unterschiedliche Stoffe schreibe. Ich schreibe jedenfalls gerne das, was ich auch selber lese. Und das meiste war von klein auf „Cozy Crime“. Bei der Schauspielerei war es ähnlich. Ich mag Komödien, ich mag Sachen, die mich unterhalten und mich ablenken vom Alltag.

Bernhard Praschl und Constanze Scheib

©kurier/Kurier/Michaela Bruckberger
Ihr erster Fall mit der Gnä’ Frau schlug in Hietzing wie eine Bombe ein. Eine Buchhandlung hatte eine ganze Auslage voll mit Dutzenden Exemplaren vom „Würger von Hietzing“.

Das freut mich ganz besonders, ich bin in Hietzing aufgewachsen. Die Buchhändlerinnen dort haben mir erzählt, dass sie dieses Buch wie heiße Semmeln verkauft haben.

Ihre Krimis spielen in den 1970er-Jahren. Sie sind 1979 geboren, haben diese also bewusst nicht wirklich selbst erlebt. Hat diese kriminalistische Zeitreise einen besonderen Grund?

Ich kann mich noch genau erinnern. Ich spielte einmal mit meiner Mutter Trivial Pursuit, als die Frage nach dem berühmten österreichischen Skirennläufer kam, der 1972 bei den Olympischen Winterspielen ausgeschlossen worden war. Ich kannte die Antwort nicht, und meine Mutter war davon so schockiert, weil das doch zum Allgemeinwissen gehöre. Das müsse man doch wissen! Daraufhin habe ich begonnen, mich über die 1970er-Jahre zu informieren. Was da alles passiert ist!

Ja, aber eben auch vieles, das nicht so amüsant ist wie die Erlebnisse der Gnä’ Frau ...

Ja, stimmt schon. Doch ich erkenne viele Parallelen zu heute, etwa die Baustellen für den U-Bahn-Bau.

Constanze Scheib

©kurier/Kurier/Michaela Bruckberger
Waren Ihre Eltern darüber hinaus eine Inspirationsquelle?

Möglich. Mein Vater war Musikchef im ORF und meine Mutter hat in den 1980er-Jahren Drehbücher für den „Leih- opa“, den „Seniorenclub“ oder „Die liebe Familie“ geschrieben.

Aha, das ist eh genau dieses Gnä’-Frau-Milieu mit Hofratswitwen und Küchenhilfen.

(Lacht) Leider haben wir nicht ganz so gewohnt mit Dienstvilla in der Gloriettegasse samt Personal.

Der aktuelle Krimi, „Keine schöne Leich’“, spielt neben dem Wiener Nobelbezirk Hietzing auch in Döbling. Wo wird denn Ihre Gnä’ Frau im nächsten Fall ermitteln?

Am Spittelberg. Meine Überlegung ist, dass ich mit dieser Buchreihe ein bissl in Wien herumwandere und verschiedene Grätzel herauspicke, die interessant sind. Spittelberg in den Siebzigerjahren war ja ganz etwas anderes als jetzt. Diese Veränderung ist auch immer spannend.

Hatten Sie diese Idee von Anfang an oder ist sie mit der Zeit gewachsen?

Der Kampa-Verlag hat von Anfang an gemeint, sie möchten eine ganze Reihe daraus machen. Was ich von Anfang an wollte, ist, dass die Leser so mehr über die Hauptprotagonistin Gnä’ Frau Ehrenstein herausfinden können und sie auf diesem Weg begleiten. Mit dem dritten Buch der Reihe bin ich jetzt fertig, das zweite Buch stelle ich gerade überall vor und erfahre so, dass die Leser und Fans bereits fragen, wann denn das nächste Buch herauskomme. Ich habe jetzt richtig Blut geleckt und möchte ebenso wissen, wie es mit der Gnä’ Frau weitergeht.

Wie kam es überhaupt dazu, dass sie als frischgebackene Krimiautorin bei jenem Verlag gelandet sind, der auch die legendären Maigret-Romane von Georges Simenon herausgibt?

Ich bin bei einer Literaturagentin in Deutschland, die viel mit dem Schweizer Kampa-Verlag zusammenarbeitet. Daniel Kampa, der Verlagschef, hat nach einem österreichischen Stoff gesucht. Und da bin ich mit meinem Manuskript vom „Würger in Hietzing“ zufällig gerade zur richtigen Zeit gelandet. Mein Traumverlag. Die haben dort eine tiefe Leidenschaft für den Krimi.

Haben Sie geahnt, dass Ihre Krimis auf Anhieb ein Erfolg werden würden?

Nein, natürlich nicht.

Und dass Sie gleich mehrere Teile schreiben ...

Das habe ich gehofft. Ich bin schon ganz gespannt, wie das Cover vom dritten Fall aussehen wird. Der Chef setzt sich da mit der Grafikerin praktisch persönlich dahinter, dass diese Cover mit dem angeschnittenen Kopf ganz speziell werden.

Neben viel Lokalkolorit verströmen ihre Krimis auch viel Musik. Bei „Keine schöne Leich“ hören ihre Romanfiguren „Cecilia“ von Simon and Garfunkel, Jimi Hendrix, Alice Cooper und auch Lou Reed. Ein guter Geschmack, übrigens.

Danke. Das war mir auch wichtig. Ich habe von Lesern gehört, die bewusst, in dem Moment, in dem ein bestimmtes Lied im Roman vorkommt, dieses zu Hause auflegen. Entweder als Schallplatte. Oder diesen Song auf Spotify anwählen. Ich wählte diese Musik, weil es einfach gerade zur Stimmung passt. Oder das Gegenteil. Passt’s nicht zur Stimmung, ergibt eben das die Spannung.

Constanze Scheib

Constanze Scheib

war als Schauspielerin auf Wiener Bühnen zu sehen, bevor sie im Krimifach als Autorin reüssierte. Die dreifache Mutter arbeitet nach ersten Thriller-Stories nun schon am dritten Fall ihrer schwarz-humorigen Helene Ehrenstein, einer Hietzinger Dame mit Lust auf andere Milieus und  Mörderjagden.

Sogar Heinrich Walchers Nr.-1-Hit „Gummizwerg“ aus 1972 kommt vor!

Weil dieses Lied eben so fröhlich und lustig klingt. „Auf an Gummigummiberg sitzt ein Gummizwerg“ und so weiter. Meine Frau Ehrenstein hört das in der Szene-Disko Voom Voom und denkt, das wäre ein nettes Lied für ihren kleinen Sohn.

In Wirklichkeit steckte dieses Lied voller Anspielungen auf Drogen. Wenn man sich auskennt, bereitet Ihre Lektüre einen doppelten Spaß.

Es funktioniert auch, wenn man bestimmte Hintergründe nicht kennt. Aber das sind eben die kleinen Sachen, die ich für Leser einstreue, die dazu auch noch recherchieren wollen.

Vielen Dank für das Interview.

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Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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