Postkarte aus der Wiener Werkstätte. Ein Krampus von József Divéky

Der Krampus ist ein teuflischer Popstar

In den USA ist er mittlerweile Teil der Popkultur. Was das mit alten Postkarten aus Österreich und Deutschland zu tun hat.

So ein Krampus hat es nicht leicht. Da kriecht er aus seiner finsteren Höhle und soll Angst und Schrecken verbreiten, böse Kinder auf pädagogisch nicht mehr zeitgemäße Art auf den rechten Weg bringen. Aber die Menschen nehmen ihn nicht wirklich ernst. Neben Umzügen muss er Anfang Dezember sein Dasein auch in Diskotheken oder Tanzbars fristen und dort bei Krampuskränzchen inmitten illuminierter Gäste für gute Stimmung sorgen. Klassischer Fall von falsch eingesetzt.

Könnte man meinen. Dabei ist der gehörnte, schiache Geselle nicht nur ein Brachialerzieher und Folkloreaktivist, er hat auch Tradition als Unterhalter.

Kommerzialisierung des Unholds

In unseren Breiten erfreuten sich die Kinder Ende des 19. Jahrhunderts bereits an bunten Bildchen mit allerhand Krampusmotiven. Die österreichische Regierung gab laut National Geographic 1890 die Kontrolle über die Postkartenproduktion auf. In Deutschland setzte eine ähnliche Entwicklung ein, damit begann die Kommerzialisierung des Krampus. Firmen produzierten zuerst Bilder mit schwarzer Pädagogik für Kinder.

Der üble Bursche mit langen Hörnern und langer Zunge verdrosch Buben und Mädchen mit seiner Rute oder steckte seine weinenden und schreienden Opfer in den Korb. Darüber stand mahnend die Botschaft „Brav sein“ oder nett, „Gruß vom Krampus“. Die Kinder werden sich schön bedankt haben. Die rot- und pausbackigen Kleinen und ihr Züchtiger waren hübsch gemalt und koloriert, bis die Avantgarde den Krampus entdeckte. Die Wiener Werkstätte sorgte mit holzschnittartigen oder grafisch reduzierten Figuren eher bei Traditionalisten für Entsetzen als bei den Buben und Mädchen.

Hundert Jahre später: Der Krampus rappt in der Zeichentrickserie „American Dad!“

©Hersteller

Ab 1903 erweiterte der Krampus seinen Wirkungskreis. Er bestrafte auch ältere Menschen, die es mit dem Bravsein nicht so genau nahmen. Aber so richtig fürchten wollten sie sich nicht. Ein Großteil der Karten machte sich über den Krampus lustig. Er trug Frauen davon oder war gar ein Verehrer, der bei Damen eher romantische Gefühle denn Furcht auslöste.Von Frau gefesseltZu Fuß wollte er auch nicht mehr zurück in die finstere Gegend gehen, aus der er gekommen war. Er reiste mit dem Flugzeug an – galt der Pilot doch in Zeiten vor dem Klimawandel als besonders sexy.

Eine alte Postkarte. Der Krampus entführt ein schlimmes „Mägdlein“ mit dem Flieger.

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Und dann gab es gar solche, die den zotteligen Kerl als arme Kreatur zeigten – gefesselt an einem Besen, den eine gestrenge Frau flog. Auch hier stand: „Gruß vom Krampus“. Als dann in den 60ern die Sexwelle durch Deutschland und Österreich schwappte und Lederhosen-Filme die Kinosäle mit Publikum füllten, brachten verführerische Pin-ups mit großen Busen und kleinen Röcken den Krampus aus dem Konzept.

Seit geraumer Zeit ist die fürchterliche Kreatur Teil der US-amerikanischen Popkultur. Horrorfilme, Comics und Paraden greifen auf den alpenländischen Unhold zurück. Aber warum waren die Menschen über dem großen Teich auf einmal so fasziniert von der Schreckensgestalt? Werbegestalter und Grafikdesigner Monte Beauchamp glaubt, dass der Hype ihm zu verdanken ist, berichtete National Geographic.

Ein Sammler hatte ihm Krampus-Postkarten aus dem 19. und 20. Jahrhundert gezeigt. Beauchamp veröffentlichte einige davon in zwei Ausgaben des Magazins Blab!. In den Jahren 2004 und 2010 brachte er zwei Bücher mit den Postkarten heraus. Ein Galerieleiter aus Santa Monica wurde auf ihn aufmerksam. Gemeinsam kuratierten sie eine Ausstellung. „Die Show war so ein Erfolg, dass er mich eingeladen hat, mehr Krampus-Ausstellungen zu kuratieren“, sagte er.

Hollywood kam

Zur selben Zeit rief ein Freund Beauchamps einen Krampus-Theaterclub in Los Angeles ins Leben. „Es entwickelte sich irgendwie eine Eigendynamik.“ Macher der Fernsehserie „Supernatural“ oder die Köpfe hinter dem Animationsfilm „A Krampus Carol by Anthony Bourdain“ meldeten sich wegen der Lizenzierung der Bilder aus den Büchern. „Und so begann das Krampus-Fieber – so es ein Fieber ist – zu grassieren“, meinte er zur Chicago Tribune.

Die Horrorkomödie „Krampus“ aus dem Jahr 2015 war nicht so erfolgreich, wie es sich das Studio wohl erhofft hatte. Aber über 60 Millionen Dollar spielte das Werk mit 15 Millionen-Dollar-Budget dennoch ein. Hier sucht ein Unwesen eine zerstrittene Familie – bestehend etwa aus Toni Colette oder Adam Scott – heim. Krista Stadler spielt die deutsch sprechende Omi, die schon schlechte Erfahrungen mit dem Krampus gemacht hat.

Die Horrorkomödie „Krampus“ aus dem Jahr 2015. Das Gruselwesen sucht eine zerstrittene Familie heim

©Universal

Im Episoden-Horrorfilm „A Christmas Horror Story“ ist dieser ebenso vertreten wie in der düsteren Serie Grimm. In der mäßig lustigen Animationsserie „American Dad!“ treibt ein verzogener Bub einen rappenden Krampus zur Verzweiflung. Das Kind will sich partout nicht fürchten, obwohl es in einen Unterschlupf verschleppt wird, in dem Haushaltsgegenstände wie bei „Die Schöne und das Biest“ singen.

Die Comic-Figur Hellboy muss in dem Band „Krampusnacht“ aus dem Jahr 2018 auch gegen eine Alpen-Schreckgestalt antreten. Hellboy selbst ist ein rothäutiger Teufel, der vom russischen Mystiker Rasputin im Auftrag der Nazis beschworen wurde, jedoch gegen das Böse kämpft. In „Krampusnacht“ muss er 1975 ins verschneite Salzburg. Dort begibt er sich auf die Spur des Krampus, dessen Existenz der Held bezweifelt.

Hellboy muss im Comic nach Salzburg, um das Unwesen zu finden. 

©Hersteller

In der Graphic Novel „Krampus!“ wird dieser selbst zum Held. Weil seine Methoden aus der Mode gekommen sind, war er lange eingesperrt. Er wird aber freigelassen, um zu erforschen, warum die gute Geheimgesellschaft der Santa Clause ihre Superkräfte verloren hat.

Krampus in the City

Im realen Leben in Chicago gibt es etwa das Krampusfest, das Beauchamp ins Leben gerufen hat. Hier kredenzt man Glühwein und Kekse, während Krampusse vorbeilaufen. Auch Städte wie Washington, D.C. oder Philadelphia bekommen mittlerweile Besuch von den zotteligen Wesen. Und auf Treffen von Fantasy-Fans sind sie neben Monstern unterschiedlicher Art vertreten.

Womöglich hat auch Christoph Waltz nicht unbeträchtlichen Anteil daran. Der Schauspieler erklärte US-Fernsehzuschauern 2014 die österreichischen Adventbräuche. Damit hat er einigen vielleicht sogar einen Schrecken eingejagt. „Es ist ein katholisches Land, es funktioniert über Traumatisierung“, sagte er in der Talkshow von Moderator Jimmy Fallon. „Krampus kommt mit einem Stock und einem Sack. Wenn man nicht brav war, wird man in den Sack gesteckt und geschlagen.“

In den Bergen gebe es auch eine Tradition, die aus dem Mittelalter stamme, erklärte der in Wien geborene Oscar-Preisträger. Dabei legen sich junge Männer Schaffelle um und setzen furchteinflößende Masken aus Holz auf. „Sie betrinken sich zuerst und rennen, stürmen dann durchs Dorf, wie die Reiter der Apokalypse“, sagte Waltz zum überraschten Moderator. „Sigmund Freud war Österreicher, das darf man nicht vergessen“, fügte Waltz hinzu.

In tiefste Abgründe der menschlichen Seele führt auch die düstere Sky-Erfolgsserie „Der Pass“. Nicholas Ofczarek jagt in der ersten Staffel als verkommener, korrupter und versoffener Inspektor Gedeon Winter einen sogenannten Krampus-Killer (der aber einem Perchten ähnelt). Dem Mörder mit geschnitzter Maske missfällt es, dass die Menschen von der Natur abgekommen sind und bestraft sie. Je mehr sich Inspektor Winter mit dem bösen Krampus beschäftigt, umso gesünder und anständiger wird er selbst.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle befassen. Also mit allem, was schön ist und Spaß macht. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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