Filmstarts

Kenneth Branaghs Erinnerungen: Die Stadt, die Unruhen und die liebe Familie

Kenneth Branagh erinnert sich in „Belfast“ an seine Kindheit und die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten.

Von Susanne Lintl

Plötzlich fliegen Pflastersteine. Ein Auto gerät in Brand. Schreiende, wütende Männer ziehen durch die Straße, in der eben noch die Kinder ausgelassen spielten. Panisch läuft Buddys Mutter hinaus und holt ihren Buben ins Haus. Versteckt ihn unter dem Küchentisch. Eilt noch einmal hinaus, um ihren zweiten Sohn zu suchen.

Mitten in die Unruhen in Belfast Ende der sechziger Jahre katapultiert einen diese Wucht von einem Film des gebürtigen Nordiren Kenneth Branagh. Hinein in die „Troubles“, wie die Nordiren die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten nannten. Eine dunkle Zeit, die das Zusammenleben von Katholiken und Protestanten auf der Insel nachhaltig erschütterte. Es sollte viele Jahrzehnte dauern, bis wieder Frieden und Versöhnung zwischen den Volksgruppen möglich war. Erst 1998 wurde mit dem Karfreitagsabkommen der Konflikt beigelegt.

"Belfast": Kosmos einer Kindheit in den 60er Jahren

©UPI/Focus Features

Kenneth Branaghs Erinnerungen sind nicht bestimmt von der Gewalt und Unversöhnlichkeit, die seine Stadt damals prägten. Er erzählt hoffnungsvoll aus der Sicht des neunjährigen Kindes, das er damals war. Des kleinen Buben, für den das Leben ein einziges Abenteuer war. Buddy kennt keinen Unterschied zwischen seinen katholischen und protestantischen Freunden. Er, der Bub aus einer protestantischen Familie, mag sie, so wie sie sind. Dass plötzlich überall Absperrungen errichtet werden, versteht er nicht.

Kinoliebe

Am liebsten geht er mit seiner Großmutter ins Kino. Buddy liebt – ganz zukünftiger Filmemacher – die Welt des Kinos. In präzisen Schwarz-Weiß-Bildern fängt Branagh diesen Belfaster Kosmos seiner Kindheit ein und kann sich dabei auf eine großartige Schauspielerriege verlassen: Herausragend Jude Hill als Buddy – eine wahre Entdeckung in seiner kindlichen Unbeschwertheit und Neugier auf die Welt.

Autofiktion: Kenneth Branaghs Kindheitserinnerungen "Belfast"

©UPI/Focus Features

Großartig auch Judi Dench als Großmutter, die ihren Enkel vor allem Bösen da draußen abschirmt. Dench, stolze 87, ließ sich von Branagh das Script vorlesen, da sie schon so schlecht sieht. Natürlich sagte sie ihm, als er fertig gelesen hatte, sofort zu. Jamie Dornan und Caitriona Balfe als Buddys Eltern sind ebenfalls eine Klasse für sich.

Beeindruckend, wie Branagh eine traurige Geschichte so kurzweilig und unterhaltsam aufzubereiten imstande ist. Die Musik von Van Morrison tut ein Übriges, um die Lebensfreude der Iren trotz aller Widrigkeiten des Trouble-Alltags einzufangen. Ein würdiger Oscar-Favorit.

INFO: GB 2021.98 Min. Von Kenneth Branagh. Mit Jude Hill, Lewis McAskie, Caitriona Balfe.

Kommentare