Scarlett Johansson als Schauspielerin, die in einer staubigen Western-Kleinstadt hängen bleibt: „Asteroid City“ von Wes Anderson

Filmkritik zu Wes Andersons "Asteroid City": Im Schatten des Atompilzes

Wes Andersons melancholische Sci-Fi-Komödie im staubigen Western-Setting erzählt von Theaterbühnen in New York und einer Alien-Invasion in der Wüste

Er habe das seltsame Gefühl, so Wes Anderson in einem Interview, dass man seinen Film „Asteroid City“ zweimal sehen müsse, um ihn vollständig genießen zu können.

Bei Brian De Palma hat es funktioniert, und nicht nur bei ihm: Tatsächlich gewinnt „Asteroid City“ beim zweiten Mal Ansehen enorm. Es ist, als würde man eine Platte noch einmal abspielen und all die Zwischentöne, die man beim ersten Mal überhört hat, in ihrer Schönheit entdecken.

Doch es funktioniert auch beim ersten Mal. Andersons Stil hat mittlerweile so hohen Wiedererkennungswert, dass er längst auf TikTok zirkuliert. Der Regisseur ist berühmt für seine sorgfältig konstruierten Bilder, die er, symmetrisch und farblich bis ins kleinste Detail perfekt ausgeklügelt, zu gewitzten Tableaus arrangiert und mit lakonischem Humor versiegelt. Ebenfalls signifikant seine gut wiedererkennbare Star-Besetzung: Zum fixen Anderson-Ensemble zählen Jason Schwartzman, Tilda Swinton, Adrian Brody und Bill Murray. Diesmal stießen Scarlett Johansson, Tom Hanks und Margot Robbie dazu.

Auch „Breaking Bad“-Bryan Cranston hat einen prägnanten Auftritt: Er spielt einen Fernsehhost, der im September 1955 sein TV-Publikum hinter die Kulissen eines neuen Theaterstücks blicken lässt, das in Schwarzweiß-Bildern in New York an der Ostküste entsteht.

Bryan Cranston als Fernseh-Moderator: "Asteroid City" von Wes Anderson

©Courtesy of Pop. 87 Productions//UPI

Tagung der Sternengucker

Das Stück selbst findet dann im Westen der USA statt – im sandfarbigen Pastell-Setting einer fiktiven Wüstenstadt namens Asteroid City und deren liebevoll nachgebauten Kulissen. Dort hat sich eine Gruppe von Schülern und Eltern in einem Motel zu einer Tagung für „Sternengucker und Weltall-Kadetten“ eingemietet. Allen voran Jason Schwartzman als Kriegsfotograf, der seinen vier Kindern beibringen muss, dass ihre Mutter gestoben ist. Ihre Asche trägt er in einer Tupper-Dose mit sich herum und sucht nach einem passenden Begräbnisort. Sein Schwiegervater – der sonore Tom Hanks – eilt ihm zu Hilfe.

Im Motelzimmer gegenüber wohnt eine Schauspielerin namens Midge – die famose Scarlett Johansson – mit ihrer Tochter. Sie beginnt einen wortkargen Flirt mit ihrem Nachbarn, der nervös an seiner Pfeife saugt. Als plötzlich ein Alien landet, wird über die Kleingruppe in der Wüste eine Militär-Quarantäne verhängt. Im Hintergrund explodieren die Atompilze, während die ratlosen Eltern versuchen, ihren um einiges viferen Kindern die Welt zu erklären.

Jason Schwartzman und Tom Hanks: "Asteroid City"

©Courtesy of Pop. 87 Productions//UPI

Anderson schiebt seine flachen Bilder wie Theaterkulissen hin und her. Sein Interesse gilt der amerikanischen Nachkriegszeit der 50er-Jahre, ihrer (ver-)blühenden Theaterkultur an der Ostküste und ihren filmreifen Kinokulissen imn Westen der USA.

Allein als sorgfältig komponierte Abziehbilder würden Andersons melancholische Oberflächen wunderbar funktionieren: Jeder seiner Blickwinkel bietet eine faszinierende Wunderkammer an visuellen Einfällen. Aber Andersons künstliche Vintage-Welt ist mit einer existenziellen Komik unterfüttert, die mehr freilegt als nur formschöne Fassaden. „Du kannst nicht aufwachen, wenn du nicht einschläfst“, singt Jarvis Cocker. Eine leise Depression schwebt über Asteroid City und ihren somnambulen Besuchern. Sie erzählt von der Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es so nie geben hat, aber deren Verlust die Figuren in ihrer Welt gefangen hält.

INFO: USA 2023. 104 Min. Von Wes Anderson. Mit Jason Schwartzman, Scarlett Johansson.

Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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