Cecilia Bartoli: "Wir können viel über Freiheit lernen"

Sie gilt als eine der besten Mezzosopranistinnen und tritt demnächst erstmals an der Wiener Staatsoper auf: Für Cecilia Bartoli geht damit ein Traum in Erfüllung.

Ihr strahlendes Gesicht kann man förmlich vor sich sehen – selbst wenn man nur ihre fröhliche Stimme hört, die selbst beim Sprechen leicht singt und nur durch herzliches Lachen unterbrochen wird. Für das Interview erreichen wir Cecilia Bartoli telefonisch in der Schweiz, wo sie lebt und von wo aus sie oft nach Salzburg (sie leitet seit 2012 die Salzburger Pfingstfestspiele) sowie künftig auch nach Monaco reisen wird. 

Ab dem Jahr 2023 übernehmen Sie die Leitung des Opernhauses in Monte-Carlo. Sind Sie schon aufgeregt?
Cecilia Bartoli: Ja! Ich freue mich sehr, das ist eine neue Herausforderung.
Wohl auch, weil es eine Gegend mit recht anspruchsvollem Publikum ist. Wie kann man dieses denn begeistern?
Zum einen ist die Lage des Hauses faszinierend, es liegt am Meer und man hat so eine herrliche Aussicht. Aber auch die Geschichte ist sehr interessant. So viele große Sänger waren hier, denken wir etwa an Enrico Caruso oder Renata Tebaldi. Auch Komponisten kreierten Musik für dieses Opernhaus, etwa Maurice Ravel. Je mehr ich über das Haus erfahre, desto mehr erkenne ich auch die Bedeutung des Balletts, all die großartigen Tänzer waren hier. Ich finde das alles faszinierend, doch möchte ich die Leitung der Salzburger Pfingstfestspiele zusätzlich behalten, weil das wirklich ein Juwel ist. Das klappt zeitlich, weil die Saison in Monaco viel kürzer ist – sie startet im November und endet Ende März.

„Il turco in Italia“ wird demnächst auch an der Wiener Staatsoper gespielt werden.

©©2022 - alain hanel - omc
Sie sind die erste Frau an der Spitze dieses geschichtsträchtigen Hauses, generell gilt die Opernwelt als Männerdomäne. Spüren Sie das?
Ja, aber ich denke, Dinge ändern sich. Doch die wahre Veränderung wird erst dann eintreten, wenn es generell kein Thema mehr ist, ob eine Frau oder ein Mann an der Spitze steht. Solange wir darüber nachdenken, dominieren immer noch die Männer.
Unterscheiden sich Männer und Frauen inhaltlich und strategisch bei so einer Leitungsrolle?
Ich weiß es noch nicht. Ich hatte bisher stets Männer als Direktoren, nach einem Jahr in Monte-Carlo kann ich das besser beantworten. Was ich aber als wesentlich empfinde: eine gute Atmosphäre zu schaffen. Die Oper muss eine Art Familienzentrum sein, auch für die, die hier arbeiten. Jeder ist wichtig und jeder sollte jedem helfen. Das ist nicht überall der Fall. Die Oper in Monte-Carlo ist auch sehr klein, wir sind nur rund 25 Personen, da ist es leichter. Wir kennen uns alle. In einem großen Haus ist das anders, in der Metropolitan Oper in New York zu sein, ist zwar prestigeträchtig, aber mit 1.000 Menschen die dort arbeiten, ist es schwer, eine familiäre Atmosphäre zu erschaffen. Ich habe mehrmals an der MET gesungen, bei Mozart- oder Rossini-Produktionen, und kann sagen: Es ist so groß, da fühlt man sich manchmal verloren. Wichtig bei großen Bühnen ist, dass man den Raum gut mit dem Repertoire nutzt, denn sonst ist es zu groß und man verliert den Kontakt zum Publikum.
Es gibt noch eine Neuheit: Sie singen demnächst erstmals in Wien an der Staatsoper.
Ja, es ist unglaublich. Ich habe schon so oft in Wien gesungen, im Musikverein, sicher 25 oder 30 Male. Aber noch nie an der Staatsoper, jetzt nach 35 Jahren meiner Karriere ist es soweit und ich freue mich riesig darauf.
Wieso kommt es erst jetzt dazu?
Der damalige Direktor Ioan Holender und ich hatten, wie soll ich das sagen, vielleicht nicht die richtige Chemie miteinander.
Mit Bogdan Roščić  aber schon?
Ja, wir sprachen darüber, dass wir Rossini in Wien feiern sollten. Denn so viele lieben seine Musik, die junge wie die ältere Generation. Überall, wo er hinkam, drehten die Leute durch. Also kamen wir auf die Idee zu einem Rossini-Festival, mit Aschenputtel oder „Il turco in Italia“. Ich freue mich sehr darauf.
Sie sind einmal als Conchita Wurst aufgetreten, mit einem Bart.(lacht)
Ja. Sehen Sie, ich bin doch auch ein Mann! Für uns alle war das eine Überraschung. Ich sang „Ariodante“ in Salzburg, das ist ein männlicher Charakter. Man wollte mich in einem männlichen Erscheinungsbild, also klebten wir einen Bart auf – ab diesem Moment war das der Spaß des Monats, dass ich wie Conchita aussehe. Aber das Ganze hat auch einen geschichtlichen Hintergrund, es ist nämlich Teil des Barocks, wenn Männer weibliche Charaktere darstellen. Farinelli etwa sang Cleopatra. In der Barockzeit hatte man da viel mehr Freiheiten.

Bartoli im Conchita-Look bei den Salzburger Pfingstfestspielen 2019.

©APA/MONIKA RITTERSHAUS/APA/Salzburger Festspiele/MONIKA RITTERSHAUS
Meinen Sie,  das ist etwas, das wir aus dem Alten für das Neue lernen können?
Oh, ja. Wir können daraus viel lernen über Freiheit in der Art des Auftritts. Im Barock gibt es noch ein wesentliches Element: Improvisation. So wie man es in der Jazzmusik oft erlebt. Auch das gibt einem Freiheit. Man braucht starke Musik, um Improvisation überhaupt möglich zu machen, und eine gute Ausbildung. Im 18. Jahrhundert haben Sänger nicht nur gesungen, sie konnten oft auch mehrere Instrumente spielen und Musik komponieren. In der Romantik ist vieles vorgegeben. Auf der einen Seite ist das gut, weil es eine klare Struktur gibt, doch auf der anderen Seite verliert man dadurch Freiheit.
Ob Barock oder Romantik: Die große Oper braucht immer eine große Inszenierung, was braucht man dafür?
Einen Regisseur, der die Menschen entdecken lässt und ihnen eine neue Dimension des Stücks eröffnet. Wenn man es schafft, das Publikum zum Nachdenken zu bringen. Gerade das kann Oper einem geben: Gedanken miteinander zu teilen. Das ist Nahrung für die Seele.
Was ist mit Glamour? Auch das fasziniert das Publikum.
Schon, aber Glamour ist heutzutage überall – in der Mode, in der Technik, in der Gesellschaft. Wir sind in der Oper Performer und stehen zwischen Komponist und Publikum. Wir müssen also lesen und verstehen, was der Komponist im Sinn hatte. Wenn man Mozart hört, denkt man sich, das ist nicht von einem Menschen gemacht, sondern von Gott. Das ist keine menschliche Dimension, sondern wie von einem anderen Planeten.
Brauchen wir in Zeiten von Krisen mehr Stücke mit Optimismus?
Ja, wir haben das in Salzburg gesehen: Beim „Barbier von Sevilla“ von Rossini, es ist eine komische Oper, explodierten die Emotionen beim Publikum. So eine Art von Oper gibt einem das Gefühl, das Leben kommt wieder zurück. Es war überwältigend.
Was geben Sie jungen Menschen mit, die in die Opernwelt einsteigen möchten?
Nicht über die Karriere nachzudenken, das ist nämlich etwas, das sein  kann, aber nicht unbedingt kommen muss. Der Grund für so einen beruflichen Weg muss immer die Leidenschaft zur Musik sein. Will man reich sein, sollte man Popstar werden. (lacht)
Auch das persönliche Glück kann reich machen. Wie ist das in Ihrem Leben, wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Mit meiner Familie zu Hause zu sein, das mag für manche Menschen langweilig klingen (lacht), für mich ist es Luxus! Simple Dinge machen mich glücklich. Wir reisen so viel. Daheim zu sein, zum Markt zu gehen, frische Lebensmittel zu kaufen und sie dann anschließend auch zu kochen ist für mich ein Genuss.
Ihr Lieblingsgericht?
Jedenfalls saisonal, Gemüse und natürlich Pasta – eh klar. 

Zur Person

Cecilia Bartoli wurde 1966 in Rom geboren, ihre Eltern waren Opernsänger. Ihren ersten Auftritt hatte sie in Puccinis Tosca als Neunjährige, der internationale Durchbruch gelang 1988 an der Pariser Oper bei einer Hommage an Maria Callas. Seit 2012 leitet sie die Salzburger Pfingstfestspiele, ab 2023 auch das Opernhaus in Monte-Carlo.   

Marlene Auer

Über Marlene Auer

Chefredakteurin KURIER-freizeit. War zuvor Chefredakteurin bei Falstaff und Horizont Österreich, werkte auch als Journalistin im Bereich Chronik und Innenpolitik bei Tages- und Wochenzeitungen. Studierte Qualitätsjournalismus. Liebt Medien, Nachrichten und die schönen Dinge des Lebens.

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