Im Bild links: Clarence Birdseye (1886–1956) ist so etwas wie der Vater des Tiefkühlens

7 Euro Investitionsvolumen: So begann das große Eis-Geschäft

Mit einer Vision und einem Investitionsvolumen von 7 Euro beginnt diese Geschichte vor 101 Jahren und endet mit den modernen Gefriergeräten, die heute unseren Küchenalltag erleichtern.

„Nach einer Weile gewöhnt man sich daran – genau wie an Mückenstiche.“ So lapidar äußerte sich Clarence Birdseye über die Erfrierungen, die er sich im Lauf der Zeit und im Rahmen seiner Arbeit zuzog. Vor 101 Jahren – 1923 – entwickelte der US-amerikanische Naturforscher, Pelzhändler und  Unternehmer eine Anlage zum Schockgefrieren. Wenige Jahre später stellte er den ersten Plattenfroster vor, der die industrielle Tiefkühlung ermöglichte. Damit steht  Birdseye am Beginn einer der größten Innovationen der Neuzeit, um  Lebensmittel für lange Zeit haltbar zu machen – und das allein durch Kälte und ohne weitere Konservierungsstoffe.  

Schnell wie der Wind

Die Idee kam Birdseye bei einer seiner Forschungsreisen, die ihn im Auftrag der US-Regierung auch nach  Neufundland führen sollten. Dort beobachtete er, dass die Inuit die Fische, die sie aus dem Meer geholt hatten, in den eisigen, bis zu minus 45C kalten Wind  hängten, wo sie in wenigen Augenblicken steif froren und lagerfähig wurden.

Was Birdseye besonders beeindruckte: Selbst wenn Monate vergangenen waren, hatten die derart schockgefrorenen Fische nach dem Auftauen nichts an Geschmack und Qualität eingebüßt – ganz im Gegensatz zu den langsam eingefrorenen Lebensmitteln, die er kannte. (Der Grund dafür war, dass  das schnelle Tieffrieren  nicht zulasten der Zellstruktur der Fische ging – mehr dazu später.) Wieder zu Hause, in einem Vorort von New York City, machte er es sich zur Aufgabe, die arktische Kälte künstlich nachzubilden. 

Clarence Birdseye, der 1929 mit dem ersten Plattenfroster zur industriellen Tiefkühlung an die Öffentlichkeit ging

©AFfi

Das Schnellgefrieren habe ich nicht entdeckt. Die indigenen Völker in arktischen Gebieten hatten es jahrhundertelang genutzt.

Clarence Birdseye

Das Investment für den ersten Prototypen konnte er sich 1923 wohl selber finanzieren – für die benötigten Materialien gab er nur sieben Dollar aus. Doch damit erfand er in seiner Küche das Kontaktgefrierverfahren, indem er, grob gesagt, ein Lebensmittel zwischen zwei Metallplatten legte, durch die ein Kältemittel floss.  

Eisblock

Eisblock

Das Kühlen und Frieren im großen Stil  zählt heute zu den wichtigsten Methoden zur Haltbarmachung von Nahrung. Für die Anfänge sorgte Frederic Tudor aus Boston, der im 19. Jahrhundert mithilfe von Natureis (abgebaut von zugefrorenen Seen) Fisch, Fleisch, Milch und mehr  in Kühlräumen zwischenlagerte. Ab 1805 startete der Amerikaner einen globalen Handel und lieferte Eis bis nach Kalkutta.

Bis heute werden beim industriellen Schockfrosten Lebensmittel bei etwa minus 40 Grad Celsius innerhalb von Minuten tiefgefroren. Dabei dehnt sich das  in der Nahrung enthaltene Wasser aus und bildet zwischen den Zellwänden nur winzige Eiskristalle, die  die Zellstruktur des Lebensmittels  nicht wie beim langsamen Frieren zerstören und  auch nicht den Geschmack beinträchtigen. Als findiger Unternehmer war es dann auch Birdseye, der auf die Idee kam, gefrorenes Essen in praktischen Haushaltspackungen zu produzieren. 

Was seine Leistung betraf, zeigte er sich bescheiden: Das Schnellgefrieren an sich habe er ja nicht erfunden, die Inuit hätten es  schon   jahrhundertelang zuvor gemacht und Wissenschafter in Europa hätten zu seiner Zeit auch ähnliche Experimente durchgeführt. „Was ich erreicht habe, besteht lediglich darin, verpackte, schnell gefrorene Lebensmittel der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, so Birdseye. Damit legte er aber  den Grundstein für eine globale Industrie und veränderte langfristig auch die Ausstattung privater Haushalte und Küchen.

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In den meisten Haushalten haben sich Kühl-Gefrier-Kombinationen eingebürgert – wie etwa Geräte von Bosch oder Haier (siehe Abbildung). Stand-Alone-Gefrierschränke gibt es zum Beispiel bei Liebherr

©Hersteller

Heisshunger

Tiefkühlkost eröffnet die Möglichkeit, Lebensmittel  unabhängig von Saisonalität  und Jahreszeit  zu konsumieren. Greift man hier auch noch zu Fertiggerichten, verkürzt sich zudem die Kochzeit. Für viel beschäftigte Familien sind das – damals wie heute – gute Argumente, um Gefrorenes mit nach Hause zu nehmen. Infolge war auch das Interesse – nach anfänglichem Zögern – groß, TK-Produkte auf Vorrat zu kaufen und diese bis zum Verzehr  in eigenen Gefriergeräten  zu lagern. Die ersten Tiefkühltruhen – ihre  Erfindung im Jahr 1930 wird  dem deutschen Ingenieur Carl von Linde zugeschrieben – zogen zunächst in  landwirtschaftlichen Haushalten ein, wo vor allem die Produkte aus der eigenen Schlachtung gelagert worden sind. 

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Fischstäbchen

Fischstäbchen

Die Idee  stammt ursprünglich aus Großbritannien: In den 1950ern war der Fleischhunger  groß, aber kaum zu stillen. Wovon die Insel aber reichlich hatte, war  Fisch. Um diesen gerade Kindern schmackhaft zu machen, wurde er in handliche Stäbchenform geschnitten, paniert und als „Fish Fingers“ verkauft. Heute werden allein in Österreich jährlich 3.500 Tonnen Fischstäbchen verzehrt. 

Da die Geräte immer noch sehr teuer in der Anschaffung waren, formierten sich in den Dörfern in den 1950ern Gefriergemeinschaften. Damit hatten auch Haushalte, die sich keine eigene Truhe  leisten konnten, die Chance zum Tiefkühlen. 1957 besaßen laut dem Forum OÖ Geschichte immerhin schon etwa acht bis neun Prozent der österreichischen  Haushalte einen Kühlschrank. Ab den 60ern und vor allem dann ab den 70ern sieht man auch immer öfters Tiefkühlfächer und -schränke.  

Pizza

Pizza

Den Celentano-Brüdern, die in New Jersey/USA ein italienisches Spezialitätengeschäft führten, wird zugeschrieben, 1957 die erste Tiefkühlpizza  in größerer Stückzahl auf den Markt gebracht zu haben. Österreich war ein Spätzünder: So führte Iglo die TK-Pizza erst 1971 ein – da hatte das Unternehmen schon drei Jahre zuvor die gefrorenen Germknödel unter das Volk gebracht.

State of the Art

Seitdem haben sich diese  Haushaltsgeräte immer weiter entwickelt, arbeiten immer energieeffizienter und spucken so manches Mal auch auf Knopfdruck Eiswürfel aus. Kommt dabei auch noch die No-Frost-Technologie zum Einsatz, kann Vereisungen und der Notwendigkeit des Abtauens vorgebeugt werden, da die Luftfeuchtigkeit dank eines Umluftsystems aus dem Tiefkühler abgeführt wird. 

Geräte können aber auch mit der Abtau-Automatik arbeiten, die  zum Greifen kommt, wenn sich bereits Eis gebildet hat: Hinter den Seitenwänden des Geräts gelegen, schalten sich  regelmäßig Heizstäbe ein und bringen die dünne Eisschicht an den Wänden zum Schmelzen, bevor sie sich  festsetzt. Ein Tipp bei  einer Neuanschaffung: Seit März 2021 werden Geräte in Energieklassen von A (=höchste Effizienz) bis G eingeteilt. Die alte Kennzeichnung (A++, A+++, etc.) gibt es nicht mehr.

 Erbsen

Erbsen

Beim umgangssprachlichen „Erbsenzählen“ mögen sie für etwas Kleines, wenig Wertvolles stehen, im Tiefkühlregal gehören Erbsen aber zu den großen Klassikern. Die gefrorene Variante hat dabei oft eine intensivere Farbe als die frische vom Feld. Denn vor dem Einfrieren werden Erbsen kurz mit heißem Dampf oder kochendem Wasser blanchiert. Das heiße Wasser verstärkt dabei die natürliche grüne Farbe.  

Kein Erstarren

Seit der Erfindung der ersten Anlage zum Schockgefrieren bis zu den Gefriergeräten von heute  ist in den vergangenen 101 Jahren viel geschehen. Der Mann, der den Stein (mit) ins Rollen  brachte, Clarence Birdseye,   blieb Zeit seines Lebens ebenfalls rastlos. Bis zu seinem Tod 1956 meldete er rund 300 Patente an, die meisten im Bereich der Tiefkühlkostindustrie. Zum Patent meldete er aber auch eine spezielle Technik für das Trocknen von Lebensmitteln an, ebenso wie eine rückstoßfreie Harpune für den Walfang, eigene Holzmühlen, Glühbirnen oder Infrarotheizungen. Das ständige Sprudeln seiner Gedanken und Ideen konnte eben nichts aufhalten – keine Kälte, kein Eis und auch keine Erfrierungen.

Tipps und Tricks rund ums Einfrieren

Gefriergeräte, die an einem ungünstigen Standort stehen, werden mitunter zum Energiefresser bzw. arbeiten nicht effizient. Die Raumtemperatur sollte mindestens bei 10° C liegen. (Für die Küche ist diese Info wohl weniger relevant, aber so manche Tiefkühltruhe findet ja ihr Zuhause in der Garage oder im Keller.)  Zudem sollte das Gerät nie direkt neben einer Wärmequelle wie Ofen oder Heizung stehen. Und: Für ausreichend Belüftung von hinten oder an der Seite sorgen! 

Was den laufenden Betrieb betrifft, gibt es vom Deutschen Tiefkühlinstitut Tipps, darunter diese:  

  • Gefriertemperatur:  –18 Grad Celsius sind für Tiefkühl-Lebensmittel ideal. Dann kommen  die  Zellaktivitäten im Lebensmittel, die sonst zum Verderb führen würden, zum  Stillstand.
  • Abtauen und reinigen: Sofern nicht anders vom Hersteller angegeben, sollte der Tiefkühler ein- bis zweimal im Jahr abgetaut werden,  spätestens  wenn die Eisschicht dicker als drei Millimeter ist. Nur dann kann das Gerät effektiv und stromsparend arbeiten. Tipp: Zum Abtauen Schüsseln mit heißem Wasser in den leeren Gefrierschrank stellen. Nachdem das Eis entfernt worden ist, das Gerät mit Spülmittellösung reinigen, mit Essigwasser auswaschen und dann gut trocken reiben.
  • Essenszubereitung: Während Gemüse direkt vom Gefriergerät in die Pfanne wandern kann, sollten Fleisch, Geflügel und Fisch zuerst im Kühlschrank zwischengelagert werden, um langsam aufzutauen. Erst dann weiterverarbeiten!
Belinda Fiebiger

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