Worte, Sex, Geschenke: Was ist eure Liebes-Sprache?

Wertschätzung zeigen: Wie ein 30 Jahre alter Klassiker aus der Paartherapie zum (pop-)kulturellen Phänomen wurde.

Als der US-Pastor Gary Chapman frisch verheiratet war, bemerkte er, dass es in seiner Beziehung immer öfter zu Konflikten kam. Er sagte seiner Frau zwar mehrmals am Tag, wie sehr er sie liebte; sie aber wollte nur wissen, warum er ihr dann nicht mehr im Haushalt helfen würde.

Dies war sein Aha-Erlebnis, sagte Chapman, mittlerweile 84 Jahre alt, vor Kurzem in der New York Times. Während er selbst seine Liebe durch blumige Worte zum Ausdruck brachte – so, wie er es als Kind gelernt hatte –, demonstrierte seine Frau ihre Wertschätzung durch Hilfsbereitschaft. Und erwartete das in Folge auch von ihrem Partner. Die beiden liebten einander, sprachen aber eine andere Sprache.

Wie Chinesisch

Jahre später, im Oktober 1992, brachte der studierte Anthropologe und langjährige Paartherapeut in einer Kirchengemeinde seine Beobachtungen zu Papier. „Die fünf Sprachen der Liebe“ verkaufte sich schleppend und wurde erst langsam zum Bestseller. Heute gilt das Buch mit 20 Millionen verkauften Exemplaren als Standardwerk der Paartherapie.

Chapman beschreibt darin fünf Arten, in einer Beziehung Liebe und Wertschätzung auszudrücken (siehe unten). Seine Theorie: Wer möchte, dass sich sein Partner geliebt fühlt, muss dessen Liebes-Sprache kennen – und sprechen. Er vergleicht sie mit unterschiedlichen Muttersprachen und schreibt in der Einleitung: „So sehr Sie sich auch bemühen, Ihre Liebe auf Englisch auszudrücken – wenn Ihr Partner nur Chinesisch versteht, werden Sie nie wissen, wie Sie einander lieben sollen.“

Die 5 Sprachen der Liebe

Nach Gary Chapman:

  • Lob und Anerkennung Komplimente, Dank in Form von Worten
  • Zeit zu zweit gemeinsame Unternehmungen („Quality Time“)
  • Geschenke, die von Herzen kommen
  • Hilfsbereitschaft „Was kann ich dir Gutes tun?“
  • Zärtlichkeit Umarmungen, Sex, Streicheleinheiten 

Unter Paartherapeuten ist das Konzept umstritten. Die Einteilung basiert auf den empirischen Beobachtungen eines Einzelnen, der nicht einmal Psychologie studiert hat, kritisiert die bekannte Psychologin Julie Gottman. Wissenschaftliche Belege fehlen; zudem ließen sich Menschen nicht einfach so in fünf „oberflächliche, starre“ Kategorien pressen.

Erst kürzlich zeigte eine Studie aus Polen jedoch: Paare sind glücklicher, wenn beide Partner dieselbe Sprache sprechen. Das ist aber selten der Fall, weiß Beziehungscoach Alexandra Marko-Hinteregger von ihrer Arbeit mit Paaren. „Intuitiv geben wir Liebe so, wie wir sie bekommen möchten. Welche Sprache wir sprechen, hat mit Erziehung und Persönlichkeit zu tun“, erklärt sie. „Die meisten haben nicht eine, sondern zwei der fünf Liebes-Sprachen.“

Die Sprache des anderen könne man – wie eine Fremdsprache – lernen. „Wenn das gelingt, wird die Beziehung gestärkt“, sagt die Expertin. Wer etwa weiß, dass der andere seine Liebe über Zärtlichkeiten ausdrückt, kann öfter seine Hand halten. „Die Liebe ist oft da“, sagt Marko-Hinteregger, „sie kommt eben nur nicht an“.

Internet-Hype

Obwohl noch nicht auf der Welt, als das Buch erschien, entdeckt nun auch die junge Generation das Konzept für sich. Popstar Ariana Grande widmete ihrer „Love Language“ ein Lied, im Netz machen Memes à la „Tacos sind die sechste Liebes-Sprache“ die Runde. Und auch in TV-Kuppelshows hört man immer öfter die Frage: „Was ist eigentlich deine Love Language?“

„Ich denke, dass die fünf Kategorien unsere heutige Lebenswelt ganz gut abbilden“, sagt Paarcoach Marko-Hinteregger. „Nur, dass man Lob und Anerkennung inzwischen vielleicht eher über Whatsapp ausdrückt.“

Gary Chapman gab sich im Gespräch mit der New York Times überrascht vom Comeback seiner Love Languages. Er selbst habe über die Jahre gelernt, die Sprache seiner Frau zu sprechen. Vergangenes Jahr feierten sie den sechzigsten Hochzeitstag.

Julia Pfligl

Über Julia Pfligl

Seit 2014 beim KURIER, Ressort Lebensart

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