Wie ein Transmann sich selbst und seine große Liebe fand

Ricardo Föger wuchs als Mädchen in einem Tiroler Dorf auf. Nach einer Geschlechtsanpassung heiratete er seine Jugendliebe.

Miriam und Ricardo Föger kennen einander, seit sie denken können. Sie lebten im selben Dorf, ihre Eltern waren beste Freunde. „Ich hatte immer Herzen in den Augen, wenn ich sie gesehen habe“, erinnert sich der 33-Jährige. „Aber ich wusste, dass ich keine Chance bei ihr hatte, weil sie auf Männer stand.“

Denn Ricardo Föger hieß damals noch Anja, fühlte sich aber immer schon zu Mädchen hingezogen. Anja wuchs in den Neunzigern im kleinen Ort Silz im Tiroler Oberinntal auf und wusste schon als Kind, dass sie nicht dem gängigen Mädchenklischee entsprach. Im Kindergarten wollte sie die männliche Rolle übernehmen, Fußball und mit Autos spielen.

„Dass ich auf die Mädchentoilette gehen musste, war für mich damals schon irritierend“, erzählt Ricardo. „In der Pubertät habe ich endgültig realisiert, dass ich nach außen nicht der Mensch sein kann, der ich innen immer schon war.“

Ricardo als Anja, bei der Erstkommunion in Tirol

©Privat

Doch Anja entschied sich, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und die Rolle der Frau zu spielen. „Ich habe mich selbst verleugnet, um der Gesellschaft zu gefallen“, weiß Ricardo heute. Ein Versteckspiel, das Föger fast das Leben gekostet hätte.

Umwandlung

Mit 26 wurde der körperliche und seelische Leidensdruck zu groß. „Irgendwann stand ich am Schießstand und wollte alles beenden. Ich hatte einfach keine Kraft mehr", erinnert sich Föger. "Dann hat meine Mama am Telefon gesagt, dass es nichts gibt, worüber wir nicht reden können. Und da hat sich mein Leben um 180 Grad gedreht.“

Anjas Transition zu Ricardo nahm ihren Lauf. Auf eine Hormontherapie, die Stimme und Aussehen männlicher werden ließ, folgte die Entfernung von Brüsten, Gebärmutter und Eierstöcken. Doch Ricardo wollte auch seine Sexualität wie ein Mann leben. Nach langer Suche und einem Kredit von der Bank fand er schließlich einen Arzt in Deutschland, der ihm einen Penis aufbauen konnte.

Auch in der Liebe schien es bergauf zu gehen: Mit seiner Freundin wollte Ricardo sogar ein Haus bauen. Doch die Beziehung scheiterte, er kehrte nach Silz zurück.

Und lief Miriam über den Weg, deren Ehe ebenfalls kriselte.

Ricardo und Miriam Föger bei ihrer Hochzeit im Jahr 2018

©Privat

„Bei mir hat es sofort Boom gemacht, als ich sie wieder gesehen habe. Über Bekannte war sie immer am neuesten Stand, was mich betraf.“ Aus Freundschaft wurde Liebe, 2018 folgte die Hochzeit. Dass Ricardo einmal Anja hieß und wie eine Frau aussah, spielt für Friseurmeisterin Miriam keine Rolle. „Ich bin der Mensch, den sie liebt und mit dem sie alt werden will. Wer ich war, ist uninteressant. Es gibt nichts, das uns noch auseinanderbringen kann.“

"Muss mich nicht outen"

Seine Geschichte hat Ricardo Föger, der als Coach und medizinischer Masseur arbeitet, in dem Buch "Der Mann, der einmal ein Mädchen war" (Michael Wagner Verlag) aufgeschrieben. Es soll anderen Betroffenen Mut und Hoffnung machen und Wege aus dem Doppelleben aufzeigen.

Heute, mit 33, ist Föger glücklicher denn je. Sein Massagestudio befindet sich im selben Haus wie Miriams Friseursalon, Miriams zehnjährige Tochter erziehen sie gemeinsam. Aus dem Dorf wegzuziehen, kam für ihn nie in Frage. „In Tirol muss ich mich nicht mehr outen, da kennt mich mittlerweile jeder", sagt der Familienvater. "Ich sehe aber auch gar nicht die Notwendigkeit. Homosexuelle haben es da viel schwerer, sie outen sich immer aufs Neue, jeden Tag. Weil sie nach außen hin auffallen.“

©Verlag

Dass Geschlechtsangleichungen von manchen Kritikern als "Modeerscheinung" abgetan werden, kann er nicht nachvollziehen. „Es wird einem in Österreich als transidenter Mensch wirklich nicht leicht gemacht. Niemand braucht glauben, dass man diesen Weg leichtfertig geht, denn er ist mit vielen Schmerzen und Hürden verbunden." Aktuell plagt den 33-Jährigen etwa seine kaputte Erektionsprothese, die in Österreich niemand reparieren kann.

Dennoch sagt er heute voller Überzeugung: "Ich habe meine Entscheidung keinen Tag bereut. Endlich kann ich der sein, der ich bin.“

Julia Pfligl

Über Julia Pfligl

Seit 2014 beim KURIER, Ressort Lebensart

Kommentare