"Sleep Divorce": Wie sich getrennte Betten auf die Beziehung auswirken

Eines von zehn Paaren schläft laut einer Studie in getrennten Betten. Was das Phänomen für die Partnerschaft bedeutet.

Nacht für Nacht sind Millionen von Paaren einander wieder und wieder ausgesetzt: Er schläft nach wenigen Minuten ein und beginnt sofort laut zu schnarchen, sie quasselt die ganze Zeit vor sich hin oder geht im Stundentakt zur Toilette. Auch wenn sich beide bewusst sind, dass sie komplett andere Schlafgewohnheiten haben, traut sich niemand, das Thema offen anzusprechen. Denn: In einer glücklichen Beziehung gibt es keine getrennten Schlafzimmer - oder?

Laut Klischee sollten Paare immer in einem gemeinsamen Bett schlafen.

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Unterschiedliche Routinen

Denkt man an seine eigenen Beziehungen zurück, fallen einem vermutlich einige Gründe ein, die für ein getrenntes Schlafzimmer sprechen: Der eine muss immer früh aufstehen, der andere ist ein Langschläfer. Der eine bevorzugt herunter gelassene Rollos, dem anderen ist die Helligkeit im Zimmer egal. Fenster auf, Fenster zu, Licht an, Licht aus. Die Liste ist lang. Aber wie viele Paare schlafen tatsächlich in getrennten Betten? Eine Umfrage der "National Sleep Foundation" ergab, dass eins von insgesamt zehn Paaren getrennte Schlafzimmer hat. 

Warum schlafen wir eigentlich gemeinsam?

"Das Bedürfnis, gemeinsam zu schlafen, geht sehr weit zurück. Bereits in der Steinzeit haben Menschen in Gruppen geschlafen, um Schutz und Nähe zu suchen", sagt Daniela Janssen, Somnologin im Zentrum für Schlafmedizin gegenüber dem Schweizer Medium 20 Minuten. Diese evolutionsbedingte Angewohnheit haben sich die meisten Paare, die zusammenwohnen, bis heute erhalten. Dabei haben Frauen und Männer oftmals einen sehr unterschiedlichen Schlafrhythmus. Einer Studie des Verhaltensbiologen John Dittami der Universität Wien zufolge schlafen Frauen ohne Partner weitaus besser. Bei Männern ist es genau umgekehrt: Ihr Schlaf ist ruhiger und erholsamer, wenn sie die Nacht neben ihrer Partnerin verbringen. 

Was bedeutet "Sleep Divorce" für unsere Beziehung?

Die entscheidende Frage lautet nun: Sind getrennte Betten gut oder schlecht für unsere Partnerschaft? Paarberaterin Margareta Hofmann geht etwa davon aus, dass sich getrennte Betten vor allem auf die sexuelle Anziehung positiv auswirken. Allein die Frage "zu mir oder zu dir" wirke erotisch und fördere die Lust auf den anderen. Außerdem verbessere sich durch getrennte Betten zwangsläufig die Schlafqualität. Man werde nicht mehr von diversen Geräuschen des Partners aus dem Schlaf gerissen, sondern könne seiner eigenen Routine nachgehen.

Schlaf-Kompromisse

Eine Studie, die 2016 in der Fachzeitschrift "Chronobiology International" veröffentlicht wurde, belegt, dass das Schlafen neben einer schnarchenden Person einen negativen Einfluss auf unsere eigene Schlafqualität haben kann. Zudem passen wir uns laut der wissenschaftlichen Erhebung an die Schlafroutine unseres Partners an, was dazu führt, dass wir uns teilweise verstellen oder Dinge akzeptieren, die wir eigentlich gar nicht wollen - wie früh oder spät schlafen gehen zum Beispiel. Laut Studie stoßen sich die meisten Menschen in Beziehungen an unterschiedlichen Zubett-Gehzeiten, dem Hell-Dunkel-Verhältnis im Schlafzimmer sowie an den Aufwachphasen. 

Entfremdung

Getrennte Betten können, müssen sich aber nicht zwangsläufig positiv auf unsere Beziehung auswirken. Stichwort: Entfremdung. "Eine gute Partnerschaft hält das sicher aus, wenn man getrennt schläft. Die Frage ist aber vielmehr, was wirklich dahintersteckt. Fühle ich mich sexuell nicht mehr angezogen genug oder in irgendeiner Form eingeschränkt? Warum will ich auf Distanz gehen?", sagt Psychoanalytikerin Katrin Wippersberg. Getrennt schlafen zu wollen sei ihren Erfahrungen zufolge mehr Ausdruck einer tieferliegenden Problematik, die es zu ergründen gilt. "Das zu laute Schnarchen kann auch eine Ausrede sein, um unangenehmen Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Will man in getrennten Betten schlafen, muss man dem Partner diese Entscheidung erst erklären, ohne ihn dabei zu verletzen", so Wippersberg.

Für das Zusammengehörigkeitsgefühl spiele das gemeinsame Zimmer bzw. Bett durchaus eine zentrale Rolle, meint auch der Schweizer Schlafforscher Mathis. Dabei stehe weniger Sex im Vordergrund, als vielmehr andere, beruhigende Rituale. Auch Paartherapeut Friedhelm Schwiderski ist der Überzeugung, dass dabei die körperliche Nähe verloren gehen kann. "Kernaspekt einer Partnerschaft ist doch, sich auch körperlich nah zu sein. Das kann man sich zwar abgewöhnen, aber damit verzichtet man auf Ebenen der Kommunikation, die sich im Gespräch einfach nicht erreichen lassen", betont der Experte gegenüber der Welt

Egal wie man zu getrennten Betten in einer Beziehung steht, wichtig ist zuallerst, herauszufinden, warum man diese Variante bevorzugt. Hat es "nur" mit dem Schnarchen des Partners zu tun oder fehlt es in Wahrheit an einer anderen Stelle in der Beziehung? Paarberaterin Margareta Hofmann rät, dem Gegenüber ganz offen und ehrlich zu kommunizieren, woher das Bedürfnis nach Nähe, Distanz oder Eigenraum rührt - und dann gemeinsam eine Lösung zu finden. 

Stephanie Angerer

Über Stephanie Angerer

Social Media-Redakteurin bei der freizeit. Stephanie Angerer ist 23 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Tirol. Nach einer Zwischenstation in der Lokalredaktion bei der Kronenzeitung Salzburg übersiedelte sie nach Wien zur freizeit-Redaktion. Dort ist sie nun seit August für die Social Media Kanäle zuständig und schreibt Texte für freizeit.at.

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