Keine Scham: Klitoris erstmals korrekt in Schulbüchern abgebildet

Weibliche Geschlechtsorgane sind noch immer stigmatisiert. Warum das so ist und wie deutsche Verlage nun dagegen vorgehen.

Sie sind der Ursprung allen Lebens und doch scheint kaum jemand etwas über sie zu wissen. Weibliche Geschlechtsorgane werden von unserer Gesellschaft gerne auf Vagina oder Scheide reduziert. Wie ein Penis aussieht, wissen alle. Doch was ist mit Vulva, Vulvalippen oder Klitoris?

Wer von den äußerlich sichtbaren Genitalien der Frau spricht, meint die Vulva. Sie umfasst neben den inneren und äußeren Vulvalippen auch den Venushügel und die Klitoris. Diese wurde nun von drei deutschen Verlagen – Klett, Westermann und Cornelsen – erstmals vollständig in Schulbüchern abgebildet. Auch sprachlich haben sie teilweise nachgebessert.

Keine kleine "Perle“

Etwa bei der Klitoris, bisher häufig als kleine "Erbse“ oder "Perle" dargestellt. Sie heißt in den Schulbüchern nun korrekterweise Klitoriseichel und ist  auch mit dem inneren Teil des Organs dargestellt, das zehnmal so groß ist wie die Klitoriseichel. Der Cornelsen-Verlag geht zusätzlich auf die sexuelle Erregbarkeit der Klitoris ein und vergleicht sie mit dem Penis. Der Klett-Verlag bessert sprachlich an anderer Stelle nach: Statt "kleiner und großer Schamlippen“ ist nun von "inneren und äußeren Vulvalippen“ die Rede.

Erstmals ist nicht nur der äußerliche Teil der Klitoris - die sogenannte Klitoriseichel - in Schulbüchern abgebildet

©Ernst Klett Verlag GmbH

Anlass für die Änderungen war die Beschwerde einer deutschen Biologie-Lehrerin. Die 27-jährige Sina Krüger setzte sich in ihrer Masterarbeit mit der Darstellung des weiblichen Genitalbereichs in Schulbüchern auseinander.

"Schulbücher haben einen hohen Stellenwert im Unterricht. Wenn es im Schulbuch steht, scheint es etwas Wichtiges zu sein. Es schafft einen Raum für Schülerinnen und Schüler, sich zu trauen, Fragen über sexuelle Lust und das weibliche Geschlecht zu stellen. Das kann Mythen und gesellschaftlichen Druck abbauen und so zu einer besseren sexuellen Gesundheit bis ins Erwachsenenalter beitragen“, erklärt sie im Interview mit der taz.

Dass Wissensvermittlung und offene Kommunikation die Entstehung von Mythen verhindern und ihre Aufklärung fördern weiß auch Bettina Weidinger, Leiterin des sexualpädagogischen Lehrganges am Institut für Sexualpädagogik. "In indirekter Weise wird mit klaren Abbildungen allen Genitalien eine Wertigkeit vermittelt", erklärt sie. Aus diesem Grund sei es wichtig, "dass das weibliche, das männliche Genital und auch alle anderen Varianten der Geschlechtsmerkmale sichtbar gemacht werden."

Jahrhundertelange Diskriminierung

Doch allein mit anatomisch korrekten Abbildungen ist die Arbeit der Entmystifizierung noch nicht getan. Zusätzlich dazu benötige es Sexualpädagogik in der Ausbildung von Lehrkräften. Zwar würde immer wieder von ihnen gefordert, sich dem Thema Sexualität zu widmen, doch konkrete Unterstützung erfahren sie selten, so Weidinger.

"Es gibt viele Lehrkräfte, die sich privat fortbilden, top motiviert sind und letztendlich an den Strukturen des Schulsystems scheitern." Es mangele an (sexual)pädagogischen Rahmenkonzepten, Materialien und Orientierungshilfen vonseiten der Institutionen. "Es ist erschreckend, dass diese Themen bereits in den 70er Jahren diskutiert wurden und sich seither alles nur im Schneckentempo weiterentwickelt hat."

Denn die Ursprünge des Problems liegen lange zurück. "Biologische Frauen wurden jahrhundertelang nicht ernst genommen und waren bzw. sind von geschlechtsspezifischer Diskriminierung betroffen. Das betrifft und betraf immer auch die Sexualität", erzählt Weidinger weiter.

"Die 'Idee', Menschen zu unterdrücken, indem man Sexuelles negativiert und ignoriert, ist bedenklich genial. Damit nimmt man diesen Personen einen wichtigen Teil der Integrität, wie auch einer positiven, lustvollen Macht." Wird das Sexuelle nicht benannt, oder nur reduziert genannt, hat es laut Weidinger in einer sprachorientierten Gesellschaft auch weniger Wertigkeit und damit weniger Wertschätzung.

Wissenslücken bei Erwachsenen

In der Vergangenheit wurden bereits in zahlreichen Studien große Wissenslücken zur weiblichen Anatomie festgestellt – auch bei Erwachsenen. So etwa auch im Zuge einer 2021 in Großbritannien durchgeführten Umfrage. Von 191 Teilnehmerinnen und Teilnehmern benannten 37 Prozent die Klitoris falsch – sowohl Männer als auch Frauen. Nur 46 Prozent erkannten außerdem richtig, dass Frauen drei "Öffnungen“ in den äußeren Genitalien haben.

Die Teilnehmenden wurden bei der Umfrage gebeten, ein Diagramm der weiblichen Geschlechtsorgane zu beschriften. Fast die Hälfte wagte sich gar nicht daran, nur neun Prozent beschrifteten es komplett richtig. Ein Großteil erkannte die Vagina und den Anus; nur 49 Prozent die Vulvalippen und den Damm – also den Bereich zwischen Vagina und Anus. Es kam auch zu Verwechslungen zwischen der Klitoris und der Harnröhre. 

Französische Debatte

Die Debatte um die vollständige Abbildung weiblicher Geschlechtsorgane wurde in anderen Ländern bereits geführt. 2019 startete die französische Aktivistin und Buchautorin Julia Pietri eine Petition zur Abbildung der Klitoris in französischen Schulbüchern. Seit Herbst 2019 wird das Organ in fünf von insgesamt sieben Schulbüchern des Landes vollständig abgebildet.

Weibliche Geschlechtsorgane

Vagina (Scheide): Bei der Vagina handelt es sich um einen Muskelschlauch, der den sichtbaren Scheideneingang mit dem innenliegenden Muttermund und der Gebärmutter verbindet.

 

Vulva: Sie ist das äußerlich sichtbare Genital und umfasst die inneren und äußeren Vulvalippen, den Venushügel und die Klitoris. Die Grenze zwischen innerem und äußerem Geschlecht ist das Hymen – häufig als Scheidenhäutchen oder Jungfernhäutchen bekannt.

 

Vulvalippen ("Schamlippen“): Die äußeren Vulvalippen reichen vom Venushügel bis zum Damm. Sie bestehen aus Fettgewebe, enthalten viele Nerven und sind stark durchblutet. Daher sind sie auch empfindlich auf Berührung. Die äußeren Schamlippen schwellen bei sexueller Erregung an. Auch die inneren Lippen sind berührungsempfindlich. Sie liegen zwischen den äußeren Vulvalippen und sind etwas gekräuselt. Sie können unterschiedliche Größen und Farben - z.B. rosa oder dunkelrot – haben und können auch über die äußeren hinausragen.

 

Klitoris (Kitzler): Der externe Teil ist die sogenannte Klitoriseichel. Dazu kommt noch ein rund zehn Zentimeter langer Organkomplex inklusive Schwellkörpern. Bei sexueller Erregung wird die Klitoris größer und schwillt an.

Über Elisabeth Kröpfl

Seit 2021 beim KURIER, Ressort Lebensart

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