Missy Dunaway: Die Frau, die zum Pinsel statt zur Kamera greift

Reisen und malen: Eine US-Amerikanerin zeichnet Landschaften, die sie verzaubert haben, direkt in ihr Tagebuch.

Andere schießen aus der Hüfte Urlaubsfotos und machen Selfies in Serie. Missy Dunaway aus dem US-Bundesstaat Maine kann das auch. Aber will sie das?

„Nein“, erklärt die Landschaftsmalerin. „Ein Foto mag zeigen, wie Orte und Landschaften aussehen. Aber mit meinen Malereien möchte ich mehr. Nämlich zeigen, welche Gefühle diese in mir wachrufen.“

Man sieht, diese Frau hat mit oberflächlichem Glanz wenig am Hut. Die Künstlerin will hinter die Dinge blicken. Das war schon so, als die junge Studentin aus der Provinz nach New York City zog, um dort vom Duft der weiten Welt zu schnuppern. Ihre Mission in eigener Sache: Augen auf und alles einmal auf sich zukommen lassen. Ohne Scheu und ohne Scheuklappen.

©Missy Dunaway

Die Realität sah etwas anders aus als erhofft. Kein Gruß von den Doormen auf der Park Avenue. Sundowners in der Rooftop-Bar eines Wolkenkratzers gehörten auch nicht gerade zum Standardprogramm. Aber macht nichts. Missy Dunaway machte es sich in ihrem winzigen Appartement in Brooklyn trotzdem bequem. Und begann zu malen, wie andere ein Tagebuch führen.

Missy Dunaway bei der Arbeit: Ihre Motive sammelt  sie auf Reisen 

©Missy Dunaway

Für eine Staffelei mit großer Leinwand hatte sie keinen Platz, daher gewöhnte sie sich an, sich in kleinen Notizbüchern auszubreiten. Ob Skizzen von Erlebtem, Erinnerungen oder Träume. Sie kritzelte, sie zeichnete, sie malte – und unterzeichnete die Mini-Kunstwerke dabei stets mit originellen Sätzen oder Grußbotschaften.

Galerie in der Westentasche

Im Nu entstand dabei eine ganze Galerie. Eine, die in einem einzigen, geradezu fast läppischem Buch Platz fand – einem Moleskin-Notizbuch. Eine Galerie für die Westentasche sozusagen. Einzigartig.

Das ganze bunte Ein-Frau-Unternehmen nahm aber erst so richtig Fahrt auf, als Missy Dunaway auf Reisen ging. Ein Stipendium hatte ihr ermöglicht, die Welt außerhalb Amerikas zu entdecken. Nach Stationen wie Istanbul, Paris sowie der Wüste von Marokko stapelten sich die bemalten Notizbücher in ihrem Zimmer fast schon turmhoch.

Ganz schön bunt: Finnland aus der Sicht der Reisemalerin 

©Missy Dunaway

Bis in den New Yorker Kunsttempel, das Metropolitan Museum of Art, ist die umtriebige Bilderstürmerin noch nicht vorgedrungen. Aber einige kleinere Galerien in den USA und in Europa haben angebissen und die so persönlichen wie bemerkenswerten Notizbücher bereits ausgestellt.

Als „The Traveling Artist“ (dt. „Die reisende Künstlerin“) bezeichnet sich Missy Dunaway selbst. Ihr Appartement in Brooklyn hat sie, mittlerweile verheiratet in der Hafenstadt Port Elizabeth, gegen ein Studio in einem geräumigen Holzhaus getauscht. Aber das Reisen will Missy nicht missen.

Als ehemalige Kunststudentin ist sie es gewohnt, Skizzen anzufertigen. Über die Jahre wurde aus den Skizzenbüchern eben so etwas wie persönliche Tagebücher. Wir lange arbeitet sie eigentlich an einem Bild?
Missy Dunaway: "Das hängt von der betreffenden Landschaft ab. Grob gesprochen, dauert es von 45 Minuten bis zu sechs Stunden. Wie bei allem, macht die Praxis die Meisterin. Für Anfänger empfiehlt sich ein Skizzenblock. Das geht nicht so ins Geld wie das Malen auf Leinwänden."

Ab nach Afrika

Demnächst tritt sie einen mehrmals verschobenen Auslandsaufenthalt in Afrika an. Daneben gibt die kreative Kraft im Kleinformat Malunterricht und illustriert neben Buchcovern und Postkarten auch Briefumschläge.

Ihr Ansatz: „Kunst soll für alle zugänglich sein. Sie soll aufmuntern, uns fröhlich stimmen, uns inspirieren und uns mit anderen Menschen verbinden.“

Wer eine echte Missy Dunaway für zu Hause möchte: Ein Bild im Format einer aufgeschlagenen Moleskin-Seite (ca. 20 x 25 cm) kostet umgerechnet 830 Euro, für größere Formate ist eine vierstellige Summe fällig.

©Missy Dunaway

Oder doch das Gesamtpaket? Ein ganzes Bilderbuch von Missy Dunaway? Auch das gibt es, allerdings nur im Original: „The Traveling Artist. A Visual Journal“. Vielleicht eine gute Inspiration für die nächste Urlaubsreise.

missydunaway.com

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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