Supermodel Lauren Hutton: Mit 78 nackt am Cover

Auch mit 78 konsequent unkonventionell: Supermodel Lauren Hutton als Speerspitze sich verändernder Schönheitsideale.

40 „Vogue“-Cover hat sie auf ihrer Visitenkarte zu Buche stehen, so oft zierte sie das Titelblatt der bedeutendsten Modezeitschrift der Welt: Lauren Hutton war bereits ein Supermodel, als es den Begriff noch gar nicht gab.

Jetzt setzt sie ihrer Karriere mit einem mutigen Fotoshooting die Krone auf: Mit stolzen 78 Jahren posiert sie am Cover der Mai-Ausgabe von „Harper’s Bazaar“ – oben ohne, um die Schultern nur einen Gucci-Blazer geschwungen, den nackten Busen bloß mit den eigenen Händen bedeckt.

Zeitlos schön: Lauren Hutton am Cover von "Harper's Bazaar"

©Cass Bird for Harper's Bazaar

Das Heft steht ganz unter dem Motto veränderter Schönheitsideale. „Re-defining Beauty“. Im Artikel spricht Hutton über ihre Karriere als Model und ihre persönlichen Beauty-Tipps. Und sie thematisiert kosmetische Eingriffe; sie zu riskieren bedeute, einen schmalen Grat zu betreten: „Es gibt Menschen, bei denen es mir heute schwerfällt, sie anzusehen. Ihre Gesichter sehen nicht aus wie die Leute, die ich einmal kannte.“

Wegbereiterin der Supermodels

Lange bevor Cindy Crawford, Claudia Schiffer & Co das Zeitalter der Supermodels ausriefen und daraus etwas unerhört glamouröses, erotisches und schwindelerregend gut bezahltes Zeitgeist-Phänomen machten, sorgte Hutton bereits für Furore – in dieser Riege nahm sie stets eine besondere Rolle ein.

Zu klein, zu alt, um überhaupt noch mit dem Modeln anzufangen, und dazu noch eine ordentliche Zahnlücke sichtbar im Gebiss: Am Anfang ihrer Karriere wurde die Amerikanerin reihenweise von den Agenturen abgelehnt. Stattdessen wurde ihr geraten, ihre Schneidezahn-Lücke mit Leichenwachs zu verdecken oder einer speziellen Zahnkappe.

Blickfang: Lauren Hutton, 1974

©Photo by Archive Photos/Getty Images

Den Rat, den Eileen Ford, legendäre Agenturchefin von Ford Models, ihr dringend ans Herz legte, schlug Hutton - karrieretechnisch selbstmörderisch, aber selbstbewusst - aus: Sie lehnte es ab, sich die Nase (ein weiterer Minuspunkt in der damals auf konfektionierte Schönheiten zugeschnittenen Modelbranche) richten zu lassen. Und siehe da: All diese vermeintlichen ästhetischen Defizite gerieten ihr zum Vorteil.

Als Hutton 1973 einen Vertrag mit der Kosmetikmarke Revlon unterschrieb, war das bahnbrechend: Der Kontrakt war der damals höchstdotierte, den ein Model jemals abgeschlossen hatte. Zudem riskierte sie, was damals ebenfalls noch lange nicht Usus war: Sie trat auch vor die Kinokamera und spielte in Hollywood-Filmen. Am berühmtesten eindeutig in „Ein Mann für gewisse Stunden“ aus dem Jahr 1980. Ihrer Rolle als Michelle verlieh sie einen unnachahmlichen, eleganten, zarten Upper-class-Stil.

Für immer Laufsteg: 2017 mit Gigi Hadid bei einer Fashionshow der Marke Bottega Veneta

©Photo by Catwalking/Getty Images

Dass das Model in einer Zeit, in der verstärkt auf Diversität gesetzt wird und konventionelle Konfektionsgrößen oder das Alter als problematisches Schönheitsideal gedeutet werden, als eine Art Speerspitze in Erscheinung tritt, wirkt konsequent.

Trotzdem sei es ihr zugleich ein wenig unangenehm: „Es ist peinlich, vor einer Kamera zu posieren. Man fühlt sich komisch. Man wird unsicher", wird Lauren Hutton in "Harper's Bazaar" zitiert." „Modeln ist wie Geige spielen: Man muss jeden Tag üben. Wenn ich jetzt in die Kamera schaue, habe ich gelernt, mir das Gesicht meines Geliebten, meiner Patenkinder, meiner Freunde vorzustellen – wen auch immer ich dort brauche.“

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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