Warum schauen wir uns jedes Jahr dieselben Weihnachtsfilme an?

Julia Pfligl

von Julia Pfligl

In der Vorweihnachtszeit hat jede Familie ihre Rituale. Eines das wohl auch dazu gehört: Immer die selben Weihnachtsfilme ansehen.

Advent ist dann, wenn Luiserl und Omama um das Gansl streiten, Lillibet im Nerz erscheint und der Christbaum in Flammen aufgeht. Jede Familie hat ihre eigenen Dezemberrituale, in meiner wird die herrlich satirische Schwarzenberger-Komödie „Single Bells“ aus dem Jahr 1998 geschaut –  obwohl wir die Dialoge längst mitsprechen können. An den Weihnachtsfeiertagen wiederholt sich das Spiel mit der „Sissi“-Trilogie sowie den beiden „Kevin“-Filmen, die uns Kindern schon vor zwanzig Jahren die Wartezeit aufs Christkind versüßten. Überraschungseffekt beim Schauen? Gleich null, doch das Gefühl der Vertrautheit, die Vorfreude auf garantierte Schenkelklopfer und ein Wiedersehen mit lieb gewonnenen Charakteren gleichen das locker aus. 

In der Weihnachtszeit hat Altbekanntes jeglicher Form Hochsaison, und damit auch das Phänomen des „Comfort Binging“: So nennen Psychologen den Trend, bereits bekannte Serien und Filme immer wieder anzusehen – bei Streaminganbietern toppen derzeit etwa Klassiker wie „Gilmore Girls“ oder „Friends“  die Beliebtheitsliste. Eine Erklärung steckt schon im Namen: „Comfort“ ist englisch für „Trost“ oder „Behaglichkeit“, „binging“ heißt „verschlingen“ – und Tröstliches ist heuer, gerade zu Weihnachten, höchst willkommen.

Neues sei immer mit Unsicherheit verbunden, weiß die Kommunikationswissenschaftlerin Daniela Schlütz von der Filmuniversität Babelsberg, viele fühlen sich zudem von der Endlos-Auswahl der Streaminganbieter überfordert. „Bei den Weihnachtsfilmen, die jedes Jahr wiederholt werden, weiß ich, was auf mich zukommt, das gibt ein gutes, nostalgisches Gefühl von Sicherheit. Ich muss mich nicht auf Neues einlassen und brauche keine Angst zu haben, enttäuscht zu werden“, erklärt die Expertin das bewusste Déjà-vu. 

In WhatsApp-Gruppen und sozialen Medien entsteht dadurch ein Gefühl von Gemeinschaft: Jeder ist woanders, und doch schauen so viele dasselbe. Auch Identifikation spielt eine Rolle: Wenn man die Charaktere jedes Jahr in sein Wohnzimmer lässt, fühlen sie sich irgendwann wie Freunde an. Oder, im Fall von „Single Bells“, wie Familie.   

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Julia Pfligl

Über Julia Pfligl

Seit 2014 beim KURIER, Ressort Lebensart

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